25.01.2008 · Mit 17 im BWL-Seminar: Dafür bietet die Hemshorn-Stiftung Stipendien für Unternehmer- und Managertalente. Doch für das Lernen im Doppelpack brauchen die Jungstudenten an der Fachhochschule FOM Feuereifer und Disziplin.
Von Uta JungmannWenn er unter Strom steht, arbeitet Karsten Dymek am besten. „So kann ich mich auf die entscheidenden Punkte konzentrieren“, sagt der 18 Jahre alte Schüler aus Neuss. „Je mehr ich mache, desto besser wird, was ich leiste.“ Und er macht viel: Karsten setzt sich bei der evangelischen Jugendarbeit ein, spielt Gitarre, gibt Nachhilfe und hat Zeit für seine Freunde. Die Schule fällt ihm leicht – mit den Leistungsfächern Mathematik und Geschichte peilt er ein sehr gutes Abitur an. Zudem interessiert sich der Gymnasiast für alles, was mit Finanzen, Strategie und Wirtschaft zu tun hat. Weil er darüber noch viel mehr wissen möchte, als die Schule vermittelt, hat er sich um ein Stipendium für Frühstudierende beworben.
Getragen wird es von der Hamburger Hemshorn-Stiftung und der privaten Fachhochschule für Oekonomie & Management (FOM): An einem ihrer bundesweit 17 Standorte können die Stipendiaten seit dem vergangenen Herbst Kurse für einen Wirtschafts-Bachelor besuchen, den die übrigen Studenten berufsbegleitend machen. Grundlage dafür ist ein Beschluss der Hochschulrektorenkonferenz: Er besagt, dass besonders begabter Nachwuchs vorab zu Lehrveranstaltungen und Prüfungen zugelassen werden kann.
Stipendiaten mit Gestaltungswillen
„Die Stipendiaten sparen ein ganzes Jahr“, verspricht Programm-Koordinator Christoph Niehus. „Nach dem Abitur können sie in fünf Semestern ihren Bachelor beenden.“ Für die Dauer des Stipendiums trägt die Hemshorn-Stiftung die Studiengebühren der Fachhochschule – sie liegen sonst bei 295 Euro im Monat. Auch Bücher-Gutscheine gibt es. Im Begleitprogramm knüpfen die Schüler Kontakte mit Vertretern bekannter Firmen wie Staples und der Münchener Rück. „Die Partnerunternehmen werden die Stipendiaten beim Übergang ins Berufsleben mit Rat und Tat unterstützen, etwa in Form von Praxisvorträgen, Praktikums- oder Traineestellen“, kündigt Niehus an. Gedacht sind die Stipendien für Leute mit einem starken Wunsch zum Gestalten. „Bei der Auswahl stehen nicht nur gute Schulnoten im Fokus, wichtig sind Persönlichkeit, Interesse für Wirtschaft, soziale Kompetenz und Engagement“, betont Niehus. „Wir suchen Leute, die Wettbewerbs- und Produktivitätschancen erkennen können und realisieren wollen.“
Acht Bewerber haben in der ersten Stipendiaten-Runde den Ansprüchen genügt. Karsten Dymek musste dafür Interviews mit einem Eignungsdiagnostiker, Wirtschaftsprofessor und Unternehmensvertreter überstehen, viel diskutieren und von sich erzählen. Jetzt besucht der Stipendiat erste Kurse für den Bachelor „Business Administration“ und bekommt etwa genau erklärt, was ein Hedgefonds ist. „Ich erfahre erstmals Grundlegendes über die Wirtschaft und ihre Zusammenhänge“, lobt er.
Flottes Tempo, 40 ECTS-Punkte
Allerdings ziehen die meisten Dozenten den Stoff dafür flott durch. „Jeder muss schauen, dass er da mitkommt“, hat Karsten Dymek rasch erkannt. Folie um Folie wird abgehakt, nach einigen Rückfragen geht es mit Vollgas weiter, wiederholt wird nicht. Das Lernen im Turbo-Gang ist für den Schüler neu. „In der Schule tue ich nur für Mathe einiges, sonst passe ich einfach auf“, gibt Karsten zu. „Da nimmt die Uni viel mehr Zeit weg.“ Bisher kommt er mit, ohne seinen Volleyball oder anderes zu sehr einschränken zu müssen. Mit Blick auf sein Tempo spötteln zwar manche Freunde, er habe einen Schaden, doch andere sagen, es passe zu ihm. „Zum Beispiel die Leute im Jugendausschuss – da habe ich oft die Abrechnung gemacht“, berichtet Karsten, der später als Unternehmensberater arbeiten will.
„Dafür muss man wissen, wie es in Unternehmen abläuft“, ergänzt er. Deshalb will der Jugendliche nach dem Abitur eine Ausbildung in einer Bank machen und nebenher seinen Bachelor beenden. Derzeit kann er dafür bis zu 40 ECTS-Punkte sammeln. Wenn er sie an der FOM einsetzt und dort weiter studiert, werden nach dem Abitur freilich Studiengebühren fällig. „Oftmals werden sie aber von den Ausbildungsunternehmen getragen“, beruhigt Koordinator Niehus. „Die Stipendiaten haben gute Karten für solche Modelle.“ Immerhin hat das Förder-Programm sogar im Bundesbildungsministerium so überzeugt, dass Ministerin Annette Schavan die Schirmherrschaft dafür übernommen hat.
