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Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Self-Assessments im Internet Studienberatung zum Durchklicken

16.03.2010 ·  Bin ich für ein Studium geeignet? Welches Fach ist das richtige für mich? Und welche Uni? Viele Hochschulen versuchen, Abiturienten solche Entscheidungen zu erleichtern - mit Selbsttests im Internet.

Von Nadine Bös
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Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Wahl-O-Mat, Intelligenztest und Psycho-Quiz: Würdest du dich gern mit wissenschaftlichen Argumentationen auseinandersetzen oder lieber anderen Menschen zuhören und mit ihnen über ihre Sorgen sprechen? Würdest du lieber neue Theorien entwickeln oder Ergebnisse von Experimenten dokumentieren? Welcher der Würfel a, b, c, d oder e kann aus der abgebildeten Faltvorlage gebildet werden? „Kiesel“ verhält sich zu „Fels“ wie „Hering“ zu . . .? Am Ende raucht der Kopf. 60 Minuten dauert der Online-Test der RWTH Aachen, der Oberstufenschülern bei einer der wichtigsten Entscheidungen helfen soll, die nach dem Abitur zu treffen sind: Soll ich studieren oder lieber nicht?

„Self-Assessment“ lautet der etwas sperrige Name dieses Internet-Hilfsmittels zur Studienberatung. Per Selbsttest am Bildschirm lässt sich nicht nur der Frage nachgehen, ob jemand generell studieren oder besser eine Ausbildung machen sollte. Fächerspezifische Tests helfen auch bei der Entscheidung, ob zum Beispiel Germanistik zu dem angehenden Studenten passt oder doch eher ein mathematisch-naturwissenschaftliches Fach.

Martin Leibold hat es ausprobiert. „Ich hatte mir vorher schon gedacht, dass mir Wirtschaftswissenschaften ganz gut liegen könnten, aber ich war mir nicht sicher“, sagt der 19 Jahre alte Münchener, der in diesem Frühjahr sein Abitur machen wird. Durch eine Studienberatung in der Schule wurde er auf die Selbsttests im Netz aufmerksam. Er nahm sich anderthalb Stunden Zeit und klickte sich durch das Wirtschafts-Self-Assessment des Verbundes Norddeutscher Universitäten. „Das war ganz schön anstrengend“, berichtet Leibold. „Aber es hat mir auch sehr weitergeholfen. Dass ich mit den kniffligen Aufgaben gut klarkam, hat mich in der Entscheidung bestärkt, nach dem Abitur BWL zu studieren.“

„Die Nachfrage nach solchen Tests nimmt sprunghaft zu“

Mindestens 20 deutsche Universitäten bieten inzwischen Online-Self-Assessments an (als kleine Kostprobe gibt es hier einige Beispielfragen: Quiz: Für welche Studienfächer sind Sie fit?). Die Methode ist noch relativ jung. „Die Nachfrage nach solchen Tests nimmt aber sprunghaft zu“, sagt Klaus Wannemacher, der sich für das Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) mit E-Learning und Hochschulsoftware beschäftigt. „Die Hochschulverwaltungen sind in puncto Studienberatung völlig überlastet. Und der Dschungel verschiedener Studiengänge wird immer unübersichtlicher. Da kann ein Selbsttest wertvolle Dienste leisten.“

Einer HIS-Befragung aus dem Jahr 2008 zufolge nutzen inzwischen 97 Prozent der angehenden Studenten das Internet zur Information über weitere Ausbildungs- und Studienwege. „Wenn die Abiturienten sowieso viel im Netz unterwegs sind, liegt es nahe, Teile der Studienberatung dorthin zu verlagern“, argumentiert Wannemacher. Entsprechend groß sei die Nachfrage nach den Self-Assessments. Wannemacher warnt aber davor, sie als vollständigen Ersatz für persönliche Studienberatung zu sehen. „Es gibt gewisse Grenzen, die solche Angebote mit sich bringen“, sagt er. „Beispielsweise sind manche Studenten mit der Interpretation ihrer Testergebnisse überfordert. Oder sie brauchen persönliche Ratschläge, wie sie ihre Stärken in einer Studienlaufbahn tatsächlich umsetzen können, zum Beispiel durch die Wahl der richtigen Schwerpunkte.“ Dazu komme, dass nicht jedes Self-Assessment qualitativ gleich gut sei. „Es gibt keinerlei feste Standards. Jede Uni entwickelt ihre Tests in Eigenregie“, kritisiert Wannemacher. „Und es gibt keinen übergeordneten kommerziellen Anbieter. Das ist noch eine echte Marktlücke.“

