18.04.2007 · Lehrer, Ausbildungsleiter oder doch lieber in der Industrie? Wer nicht gleich zu Studienbeginn über sein Leben als Ingenieur entscheiden will, der lässt sich in Offenburg alle Wege offen - mit Elektrotechnik/Informationstechnik Plus.
Von Uta JungmannDrei Dinge mag Bernhard Huber wirklich: „Technik, Software-Programmierung“, zählt der 29 Jahre alte Student aus dem Badischen auf. „Reden tue ich gerne, auch vor Gruppen.“ Seine Vorlieben passen zu seinem Berufswunsch, Studienrat am Technischen Gymnasium will er werden. Früher hat er selbst ein solches Gymnasium besucht und im Leistungskurs Elektro-Technik Abitur gemacht. „Ich hatte gute Lehrer“, sagt er. „Auch mal so vermitteln zu können und zu dürfen, das ist mein Ziel.“ Gerade recht ist ihm deshalb der Studiengang „Elektrotechnik/Informationstechnik plus“ gekommen, den die Hochschule Offenburg als Bachelor/Master-Kombination seit 2003 für künftige Gewerbelehrer anbietet.
Mechatronik-Pädagogik
Das auf zehn Semester angelegte Studium umfasst nicht nur die Ingenieurwissenschaften in Offenburg, sondern auch Grundlagen zur beruflichen Bildung an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Hinzu kommen Praxisphasen in der Industrie und an Schulen. Für den Bachelor-Abschluss geht es insgesamt sechs Wochen ins Klassenzimmer, dafür fallen einige spezialisierende Fächer wie Bus-Systeme weg und werden auf den Master verschoben. Dennoch: „Am Ende sollen unsere Absolventen vollwertige Ingenieure sein“, betont Dekan Werner Reich. „Mit der Befähigung zum Lehrer.“ Möglich ist das auch in der Kombination Mechatronik-Pädagogik. Derzeit gibt es in beiden FH-Programmen insgesamt 72 Studierende; der Frauen-Anteil liegt bei knapp fünf Prozent.
Dem Uni-Examen gleichgestellt
Den Studierenden wird so zunächst offengehalten, in welche Richtung sie einmal gehen – ob in die Industrie oder in die berufliche Bildung. „Sie müssen sich erst nach dem Bachelor entscheiden“, betont Reich. „Bis dahin haben sie in der Schule schon ausprobiert, ob ihnen das Lehrersein überhaupt liegt.“ Wem das gefällt, der hat später mit seinem Master das Ticket dafür in der Hand: Der Studiengang wurde bereits akkreditiert, das heißt, ihm wurde ein europaweit gültiges Gütesiegel verliehen. Für künftige Absolventen dieses Master of Science bedeutet das: Ihr Abschluss ist dem Uni-Examen gleichgestellt. So können sie nach weiteren 18 Monaten Referendariat das höhere Lehramt an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg aufnehmen, etwa an einer Berufsfachschule, einem Berufskolleg oder eben dem Technischen Gymnasium.
Gute Chancen
Die Absolventen haben gute Chancen: Denn nur ein gutes Drittel der dort jährlich frei werdenden Stellen können nach Angaben des Kultusministeriums mit Lehramts-Kandidaten für technische Fächer besetzt werden. Die übrigen Stellen werden notgedrungen anders vergeben. Ähnlich in den übrigen Bundesländern: Freilich sind die Einstellungsbedingungen je nach Land verschieden und vor Ort zu erfragen.
Seine ersten Auftritte vor einer Klasse haben Bernhard Huber derweil gut gefallen. „Mit dem fachlichen Wissen kommt die Autorität“, sagt er. „Und solange man nett zu den Schülern ist, sind sie nett zum Lehrer.“ Die Erfahrung hat ihn in seinem Berufswunsch noch bestärkt.
Tüfteln liegt ihm mehr
Ganz anders ist das für Stefan Walter. Er hat sich in seinem Praxissemester in der Industrie wohler gefühlt als an der Schule. Das Tüfteln liegt ihm mehr, wie der 23 Jahre alte Offenburger entdeckt hat, als er bei einer Firma ein Programm zur Daten-Übertragung für Zeitlese-Geräte schrieb. „Inzwischen liegt mein Ehrgeiz darin, Produkte zu entwickeln“, sagt Walter. Deshalb will der Student im fünften Semester lieber in die Wirtschaft gehen. Aber nicht gleich nach dem Bachelor, was auch möglich wäre: Erst will er sich im Master ganz auf Kommunikationstechnik spezialisieren.
