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Selbständigkeit Noch Student, schon Gründer

17.08.2010 ·  Zwischen Vorlesung und Prüfung noch ein Unternehmen führen? Unvorstellbar für die meisten Studenten. Kein Spaziergang, aber gut zu schaffen, finden drei studentische Unternehmensgründer.

Von Sebastian Balzter
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Seine Kommilitonen an der Handelshochschule in Leipzig schütteln immer noch den Kopf, wenn Markus Weigl ihnen seinen Businessplan vorstellt. Wie bitte, das Geschäftsmodell basiert nicht auf dem Internet? Es zielt nicht darauf ab, die Personalkosten so niedrig wie möglich zu halten? Wie soll das denn funktionieren? „Es finanziert sich jedenfalls“, erwidert Weigl dann. Vor knapp sechs Jahren, er war gerade 19 Jahre alt, hat er das Unternehmen „Hochzeitstauben Sachsen“ gegründet. Rund 200 weiße Brieftauben fliegen heute für ihn und seine Kunden in Leipzig, Halle, Chemnitz und Dresden, eine Geschäftsführerin hat er angestellt, außerdem arbeiten Honorarkräfte für ihn. „Bald kommen Berlin und Erfurt dazu“, sagt Weigl. „Später Paris und Wien.“

Wachstumsstrategien dürften auch den anderen 165.000 BWL-Studenten in Deutschland nicht fremd sein, in der Theorie zumindest. Aber nur wenige wagen wie Weigl, der sein Diplom an der Fachhochschule Mittweida gemacht hat und seit September in Leipzig eingeschrieben ist, schon vor dem Examen den Sprung in die Selbständigkeit. Im Gründungsmonitor der Förderbank KfW wird ihre Zahl gar nicht erst eigens ermittelt. Immerhin 14 Prozent aller Gründer waren 2009 jünger als 25 Jahre, was ungefähr dem Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung entspricht. Aber wer noch keinen Beruf hat, gründet der Untersuchung zufolge deutlich seltener als andere. „Das ging natürlich nur mit Abstrichen beim Studium“, räumt Markus Weigl ein. In vielen Veranstaltungen spielte für ihn nur das eine Rolle, was später auch in der Prüfung gefragt war. Vom Füttern früh am Morgen bis zum Kundengespräch am Abend arbeitet er bis zu 90 Stunden in der Woche für sein Unternehmen, wenn der Stundenplan es zulässt. Weigl fällt das nach eigener Auskunft leicht, weil er mit der Taubenzucht sein Hobby zum Beruf gemacht hat. „Ich könnte mein Unternehmen nie verkaufen!“, beteuert er.

„Am Anfang dachte ich, jede Mail müsste in 10 Minuten beantwortet sein“

Einen Schuss Herzblut weniger, aber genauso großen Einsatz steckt Jacqueline Schwenk in ihre Gründung: Zusammen mit zwei Kommilitonen von der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat sie vor zwei Jahren die Unternehmensberatung Con-Q gegründet. Damals war die heute Dreiundzwanzigjährige noch mitten im Bachelorstudium Volkswirtschaftslehre. Den Bachelor hat sie seit vier Monaten in der Tasche, jetzt studiert Schwenk noch Rechtswissenschaften dazu. Ziel: Staatsexamen. Daneben berät sie Kunden wie die Deutsche Messe in Hannover, die sich von den Studenten Szenarien für ausländische Märkte entwickeln ließ. „Am Anfang dachte ich, jede Mail müsste innerhalb von 10 Minuten beantwortet sein“, sagt Schwenk. „Inzwischen kann ich unterscheiden, was sofort getan werden muss und was nicht.“

Das ist längst nicht ihre einzige Lehre. Zusammen mit ihren beiden Partnern hat Jacqueline Schwenk den „Gründungsratgeber von Gründern für Gründer“ geschrieben, ein mehr als 200 Seiten dickes Handbuch mit praktischen Tipps und lebensnahen Beispielen. Dennoch sieht sie ihre berufliche Zukunft eher nicht in der Selbständigkeit. „Ich führe zwar Projekte gerne durch, akquiriere sie aber nicht so gerne selbst“, sagt Schwenk dazu. „Und die Sicherheit einer festen Stelle ist auch nicht zu verachten.“ Eine der wichtigsten Folgen der Gründung sei vermutlich, dass sie sich schon so früh über solche Fragen klar geworden sei.

