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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Schüler-Unternehmen Hängematten aus Fahrradschläuchen

Wenn Schüler Firmen gründen, üben sie nicht nur wirtschaftliches Denken. Sie lernen auch soziale Kompetenzen, selbst wenn nach einem Jahr Schluss ist.

© Peter von Tresckow Vergrößern

Der Internetauftritt war noch nicht fertig, die Preiskalkulation gerade mal 24 Stunden her, da war die Ware schon restlos ausverkauft. Ein einziger Pausenstand im Rahmen eines Schulkonzerts hatte genügt, um mehr als vierzig handgefertigte Seifen unter Lehrern, Eltern und Mitschülern zu vertreiben. Ein schöner Erfolg für die Soapcreaters. Doch es gab ein Problem: „Die neue Internetlieferung mit den Zutaten ist noch nicht eingetroffen, die Schulküche dauerbesetzt und jede Produktion aufwendig“, sagt Nele Steinbrecher. Die 15-Jährige ist Vorstandsvorsitzende der Schülerfirma, die Seifen aus natürlichen Zutaten herstellt und vertreibt. Unternehmenssitz ist das Hamburger Gymnasium Oberalster (GOA), aber die Seifenproduktion hat keinen eigenen Raum. Mal treffen sich die Zehntklässler in einem Klassenzimmer, mal in der Schulküche der benachbarten Grundschule. Zwischengelagert werden die Seifen auch schon mal privat in den Zimmern der beteiligten Mitarbeiter.

Mit einer Mischung aus Professionalität und Improvisation gehen Jahr für Jahr Hunderte von Schülerfirmen in Deutschland an den Start - innerhalb eines Schuljahrs verschwinden dann viele wieder vom Markt. So will es zumindest das Gründungsprogramm namens Junior, das vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln organisiert wird und das mittlerweile in 15 Bundesländern etabliert ist. Die Schüler sollen eine Geschäftsidee erarbeiten, ein Unternehmen aufbauen, am Markt positionieren und nach neun Monaten wieder ordnungsgemäß auflösen. „Nachhaltig ist nicht gleich langjährig“, sagt Projektmanagerin Juliane Kriese. Junior will mit dem Programm Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit und Eigenverantwortung fördern und zudem mehr wirtschaftliches Denken und Unternehmergeist in die Schulen bringen. „Dafür reicht ein Jahr aus.“

Nur eine Doppelstunde Zeit, um ein Unternehmen zu führen

Für Nele ist Soapcreators Teil des Unterrichts: „Ich habe den Kurs Wirtschaft gewählt, weil ich mir davon eine Berufswahl-Orientierung verspreche“, sagt sie. Der Wahlkurs macht nur eine Doppelstunde in Neles Stundenplan aus. Wenig Zeit, um ein Unternehmen zu führen. „Das ist schon sehr komplex. Aber es reicht, um erste Erfahrungen zu sammeln“, sagt Kursleiterin Monika Scheurmann. Die Wirtschaftslehrerin hat schon acht Schülerfirmen begleitet, mit vielen Höhen, Tiefen und einer Menge für die Schule untypischen Lernerfahrungen. So habe ein Kurs einmal ganz selbständig und demokratisch den Vorstand ausgetauscht, weil es der alten Unternehmensführung an Rückhalt fehlte: „Das war eine meiner Sternstunden an der Schule.“

Jeden Monat Ein- und Ausgaben protokollieren, die Lohnbuchhaltung führen und auf dem Höhepunkt der Existenz einen Geschäftsbericht abliefern - das Projekt Junior behandelt die Schüler wie echte Unternehmer, das setzt Verantwortung und Engagement voraus. „Früher bin ich da immer sehr hinterher gewesen, dass alles fertig wird, und habe sogar in den Ferien noch Mails verschickt. Heute sage ich den Schülern, ihr dürft auch scheitern, und halte mich stärker zurück“, erzählt Scheurmann.

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Veröffentlicht: 02.01.2013, 06:00 Uhr