09.03.2008 · Einmal in der Woche, seit 25 Jahren, spricht Wilfried Stroh mit seinen Studenten Latein: „Ich liebe die ungeheure Ausdruckskraft dieser Sprache.“ Der Bestseller-Autor über den Lateinboom und die Deutschen als Volk von „Latin Lovers“.
Bestseller-Autor Wilfried Stroh über Sinn und Sinnlichkeit des Lateins - und wer es am besten spricht.
Wie geht es Ihnen heute, Herr Stroh, oder besser gesagt: Quid hodie agis, Professor Vahlafride?
Suaviter, ut nunc est, wie Horaz sagen würde. Danke, ganz ordentlich.
Kein Grund zur Bescheidenheit. Ihr Buch "Latein ist tot - es lebe Latein" ist ein Bestseller und hat innerhalb kurzer Zeit schon acht Auflagen erlebt. Ist Latein wieder in Mode gekommen?
Das kann man so sagen. Wir haben bei den Lateinschülern seit einigen Jahren eine konstante Zuwachsrate von fünf Prozent, heute lernt fast jeder dritte Gymnasiast Latein.
Die Deutschen, ein Volk von „Latin Lovers“?
In der Tat, ja. Es ist wirklich erstaunlich, wie stark das Phänomen in Deutschland ist. Kein anderes Land in Europa erlebt derzeit einen solchen Lateinboom. Wenn das so weitergeht, haben in dreißig Jahren alle Latein in der Schule. Dabei gibt es jetzt schon nicht genügend Lehrer.
Wie erklären Sie diesen Aufwärtstrend?
Ich glaube, dass heute wieder ein allgemeines Interesse an der Antike vorhanden ist. Viele finden das ungemein faszinierend. Das andere ist, dass Latein viel von der Schrecklichkeit verloren hat, die es früher hatte. Es war ja lange vor allem ein Mittel der geistigen Disziplinierung und der sozialen Selektion. Das hat aufgehört. Das Lateinische betrachtet sich heute nicht mehr als eine Übung für eine geistige Elite, sondern als ein Fach für alle.
Warum sollte man heutzutage denn überhaupt noch Latein lernen?
Vor allem aus zwei Gründen: Zum einen führt Latein uns in die Geschichte. Es ermöglicht uns, die Kultur der Antike zu verstehen. Zum anderen soll Latein unseren Verstand durch grammatisches Training schulen. Wichtig auch: Das Lateinische ist Bestandteil der europäischen Tradition. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war es die Weltsprache schlechthin, jeder, der in einer anderen Sprache geschrieben hat, galt als provinziell.
Wäre es nicht trotzdem sinnvoller, seine Zeit in das Erlernen einer modernen Fremdsprache zu investieren?
Das ist ja keine Alternative. Englisch und Französisch gehören zur Grundausstattung jedes gebildeten Menschen. Dazu sollte aber unbedingt auch Latein treten. Wenn man sich mit Englisch horizontal, also über Ländergrenzen hinweg, verständigt, tut man das mit Latein vertikal, über die Zeiten hinweg. Englisch und Latein stehen sozusagen im rechten Winkel aufeinander.
Was fasziniert Sie selbst am meisten am Latein?
Ich liebe die ungeheure Ausdruckskraft dieser Sprache. Man kann im Lateinischen die Dinge ungewöhnlich knapp und prägnant formulieren. Auf der anderen Seite bietet es aber auch eine unglaubliche Wortfülle, man hat einen riesigen Gestaltungsspielraum.
Was würden Sie denen raten, die sich schwertun mit Latein? Verweisen Sie auf Vergil, der gesagt hat: Labor omnia vincit - Unablässiges Mühen bezwingt alles?
(Er lacht.) Labor ist nie schlecht. Aber er darf natürlich nicht das Einzige sein. Man muss versuchen, an der Sache Freude zu haben. Für viele ist es motivierend, Sachen wie den lateinischen Asterix zu lesen oder eine Lateinzeitschrift wie die "Vox Latina", in der aktuelle Themen auf Lateinisch abgehandelt werden. Vor allen Dingen braucht man aber einen guten Lehrer, der sensibel ist für die ästhetischen Reize der lateinischen Sprache. Es ist unheimlich wichtig, die Verse zu verstehen, sie richtig zu lesen, die sinnliche Seite des Lateinischen aufzuschließen. Das kann der Schüler selber schwer machen.
