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Schüler-Unternehmen Hängematten aus Fahrradschläuchen

 ·  Wenn Schüler Firmen gründen, üben sie nicht nur wirtschaftliches Denken. Sie lernen auch soziale Kompetenzen, selbst wenn nach einem Jahr Schluss ist.

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Der Internetauftritt war noch nicht fertig, die Preiskalkulation gerade mal 24 Stunden her, da war die Ware schon restlos ausverkauft. Ein einziger Pausenstand im Rahmen eines Schulkonzerts hatte genügt, um mehr als vierzig handgefertigte Seifen unter Lehrern, Eltern und Mitschülern zu vertreiben. Ein schöner Erfolg für die Soapcreaters. Doch es gab ein Problem: „Die neue Internetlieferung mit den Zutaten ist noch nicht eingetroffen, die Schulküche dauerbesetzt und jede Produktion aufwendig“, sagt Nele Steinbrecher. Die 15-Jährige ist Vorstandsvorsitzende der Schülerfirma, die Seifen aus natürlichen Zutaten herstellt und vertreibt. Unternehmenssitz ist das Hamburger Gymnasium Oberalster (GOA), aber die Seifenproduktion hat keinen eigenen Raum. Mal treffen sich die Zehntklässler in einem Klassenzimmer, mal in der Schulküche der benachbarten Grundschule. Zwischengelagert werden die Seifen auch schon mal privat in den Zimmern der beteiligten Mitarbeiter.

Mit einer Mischung aus Professionalität und Improvisation gehen Jahr für Jahr Hunderte von Schülerfirmen in Deutschland an den Start - innerhalb eines Schuljahrs verschwinden dann viele wieder vom Markt. So will es zumindest das Gründungsprogramm namens Junior, das vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln organisiert wird und das mittlerweile in 15 Bundesländern etabliert ist. Die Schüler sollen eine Geschäftsidee erarbeiten, ein Unternehmen aufbauen, am Markt positionieren und nach neun Monaten wieder ordnungsgemäß auflösen. „Nachhaltig ist nicht gleich langjährig“, sagt Projektmanagerin Juliane Kriese. Junior will mit dem Programm Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit und Eigenverantwortung fördern und zudem mehr wirtschaftliches Denken und Unternehmergeist in die Schulen bringen. „Dafür reicht ein Jahr aus.“

Nur eine Doppelstunde Zeit, um ein Unternehmen zu führen

Für Nele ist Soapcreators Teil des Unterrichts: „Ich habe den Kurs Wirtschaft gewählt, weil ich mir davon eine Berufswahl-Orientierung verspreche“, sagt sie. Der Wahlkurs macht nur eine Doppelstunde in Neles Stundenplan aus. Wenig Zeit, um ein Unternehmen zu führen. „Das ist schon sehr komplex. Aber es reicht, um erste Erfahrungen zu sammeln“, sagt Kursleiterin Monika Scheurmann. Die Wirtschaftslehrerin hat schon acht Schülerfirmen begleitet, mit vielen Höhen, Tiefen und einer Menge für die Schule untypischen Lernerfahrungen. So habe ein Kurs einmal ganz selbständig und demokratisch den Vorstand ausgetauscht, weil es der alten Unternehmensführung an Rückhalt fehlte: „Das war eine meiner Sternstunden an der Schule.“

Jeden Monat Ein- und Ausgaben protokollieren, die Lohnbuchhaltung führen und auf dem Höhepunkt der Existenz einen Geschäftsbericht abliefern - das Projekt Junior behandelt die Schüler wie echte Unternehmer, das setzt Verantwortung und Engagement voraus. „Früher bin ich da immer sehr hinterher gewesen, dass alles fertig wird, und habe sogar in den Ferien noch Mails verschickt. Heute sage ich den Schülern, ihr dürft auch scheitern, und halte mich stärker zurück“, erzählt Scheurmann.

