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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Selbständigkeit Kreativ gründen will gelernt sein

 ·  Kreative verlassen sich häufig auf die staatliche Kulturförderung. Dabei lässt sich auch als Kulturunternehmer Geld verdienen. Darauf bereiten immer mehr Kunsthochschulen ihre Studenten systematisch vor.

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Wie beantrage ich eine Steuernummer? Wie schreibe ich einen Kostenvoranschlag für den Kunden? Wie lege ich darin die Nutzungsrechte meiner kreativen Leistung fest - und wie erkläre ich meinem Auftraggeber, wieso mein Entwurf tatsächlich wert ist, was er kostet? Fragen wie diese gehören für Claudia Haßfurther zur Tagesordnung. Sie betreut und berät an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel in der Initiative „exist - Existenzgründungsbegleitung in der Kreativwirtschaft“ Produktdesigner und freie Künstler auf dem Weg in die Selbständigkeit.

„Wir wollen früher ansetzen als andere Workshops, in denen man schon eine eigene Idee mitbringt und einen konkreten Businessplans entwickelt“, erklärt Haßfurther den fünftägigen Workshop mit dem schmissigen Titel „my plan - lerne heute, gründe morgen“, den die Kunsthochschule zusammen mit der Universität und der Fachhochschule Flensburg anbietet. „Studenten sollen die Hemmung vor Selbständigkeit und Gründung verlieren, indem wir ihnen ein umfassendes Bild davon geben.“ Die zehn Kommilitonen der Kunsthochschule befassen sich während des Workshops damit, wie man Gründungsideen entwickelt, die Chancen der Idee am Markt analysiert, ein Geschäftsmodell erstellt und sich selbst und sein Produkt vermarktet.

Die Kulturförderung unterstützt meist nur begrenzte Projekte

Damit dürfen sie sich als Trendsetter fühlen. Denn bislang greifen vor allem Künstler aus dem Schauspiel und der bildenden Kunst, aber auch Kreative aus Film und Design häufig auf die staatlich geförderte Kulturförderung zurück, auf Preise, Stipendien und Wettbewerbe, um sich finanziell über Wasser zu halten, während sie an einem neuen Film arbeiten, ein Musikstück komponieren oder ein Produkt designen. Doch die Kulturförderung unterstützt meist nur begrenzte Projekte und nicht den Künstler und seine langfristige Entwicklung als solche. Ist das Kunstwerk, das Design oder der Film fertig, fließt auch kein Geld mehr.

Das macht die Gründung eines Unternehmens und die Unterstützung durch die Wirtschaftsförderung als Alternative interessant. Auch so lassen sich kreative und künstlerische Vorhaben umsetzen - diese Auffassung setzt sich jedenfalls an vielen Kunsthochschulen immer mehr durch, die ihre Studenten möglichst früh auf Selbständigkeit und Gründung vorbereiten. Die Muthesius Kunsthochschule im hohen Norden ist nicht allein mit ihrer Initiative. So unterstützt das Projekt „kultur.unternehmen.dortmund“ Studenten der Dortmunder Hochschulen mit „Culturepreneurship-Coaches“ und hat das neue, interdisziplinäre Fach „Kulturarbeit und Kreativwirtschaft“ eingerichtet. An der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach wiederum sind die Kurse zur Existenzgründung, die seit acht Jahren fakultativ angeboten worden sind, seit zwei Jahren als Wahlpflichtfach fest in das Studium integriert. Und das Career & Transfer Service Center der Universität der Künste (UdK) in Berlin bietet beispielsweise Akademien zum Marketing für Künstler und eine Fortbildung für Galeristen und Firmengründer zum Management im Kunstmarkt an.

Betriebswirtschaft kommt im Designstudium oft zu kurz

Auch auf Bundesebene erhalten kreative Unternehmer Unterstützung. Das Wirtschaftsministerium und der Beauftragte für Kultur und Medien haben 2007 die gemeinsame Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft ins Leben gerufen. Mit ihr wollen sie bestehende Instrumente der Mittelstandsförderung für kleine Betriebe und Selbständige öffnen, die in den kleinteilig strukturierten Branchen wie der darstellenden Kunst, dem Buchmarkt oder der Filmwirtschaft vorherrschen. Immerhin steckt mit einem Anteil von 2,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt in den Kreativen und Künstlern auch für die Volkswirtschaft ein beachtliches Potential. Laut aktueller Zahlen beschäftigten die rund 237.000 Kreativ- und Kulturunternehmen in Deutschland im Jahr 2009 mehr als eine Million Menschen. Zusammen erwirtschafteten sie in diesem Zeitraum 131 Milliarden Euro Umsatz und trugen zirka 61 Milliarden Euro zur Wertschöpfung bei.