Trotzdem schätzt er es, dass er im Bachelor die Psychologie und Berufspädagogik kennenlernt. Rund 15 Prozent der Veranstaltungen machen sie in seinem Stundenplan aus. „Das bringt viel für den Umgang mit anderen Menschen“, bekräftigt Stefan Walter. „Frei sprechen können, das Lob für eine gute Arbeit nicht zu vergessen: Was einen Lehrer auszeichnet, kann einem auch in der Industrie weiterhelfen, etwa als Abteilungsleiter.“
Kommunikative Kenntnisse
Vertreter der Wirtschaft sehen das auch so und bekunden ihr Interesse an solchen Leuten. „Die kommunikativ-didaktischen Kenntnisse werden für angehende Ingenieure immer wichtiger“, unterstreicht etwa Walter Börmann, Sprecher vom Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE). „Sie müssen nicht nur innovative Produkte entwickeln, sondern sie auch dem Kunden vermitteln können.“
Für Bernhard Huber ist indes klar, dass er den Master of Science mit dem pädagogischen Plus obendrauf setzt – mit noch mehr beruflicher Bildung. Drei Semester wird er wohl für den Master brauchen: Mit seinem Bachelor of Engineering wird er nach sieben Semestern gerade fertig. Für den Abschluss hat er eine Arbeit über den Einsatz von eingebetteten Linux-Systemen in Endgeräten gemacht, wie in WLAN-Routern oder bei Mikrocontrollern in Waschmaschinen. „Das habe ich so auf Linux hinprogrammiert, dass es für den Unterricht in einer Techniker-Klasse verwertbar war“, sagt er zufrieden. „Damit die Leute später solche Geräte warten können.“
Schüler machen lassen
Worauf er bei der Fachvermittlung didaktisch achten muss, hat er ab dem dritten Semester an der Pädagogischen Hochschule gelernt. Zum Beispiel, dass es nicht nur auf das Erklären ankommt. „Man muss die Schüler auch machen lassen“, unterstreicht Huber. „Wie ein guter Meister.“ Über Fremdwörter auf seinen Übungsbögen für die Klasse denkt er genau nach. „Es sind ja Schüler vor mir. Keine Studenten“, hat die PH ihm vermittelt.
Zugleich hat er bei den Pädagogen eine andere Denk- und Arbeitsweise als die technische erprobt. „Wir Ingenieursstudenten rechnen und googeln lieber“, erklärt er. „Doch an der PH mussten wir uns vor allem mit Literatur auseinandersetzen und haben viel mehr diskutiert.“ Auch PH-Professor Thomas Diehl hat festgestellt, dass die Grenzgänger im Kopf beweglicher sein müssen als andere Studenten. „Sie brauchen rund ein Jahr, bis sie sich an die unterschiedlichen Hochschulkulturen gewöhnt haben.“
Bewerber aus dem Bundesgebiet
Inzwischen empfindet Bernhard Huber den ständigen Wechsel als abwechslungsreich. Trotzdem: „Es wäre gut, wenn von Anfang an die Geisteswissenschaften zum Studium gehören würden“, bemängelt er. „Je früher, desto leichter der Zugang.“ Wobei die Zeit dafür knapp ist: In den ersten zwei Semestern für den Bachelor sind die Ingenieursstudenten mit den Grundlagen-Fächern wie Mathematik, Physik und Informatik voll ausgelastet. „Da kommt es zu einer natürlichen Auslese der Leute“, berichtet Bernhard Huber. „Vor allem, wenn ihnen mathematische Grundkenntnisse fehlen.“
Wer sich für das Studium mit dem Zusatz berufliche Bildung interessiert, sollte freilich nicht nur gut mit Zahlen und Formeln umgehen können. Auch sprachliche Fertigkeiten bringen Bonus-Punkte bei der Bewerberauswahl für die Bachelor-Studiengänge mit dem Plus in Pädagogik: Zum Wintersemester sollen dafür 28 Studierende für EIplus und 27 für MKplus an der Hochschule Offenburg zugelassen werden. „Willkommen sind uns Bewerber aus dem ganzen Bundesgebiet“, sagt Reich.
Weitere Informationen:
Bewerbungen bis 15. Juli 2007.
http://fh-offenburg.de/fhoportal/go.jsp?id=702 u. http://www.et-it.fh-offenburg.de/studium/mk_plus.html
Auch akkreditiert: Die BA/MA-Studiengänge „Ingenieurspädagogik“ an den Hochschulen Mannheim und Aalen.
http://www.fh-mannheim.de/studium/master/Elektrotechnik/verlauf_master_eitla.html
http://www.htw-aalen.de/aktuell/studieninteressierte/studienangebote.php?studid=19