Das Einkommen aus der Beratungstätigkeit will Jacqueline Schwenk dagegen nicht als ein regelrechtes Gehalt bezeichnen, für ihren Lebensunterhalt jobbe sie vielmehr in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. „Aber wir verdienen uns ein nettes Extra.“ Andererseits sei auch nicht viel Kapital für die Gründung nötig gewesen. Ohne Geduld und Disziplin hingegen sei wenig zu bestellen, warnt Schwenk. „Man sollte auf keinen Fall den Aufwand für Buchhaltung und Steuern unterschätzen.“

Vor der Gründung zum Vormundschaftsgericht

Über zu viel Bürokratie klagt in Deutschland fast jeder Gründer. Thomas Widera ist eine der Ausnahmen. Dabei waren die Hürden für ihn und seinen Zwillingsbruder Artur besonders hoch: Als sie 2005 ihr erstes Unternehmen gründeten, waren sie noch minderjährig. Erst als das Vormundschaftsgericht seine Zustimmung gab, durften sie loslegen. Rund 15.000 Euro selbstverdientes Kapital hatten sie da schon beisammen: Mit dem An- und Verkauf von seltenen Euro-Münzen hatten sie angefangen, mit Rasenmähen und Kellnern weitergemacht. Die Geschäftsidee, für die sie so eisern sparten? „Wir verkaufen Düfte, die von den Herstellern nicht mehr produziert werden“, sagt Widera, der seit zwei Jahren an der privaten Cologne Business School für „International Management“ eingeschrieben ist. Denn manche Verbraucher seien bereit, für einige vermeintliche Ladenhüter von Drogerien, Parfümerien und Großhändlern stattliche Preise zu zahlen. „Es gibt einen Duft von Dolce & Gabbana, der früher im Einzelhandel 50 Euro gekostet hat. Das ist unser Superseller. Für 100 Milliliter davon können wir heute 350 Euro erzielen.“

Im vergangenen Dezember hat Widera zusammen mit zwei Investoren, die er an der Kölner Hochschule kennengelernt hat, sein zweites Unternehmen gegründet. Wieder geht es um Düfte, aber diesmal nicht um Raritäten. Mit dem Internetportal Poshposh.de wollen die Gründer vielmehr die etablierten Parfümerien herausfordern. „Wir versuchen die Apothekenpreise des Handels zu unterlaufen“, beschreibt Thomas Widera, inzwischen 22 Jahre alt, die neue Idee. An ihrer Realisierung arbeitet er in einem angemieteten Lagerraum in Köln und der Wohnung im Haus seiner Eltern in Bergisch Gladbach. Rund 8000 Flakons, überschlägt er, seien so bisher verkauft worden. Und mit dem Studium lasse sich das Geschäft bestens verbinden.

Ein Spaziergang ist es jedoch nicht: Im Morgengrauen kontrolliert Widera den Auftragseingang, tagsüber studiert er, bis in die Nacht werden Pakete gepackt. „Aber der Erfolg beflügelt. Und bisher haben wir noch nie Verlust gemacht.“ Solide Finanzen - darauf kommen die Parfümfachmänner aus Köln, die Unternehmensberaterin aus München und der Taubenzüchter aus Mittweida allesamt schnell zu sprechen. Nicht einmal eine staatliche Förderung haben sie bisher in Anspruch genommen - eine gute Idee und viel eigener Einsatz sollen genügen. „Seit meinem Praktikum in einer Bank ist mir klar, dass ich den Druck von fremdem Kapital nicht haben möchte“, sagt Markus Weigl dazu. „Der würde nämlich auch den Tauben schaden.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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