Claudia Haßfurther zeichnet auf dem Flipchart ein schwarze Linie. An das eine Ende schreibt sie „Festanstellung“, an das andere „Selbständigkeit/Gründung“. Mit roten Punkten sollen die Studenten selbst einschätzen, wo sie stehen. Sebastian hat seinen Punkt neben die freie Beschäftigung geklebt. Der 22 Jahre alte Student ist im dritten Semester für den Studiengang „interior design“ eingeschrieben. „Ich kann mir definitiv vorstellen, später zu gründen“, sagt Sebastian überzeugt. „Ich hätte gern den Freiraum, meine eigenen Ideen kreativ umzusetzen - auch wenn ich weiß, dass viel Arbeit damit verbunden ist.“ Schon während seiner Ausbildung zum Raumgestalter habe er gemerkt, dass er gut Teams leiten und Verantwortung übernehmen könne, das mache ihm Spaß. Weil er später Raumgestaltung mit Marketing verbinden will, interessieren ihn an dem Workshop besonders die betriebswirtschaftlichen Grundlagen, die im Designstudium oft zu kurz kommen.

BWL ist aber nur ein Teil dessen, was Kreative als Unternehmer mitbringen müssen. „Bei einer kreativen Gründung gibt es Entwicklungsschritte, die der Betriebswirt gar nicht kennt“, sagt etwa der Industriedesigner Hartmut Klotz, der gemeinsam mit Haßfurther in Kiel das Designbüro „Friese & Franke“ führt. „Für die zusätzliche Wertschöpfung, die ein Produkt durch seine ästhetische Gestaltung erhält, hat der Betriebswirt oft keinen Blick.“ Deshalb bezieht Klotz im Workshop-Programm Kreativitätstechniken ein und diskutiert mit den Teilnehmern, welchen Wettbewerbsvorteil ein Unternehmen aus dem Design zieht und wie es diesen Vorteil beim Kunden am besten verkauft.

Ist man krank, zahlt kein Arbeitgeber

Gegenseitig interviewen sich die Kunsthochschüler zu ihren Stärken und Schwächen. Sie sollen herausfinden, ob eine Gründerpersönlichkeit in ihnen steckt. Die 28 Jahre alte Anika ist skeptisch: „Ich habe schon ein bisschen Angst vor der Idee, mich selbständig zu machen oder gar zu gründen“, gibt die Industriedesignerin zu. Denn natürlich ist der Schritt in die Selbständigkeit nicht nur mit Freiheiten verbunden, sondern auch mit Risiken. die Kulturförderung unterstützt meist nur begrenzte Projekte. Ist man krank, zahlt kein Arbeitgeber. Oft gilt es eine lange Durststrecke mit Krediten und wenig Einnahmen zu überbrücken, bis das Konzept sich rentiert. Je nach Auftragslage kommt mal mehr, mal weniger Geld in die Kasse. Und die Verdienstaussichten sind nicht gerade rosig: Angaben der Künstlersozialkasse zufolge verdienten Bildende Künstler im Jahr 2009 durchschnittlich rund 12 700 Euro, Musiker sogar nur 11.500 Euro.

Anika hat ihr Studium kürzlich abgeschlossen, jetzt schreibt sie Bewerbungen. Am liebsten würde sie in Zukunft ökologisch verträgliche Waren designen. „Ich will Produkte gestalten“, sagt sie. „Eine Unternehmensgründung wäre hier nur das Mittel zum Zweck.“ Obwohl sie deshalb lieber fest angestellt wäre, sieht sie die freiberufliche Tätigkeit am Ende des Workshops durchaus als Alternative. „Vielleicht ist die Selbständigkeit doch nicht das große, unbesiegbare Monster, für das ich sie bisher gehalten habe.“

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Jahrgang 1981, Redakteurin in der Wirtschaft.

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