Sie selbst sprechen fließend Lateinisch, sogar Ihr Anrufbeantworter macht lateinische Ansagen. Gibt es denn viele, mit denen Sie sich unterhalten können?
Es hält sich in Grenzen. In erster Linie spreche ich mit meinen Studenten Latein, einmal in der Woche, seit 25 Jahren.
Hätte man Sie eigentlich auch im alten Rom verstanden?
Da habe ich keinen Zweifel. Wir kennen die Aussprache so genau, dass man wahrscheinlich nur durch Mängel der Satzintonation auffallen würde. Wenn Cicero heute zu uns ins Lateinische Seminar käme, könnten wir uns problemlos mit ihm verständigen. Wenn aber aus der derselben Zeit Hermann der Cherusker käme, ein deutscher Nationalheld, würden wir von seinem Germanisch kein Wort verstehen. Zum Glück konnte er Latein.
Sie haben gerade "Tsitsero" gesagt. Ist das die richtige Aussprache?
Nein, nur die in Deutschland übliche. Korrekt ist Kikero, wobei das i ganz kurz zu sprechen ist und das k ohne ein gehauchtes h wie im Deutschen. Ganz wichtig auch: Das r rollen!
Wie kriegt man komplizierte Konstruktionen wie Ablativus absolutus oder AcI in freier Rede hin?
Ach, das ist reine Übungssache. "Pattern Drill" nennt man das. Es gibt Lehrbücher, da üben Sie seitenweise den AcI, hundert am Stück. Da kann man einfach den Verstand ausschalten. Der größte Fehler, den man beim Lateinlernen machen kann, ist, zu viel zu denken. Im Unterricht wird meist zu viel Wert auf Verstandesschulung gelegt und viel zu wenig die Sprache gelernt.
Also mehr Latein sprechen, auch in der Schule?
Na klar. Wir müssen endlich begreifen: Latein ist eine ganz normale Fremdsprache. Es ist nur insofern "tot", als es sich nicht mehr weiterentwickelt. In Wahrheit ist Latein nicht tot, sondern unsterblich. Zumal es in vielen modernen Sprachen fortlebt.
Auch im Deutschen?
Es ist kaum zu glauben, wie viel bei uns aus dem Lateinischen kommt; es gibt massenhaft Beispiele wie Keller (cella), Mauer (murus), Fenster (fenestra), Pech (pix), Pfand (pactum) oder Becher (bacarium).
Aber wenn heute ein Politiker auf die Idee käme, wie weiland Franz Josef Strauß lateinische und griechische Zitate in seine Reden einzubauen, würde uns das eher irritieren, oder?
Na ja, der bayerische Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler von der SPD zum Beispiel hat immer einen lateinischen Spruch parat. Das hat schon zu köstlichen Missverständnissen geführt. Einmal hat er über die CSU gesagt: Quamquam sunt sub aqua, sub aqua maledicere temptant. Das ist von Ovid und heißt so viel wie: Obwohl sie unter Wasser sind, reißen sie immer noch das Maul auf. In der Zeitung stand dann, Stiegler habe verlangt, dass man die von der CSU alle ersäufen müsse.
Was ist Ihr lateinisches Lieblingszitat?
Amor docet musicam: Die Liebe lehrt die Musik. Das ist der Wahlspruch unseres Lateinvereins und stammt eigentlich von dem griechischen Dichter Euripides.
Latein und Musik?
Latein ist eine unglaublich musikalische Sprache. Lange und kurze Silben verhalten sich zueinander wie 2:1. Das ist sehr rhythmisch. Mit Hilfe von Musik kann man deshalb wunderbar lateinische Versmaße einüben. (Er singt einen lateinischen Daktylus.) Für uns Deutsche ist das schwer. Finnen dagegen können das sehr gut, auch die Ungarn.
Wer hat denn Ihrer Ansicht nach das schönste Latein geschrieben?
Von den Prosaikern auf jeden Fall Cicero. Und natürlich Seneca. Und in der Neuzeit Erasmus von Rotterdam.
Und was ist mit Caesar?
Der war zwar ein wunderbarer Stilist, hat aber eher schlicht und anspruchslos geschrieben. Wenn er so geredet hätte, wie er im "Bellum Gallicum" geschrieben hat, wäre er wohl niemals ein bedeutender Staatsmann geworden.