Weil die FOM-Studiengänge akkreditiert sind, bleibt den Turbo-Schülern zudem unbenommen, ihren Bachelor an einer anderen Hochschule und in Vollzeit fortzusetzen. Freilich muss die Wunsch-Uni die erworbenen Credits nicht unbedingt anerkennen. „Darüber entscheidet immer die aufnehmende Hochschule“, betont Jan Rathjen von der HRK. „Sie prüft, ob inhaltlich die Lernergebnisse gleichwertig sind, und ECTS-Punkte helfen dabei.“
Zugleich warnt Eignungsdiagnostiker Heinz Schuler von der Universität Hohenheim, sich durch ein solches Programm vorschnell auf ein Fach festzulegen. „Wenn man schon genau weiß, was einen brennend interessiert, dann ja“, wägt er ab. „Doch wenn das Interesse sich noch für anderes ausbilden kann, ist es zu früh: Man kann noch so schnell laufen – in der falschen Richtung wird nichts daraus.“ Deshalb sollten Schüler, die über ein Frühstudium nachdenken, sich eingehend über die Vor- und Nachteile beraten lassen. „Man sollte vor Ort klären, wie anspruchsvoll ein Studiengang ist“, empfiehlt zudem Entwicklungspsychologe und Begabtenforscher Detlef Rost von der Universität Marburg. „Wer früh forschendes Lernen betreiben will, wird eher eine Uni wählen, an der es neben einer erstklassigen Lehre viele Forschungsprojekte gibt.“
Pack ich das? Was bringt es mir?
Überdies sollte das Studium die Jugendlichen nicht einengen. „Für 16- bis 18-Jährige muss genug Zeit übrig bleiben, um etwa das Interesse an Sport, Politik, Musik und Kunst und – besonders wichtig – am anderen Geschlecht zu pflegen“, fordert Rost, „oder um auf Feten zu gehen oder einfach nur mit Freunden abzuhängen.“ Schließlich ist es für künftige Führungskräfte wichtig, dass sie über den Tellerrand geschaut und nicht nur stur auf eine Sache hingearbeitet haben. „Später im Betrieb ist soziale Kompetenz so wichtig wie gelerntes Wissen“, unterstreicht der Begabtenforscher. Er rät deshalb, sich vor einem Frühstudium ehrlich diese Fragen zu beantworten: „Pack ich das? Ist mir es wert, dafür weniger Zeit für Freunde und Hobbys zu haben? Was bringt es mir?“
Wer jedoch die Schule mit links macht, mehr Input will als dort geboten wird und sich bewusst für ein solches Frühstudium entscheidet – „für den ist sicher nichts dagegen zu sagen“, so Rost. „Zumal es Arbeitgebern zeigt, dass man schnell lernen und sich organisieren kann.“ Vor allem Pragmatiker dürfte das Studium im Zeitraffer ansprechen. „Für Leute, die ihren Abschluss schnell machen und für etwas nutzen wollen, könnte das ein interessanter Weg sein“, bemerkt Eignungsdiagnostiker Schuler. „Etwa künftige Unternehmer, die zwar wissenschaftliches Rüstzeug wollen, aber auch so bald wie möglich loslegen möchten.“
Vom Hilfstransport nach Bosnien zum Bachelor
Wie Stipendiatin Zerina Halilovi „Ich war immer zielstrebig und möchte später mal ein Unternehmen leiten“, beschreibt sich die 17 Jahre alte Jungstudentin selbst. „Dafür will ich früh mit der Uni fertig sein und erst in einer Firma arbeiten, um praktische Erfahrungen und das nötige Eigenkapital zu sammeln.“ Ein Traineeplatz und der Bachelor „International Management“ sind ihre ersten Ziele auf dem Weg dorthin, ein Master im Ausland soll folgen. „Der Reiz am Management ist, später in Firmen reibungslose Abläufe zu bewirken“, fügt die in Bosnien geborene und in Hamburg aufgewachsene Gymnasiastin hinzu. Geordnete Prozesse liegen ihr am Herzen: Wie wichtig sie sind, hat Zerina gelernt, als sie mit ihrer Mutter Hilfstransporte nach Bosnien organisiert hat.
Derzeit beschäftigt sich die Frühstudentin mit den Regeln, nach denen der Warenverkehr abläuft. „In International Law diskutieren wir Fälle“, sagt sie, „und schlagen im BGB und HGB nach, welche Gesetze zutreffen und wie man sie lösen könnte.“ Auch Zerina muss nun mehr Zeit fürs Lernen aufbringen. „Aber es macht Spaß“, betont sie. „Zwei Stunden täglich sind es für Schule und FOM: Dafür muss ich vor den Klausuren nicht alles auf einmal lernen und habe noch genug Zeit, Basketball zu spielen und Filme mit meinen Freunden zu schauen.“
Denn die Stunden mit ihrer Clique möchte sie so wenig missen wie ihr Frühstudium. „In der Schule wird der Stoff oft ausgedehnt – an der FOM geht es schneller und viel mehr in die Tiefe“, urteilt sie. „Schule und Studium sind für mich jetzt in einem guten Gleichgewicht.“
Fristen fürs Verfahren
Mit 17 im BWL-Seminar
Marvin Parsons (mapar)
- 25.01.2008, 15:12 Uhr