http://www.faz.net/-gyl-wgwb

Sinn und Sinnlichkeit : Latein ist nicht tot, sondern unsterblich

  • Aktualisiert am

„Korrekt ist Kikero, wobei das i ganz kurz zu sprechen ist” Bild: fotolia.de

Einmal in der Woche, seit 25 Jahren, spricht Wilfried Stroh mit seinen Studenten Latein: „Ich liebe die ungeheure Ausdruckskraft dieser Sprache.“ Der Bestseller-Autor über den Lateinboom und die Deutschen als Volk von „Latin Lovers“.

          Bestseller-Autor Wilfried Stroh über Sinn und Sinnlichkeit des Lateins - und wer es am besten spricht.

          Wie geht es Ihnen heute, Herr Stroh, oder besser gesagt: Quid hodie agis, Professor Vahlafride?

          Suaviter, ut nunc est, wie Horaz sagen würde. Danke, ganz ordentlich.

          Kein Grund zur Bescheidenheit. Ihr Buch "Latein ist tot - es lebe Latein" ist ein Bestseller und hat innerhalb kurzer Zeit schon acht Auflagen erlebt. Ist Latein wieder in Mode gekommen?

          Das kann man so sagen. Wir haben bei den Lateinschülern seit einigen Jahren eine konstante Zuwachsrate von fünf Prozent, heute lernt fast jeder dritte Gymnasiast Latein.

          Die Deutschen, ein Volk von „Latin Lovers“?

          In der Tat, ja. Es ist wirklich erstaunlich, wie stark das Phänomen in Deutschland ist. Kein anderes Land in Europa erlebt derzeit einen solchen Lateinboom. Wenn das so weitergeht, haben in dreißig Jahren alle Latein in der Schule. Dabei gibt es jetzt schon nicht genügend Lehrer.

          Wie erklären Sie diesen Aufwärtstrend?

          Ich glaube, dass heute wieder ein allgemeines Interesse an der Antike vorhanden ist. Viele finden das ungemein faszinierend. Das andere ist, dass Latein viel von der Schrecklichkeit verloren hat, die es früher hatte. Es war ja lange vor allem ein Mittel der geistigen Disziplinierung und der sozialen Selektion. Das hat aufgehört. Das Lateinische betrachtet sich heute nicht mehr als eine Übung für eine geistige Elite, sondern als ein Fach für alle.

          Warum sollte man heutzutage denn überhaupt noch Latein lernen?

          Vor allem aus zwei Gründen: Zum einen führt Latein uns in die Geschichte. Es ermöglicht uns, die Kultur der Antike zu verstehen. Zum anderen soll Latein unseren Verstand durch grammatisches Training schulen. Wichtig auch: Das Lateinische ist Bestandteil der europäischen Tradition. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war es die Weltsprache schlechthin, jeder, der in einer anderen Sprache geschrieben hat, galt als provinziell.

          Wäre es nicht trotzdem sinnvoller, seine Zeit in das Erlernen einer modernen Fremdsprache zu investieren?

          Das ist ja keine Alternative. Englisch und Französisch gehören zur Grundausstattung jedes gebildeten Menschen. Dazu sollte aber unbedingt auch Latein treten. Wenn man sich mit Englisch horizontal, also über Ländergrenzen hinweg, verständigt, tut man das mit Latein vertikal, über die Zeiten hinweg. Englisch und Latein stehen sozusagen im rechten Winkel aufeinander.

          Was fasziniert Sie selbst am meisten am Latein?

          Ich liebe die ungeheure Ausdruckskraft dieser Sprache. Man kann im Lateinischen die Dinge ungewöhnlich knapp und prägnant formulieren. Auf der anderen Seite bietet es aber auch eine unglaubliche Wortfülle, man hat einen riesigen Gestaltungsspielraum.

          Was würden Sie denen raten, die sich schwertun mit Latein? Verweisen Sie auf Vergil, der gesagt hat: Labor omnia vincit - Unablässiges Mühen bezwingt alles?

          (Er lacht.) Labor ist nie schlecht. Aber er darf natürlich nicht das Einzige sein. Man muss versuchen, an der Sache Freude zu haben. Für viele ist es motivierend, Sachen wie den lateinischen Asterix zu lesen oder eine Lateinzeitschrift wie die "Vox Latina", in der aktuelle Themen auf Lateinisch abgehandelt werden. Vor allen Dingen braucht man aber einen guten Lehrer, der sensibel ist für die ästhetischen Reize der lateinischen Sprache. Es ist unheimlich wichtig, die Verse zu verstehen, sie richtig zu lesen, die sinnliche Seite des Lateinischen aufzuschließen. Das kann der Schüler selber schwer machen.

          Weitere Themen

          Beet und Breakfast

          England : Beet und Breakfast

          Wer von Rosen, Clematis oder Rittersporn nicht genug bekommen kann, der sollte in England in einem „Bed and Breakfast for Garden Lovers“ absteigen – zum Beispiel im Clapton Manor.

          Bäume müssen nicht vermenschlicht werden Video-Seite öffnen

          Kritik an Peter Wohlleben : Bäume müssen nicht vermenschlicht werden

          Die Deutschen lieben den Wald. Der Förster Peter Wohlleben schreibt in seinen Büchern, Bäume liebten sich auch untereinander. Der Forstwissenschaftler Prof. Christian Ammer von der Georg-August-Universität Göttingen durchbricht jetzt die Bestseller-Idylle: Massensterben ist an der Tagesordnung, der Wald muss nicht vermenschlicht werden, um Bewunderung hervorzurufen.

          Topmeldungen

          TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der Wunderknabe aus Österreich

          Sebastian Kurz ist der neue Hoffnungsträger der europäischen Konservativen. Bei „Hart aber fair“ zeigt sich, dass Kurz vor allem von Politikern profitiert, die sich für die Probleme der Menschen als unzuständig erklären.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.