„Persönlichkeiten erheblich stabilisieren“

Für den Soziologen Michael Corsten handelt die Lehrerin damit genau richtig. Der Professor der Universität Hildesheim hat mehr als sechzig Jugendliche von unterschiedlichen Schülerfirmen vier Jahre lang wissenschaftlich begleitet. Eines seiner Ergebnisse: „Schülerfirmen können die Persönlichkeiten Heranwachsender erheblich stabilisieren.“ Zum einen weil sie Anerkennung außerhalb der Schule böten, zum anderen weil sie einen starken Realitätsbezug lieferten und den Übergang von der Schule in den Beruf förderten. Wichtig sei, dass die Schüler Eigeninitiative zeigten. „Wird der Eingriff der Lehrer zu direktiv, erstickt das die Motivation der Firmengründer.“

Corsten hat seine Studie im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) erstellt. Die Stiftung will junge Menschen ermutigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ein Baustein ihres Programms bilden Schülerfirmen, die zusammen mit der Heinz Nixdorf Stiftung gefördert werden. „In unserem Fachnetzwerk sind 520 Schülerfirmen aus sechs Bundesländer, von der Grundschule bis zum Gymnasium vertreten“, sagt Programmleiter Matthias Krahe. Im Unterschied zu den Junior-Programmen sind die Firmen aber auf Dauer angelegt, manche bestehen schon zehn Jahre lang.

Damit das funktioniert, arbeiten Schüler unterschiedlicher Klassen und Jahrgänge freiwillig und außerhalb des Regelunterrichts daran mit. „Das lässt sich nicht im 45-Minuten-Takt einer Schulstunde bewerkstelligen“, sagt Krahe. Die Betreuung und Koordination übernehmen geschulte DKJS-Pädagogen. Wenn es beispielsweise um eine Gründung im Cateringbereich gehe, könne der Berater das örtliche Restaurant als „Ausbildungsbetrieb“ einbinden. „Die Unternehmen bringen ihr Wissen ein und bekommen im Gegenzug Kontakt zu potentiellen Nachwuchskräften“, erklärt Krahe.

Der Bereich Catering ist in den langfristigen Schülerfirmen stark vertreten, gefolgt von nachhaltigen, handwerklichen Geschäftsideen. Zum Beispiel die Produktion von Hängematten aus alten Fahrradschläuchen oder handgemachtes Lupineneis - eine Idee, die im Junior-Programm nicht erlaubt wäre: „Der Umgang mit offenen Lebensmitteln ist aus hygienischen Gründen problematisch“, sagt Politikwissenschaftlerin Kriese. Aber die Schüler könnten Fallobst zu Apfelsaft verarbeiten lassen, so wie die preisgekrönte Firma Harvit vom Paul-Klee-Gymnasium in Rottenburg am Neckar, die benachbarte Unternehmen zur Pflege einer brachliegenden Streuobstwiese animierte. Der Clou: Obstbaumschnitt und Trockenmauerbau wurden als Teambildungs-Seminar und Akt gesellschaftlicher Verantwortung verkauft, die Mitarbeiter mit selbstgepresstem Apfelsaft belohnt.

„Eine simple Idee ist oft besser“

Es komme aber gar nicht so sehr auf die Originalität der Idee an, sagt Kriese. „Eine simple Idee ist oft besser.“ In den mehr als 400 Anmeldungen im aktuellen Juniorprogramm dominieren Kochbuchproduzenten, Taschen- oder T-Shirt-Druckservices und Dienstleistungen für ältere Menschen. Die meisten kommen von Gymnasien. Realschulen und Berufskollegs sind auch vertreten, Brennpunktschulen kaum.

“Dabei sind Schülerfirmen da besonders relevant“, sagt Simone Knab. Die frühere Hauptschullehrerin, die heute als Fachdidaktikerin an der TU Berlin arbeitet, hat vor fast 15 Jahren eine Schulcafeteria mit ihren Zöglingen aufgebaut: „Einfach, weil die Schüler hungrig in den Unterricht kamen und weil sie damit sehr schnell Verantwortung übernehmen konnten.“ Fortan stellte Knab ihren Unterricht ganz auf die Schülerfirma um. „Ich habe mit meinen Schülern sogar das Telefonieren üben müssen.“ Die Lehrerin wurde mit motivierten und pünktlichen Schülern belohnt, die gelernt hätten, dass „sie tatsächlich etwas können“.

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