Einem übergeordneten Anbieter relativ nah kommt jedoch die RWTH Aachen. „Nachdem wir die ersten Self-Assessments entwickelt hatten, schrieb der Verbund Norddeutscher Universitäten ein Drittmittelprojekt für den Entwurf eines Selbsttests aus“, berichtet der Psychologe Daniel Putz, der einer Aachener Arbeitsgruppe um den Psychologieprofessor Lutz F. Hornke angehört, die Online-Selbsttests konzipiert. Die RWTH bewarb sich und bekam den Zuschlag. „So durfte unser Lehrstuhl die Tests für sechs weitere Hochschulen entwickeln“, sagt Putz. Auch ein spezielles Self-Assessment für internationale Studenten stammt aus der Feder des Aachener Teams. „Wir sehen uns dennoch nicht als Testanbieter in großem Stil“, erklärt der Wissenschaftler. „Das würde derzeit unsere Kapazitäten sprengen.“

Die Tests sind auch ein Marketinginstrument

Gleichwohl evaluiert Daniel Putz zusammen mit einigen Kollegen fleißig den Erfolg der Onlinetests. „Viele Teilnehmer schätzen ihre Unsicherheit hinsichtlich der Studienfachwahl geringer ein, nachdem sie das Self-Assessment absolviert haben“, erläutert er die Ergebnisse seiner Studentenbefragungen. „Leider können wir aber nur wenig darüber sagen, ob unsere Teilnehmer auch tatsächlich seltener ihr Studium abbrechen. Dazu fehlen uns derzeit noch systematische Daten über den späteren Studienverlauf.“

Wolfram Wickel, der Leiter der Zentralen Studienberatung an der Universität Bonn, verbindet mit den Selbsteinschätzungen im Netz noch ein weiteres Ziel. „Wir wollen, dass die Kandidaten etwas darüber erfahren, ob die Uni Bonn zu ihnen passt“, sagt er. Ein Self-Assessment sei daher auch ein Instrument für das Hochschulmarketing. „Zum Beispiel bedeutet ein VWL-Studium bei uns etwas anderes als an vielen anderen Hochschulen, weil wir hier sehr mathematiklastig sind“, erläutert Wickel. „Nach einem Self-Assessment entscheiden sich angehende Studenten bewusster, und sie bleiben danach hoffentlich auch ihr gesamtes Studentendasein lang bei uns.“

„Wir ärgern uns nicht über Verlinkungen“

Den Service für die Studenten lassen sich die Hochschulen etwas kosten. Für Hard- und Software, Testentwicklung, Betreuung und Evaluation gibt die Uni Bonn inklusive Personal in zwei Jahren 280 000 Euro aus, überschlägt Wickel. HIS-Fachmann Klaus Wannemacher glaubt, dass Bonn damit noch am unteren Ende der Spanne liegt. Sehr aufwendige Testsysteme könnten durchaus Kosten im siebenstelligen Bereich verursachen, sagt er. Manche Hochschulen scheuen diese Ausgaben und greifen schlicht per Link auf die Angebote ihrer Konkurrenten zurück. So verweist die Universität Köln auf ihrer Studienberatungs-Website auf die entsprechenden Seiten aus Hohenheim und Bochum und auf die Self-Assessments des Nordverbundes. „In der persönlichen Beratung können wir Ihre Erfahrung mit Self-Assessments gerne mit aufgreifen und bewerten“, heißt es auf der Kölner Homepage weiter.

Testentwickler wie Daniel Putz nehmen den Trittbrettfahrern solche Praktiken nicht übel. „Wir ärgern uns nicht über Verlinkungen“, sagt Putz. „Das Netz lädt eben dazu ein. Und es ist nun einmal eine Tatsache, dass die grundsätzlichen Kriterien, die jemand für ein Studienfach mitbringen muss, an vielen Universitäten gleich sind. Wer sich durch das Aachener Psychologie-Self-Assessment in seiner Studienfachwahl bestärkt fühlt, wird vermutlich feststellen, dass auch das Psychologiestudium in Köln zu seinen Interessen und Fähigkeiten passt.“ Auch Wolfram Wickel aus Bonn findet Verlinkungen nicht dramatisch: Der Marketingeffekt des Self-Assessments lasse sich nicht klauen, sagt er. „Vielleicht lernen angehende Studenten über solche Links die Uni Bonn besser kennen - und entscheiden sich hinterher für uns.“

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