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Selbstversuch bei Daimler Marathon zum Studienplatz

16.11.2008 ·  Bewerbung, Vorstellungsgespräch, Einstellung. Dieser simple Weg zum Ausbildungsplatz ist heute vielerorts Vergangenheit. Wer sich für ein Studium an einer Berufsakademie bewirbt, muss zuerst viele Stationen erfolgreich durchlaufen.

Von Julia Wenzel
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„Sie wollen später eine Führungsposition einnehmen; sind aber auch sozial engagiert – wie werden Sie damit umgehen, wenn Sie künftig zu Kündigungen gezwungen sind?“ Was wohl Dieter Zetsche mit 19 Jahren auf diese Frage geantwortet hätte? Die spontane Antwort muss für den Moment genügen, obwohl sie in der Praxis ausbaufähig wäre: „Ich sehe anstehende Kündigungen nicht als Zwang, sondern als Herausforderung dafür, eine andere Lösung zu finden.“

Zum Auswahltag bei Daimler für einen Ausbildungsplatz im Bereich BWL/Industrie, der Vorraussetzung für einen Studienplatz an der Berufsakademie Stuttgart ist, sind 18 Personen gekommen, fast ausschließlich Schüler der Jahrgangsstufe 13. Nur für drei von ihnen endet der Tag schon nach dem Eignungstest am PC. Die restlichen 15 dürfen das vierstufige Assessment Center durchlaufen.

Was würde Dieter Zetsche tun?

Die Vorgeschichte: Erste Station auf dem langen Weg zu einem Ausbildungsplatz bei Daimler ist die Online-Bewerbung. In ein vorgefertigtes Formular sollen hier persönliche Angaben, bisheriger Bildungsweg, Praktikumseinsätze, gesellschaftliches und soziales Engagement und Motivationsschreiben eingetragen werden. Es bleibt offen, in welchem Kästchen die Auszeichnung für die Facharbeit, die Teilnahme an einem Wirtschaftsgipfel und die Beteiligung an einem Seminar für soziale Kompetenzen Platz finden sollen. Bei dem Hochladen des vierseitigen Abiturzeugnisses bricht das Programm zusammen – die komplette Online-Bewerbung muss anschließend erneut durchgeführt werden.

Auch beim zweiten und dritten Mal stürzt das Programm ab. Die zuständige Ausbildungsleiterin von Daimler antwortet auf die Anfrage, ob Zeugnis und Praktikumsbestätigungen auch per E-Mail zugesandt werden können, selbst mit einer E-Mail: „Sie können jeweils nur 1 Datei mit max. 1 MB hochladen. D. h. Sie müssen die Zeugnisdateien in eine Datei kopieren mit mind. 1 MB und dann hochladen. Wir benötigen diese Unterlagen direkt“. Wie denn nun – maximal oder minimal? Und eine Antwort auf die gestellte Frage war das auch nicht wirklich.

Schlüssel und Bärte

Ist die Online-Bewerbung allen Hindernissen zum Trotz absolviert, folgt der Online-Eignungstest. Auf den Prüfstand kommen die berufliche Leistungsmotivation, das Verhalten im Team und die Gewissenhaftigkeit der Bewerber. „Meinen Erfolg messe ich an den Leistungen anderer“, „Mich reizen neue, anspruchsvolle Aufgaben“ oder „Mein Arbeitsplatz ist immer ordentlich“: Die Aussagen können jeweils voll und ganz bejaht oder verneint werden oder beides zum Teil.

Wie steht es um Konzentrationsvermögen und Bearbeitungsgeschwindigkeit? Möglichst schnell müssen Schlüssel mit drei Bärten von Schlüsseln mit zwei Bärten und männliche von weiblichen Namen getrennt werden. Schwindeln gilt nicht, aber während der Bearbeitung der Schlüsselaufgabe kommt der Schwindel: Ein Bildschirm voller zentimetergroßer Schlüssel scheint neben den Augen auch den Gleichgewichtssinn zu belasten.

Übel ist das, weil immer wesentlich mehr Aufgaben vorhanden sind, als man in der vorgegebenen Zeit schaffen kann; ein Stresstest also. Doch die Anstrengung muss sein, denn die Konkurrenz ist hart und die Auswahl knochentrocken. Auf einen Studienplatz bei Daimler kommen jährlich ungefähr tausend Bewerber, nur etwa 30 Stellen sind insgesamt zu vergeben.

Zwischen den Modulen gibt es belegte Brötchen

Nach dem Eignungstest, der eigentlich nur eine erweiterte Form des Online-Tests ist, startet das Assessment Center. Erstes Modul ist ein Gruppengespräch. Es soll ein Messeauftritt von Mercedes auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt geplant werden. Aus verschiedenen Produkten wie einem Müdigkeitserkennungssystem, einem Mercedes AMG, einem Hybridantrieb und einem Smart sollen die Bewerber die drei publikumwirksamsten Innovationen auswählen und sich darüber beraten, wie diese möglichst effektiv präsentiert werden können. Die Diskussionen zwischen den jeweils vier bis fünf Bewerbern werden von zwei Prüfern beobachtet.

Die knapp einstündigen Wartepausen zwischen den einzelnen Modulen kann man sich mit den von Daimler bereitgestellten Käse- und Wurstbrötchen oder mit dem Studium der Konkurrenz vertreiben: Drei etwas steife Jungs in Anzügen, ansonsten mehr oder weniger galante Mädchen. Ein freundlicher Berufsakademie-Student im fünften Semester beantwortet derweil die Fragen seiner künftigen Kollegen und Kommilitonen.

Zweite Stufe des Centers ist eine erweiterte Form des klassischen Vorstellungsgespräches. Aufgabe der BA-Anwärter ist es – nach zwanzigminütiger Vorbereitungszeit –, ein fünfminütiges Referat über Lebenslauf und Motivation zu halten. Ähnlich wie in der Schule soll ein Flipchart zur Hervorhebung der wichtigsten Fakten verwendet werden. Die Erfahrung ist neu: ein Referat mit Konzeptblatt und Flipchart über sich selbst, das fühlt sich seltsam an.

„Leider müssen wir Ihnen mitteilen ...“

Es folgt mal wieder eine Wartepause. Müdigkeit und Erschöpfung machen sich breit. „Erstellen Sie ein Marketingkonzept und bestimmen Sie Zielgruppe, Kundenattribute und mögliche Konkurrenz“, heißt es dann im dritten Prüfungsteil. Zu bewerbendes Objekt ist eine Mercedes-Luxusklasse. Es bleibt keine Zeit zu fragen, warum kein Smart oder ein anderes Modell, dass der Fahranfängergeneration näher liegt, gewählt wurde. Die Bearbeitungszeit beträgt 30 Minuten.

Nach drei Wurstbrötchen, vier Tassen Kaffee und einem Liter Wasser ist die Konkurrenz erschöpfend studiert. Jetzt folgt das letzte Modul: Vier Bewerber sollen jeweils eine vorgegebene Meinung zur Gestaltung eines Kennenlerntages für BA-Studenten diskutieren und nach Möglichkeit durchsetzen.Es folgen: Verabschiedung, Heimfahrt, Ruhe.

Einen Tag später kommt die E-Mail von Daimler: „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Sie bei der Stellenbesetzung nicht berücksichtigen konnten. Bitte haben Sie Verständnis für diese Entscheidung, die uns nicht leicht gefallen ist.“ Wie sie gefallen ist, bleibt ungenannt. Aber mit dem Ergebnis kann man leben.

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