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Schreibberatung für Studenten Endlich schreiben lernen

11.01.2012 ·  Vielen Studenten fällt es schwer, wissenschaftliche Texte zu verfassen. Helfen können Schreibzentren, wie sie an Amerikas Hochschulen längst üblich sind. In Deutschland gibt es davon aber erst wenige.

Von Birgitta vom Lehn
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© Tresckow

Eine Schreibberatung für Studenten? Wer das Abitur in der Tasche hat und somit fit fürs Studium ist, der wird doch keine Scheu vor dem leeren Blatt Papier oder Bildschirm haben, könnte man meinen. Eine Befragung von Studenten, die der Bremer Linguist Hans Peter Krings durchgeführt hat, offenbart allerdings ein anderes Bild. Jeder zweite der 269 Befragten gab an: „Ich tue mich schwer, mit dem eigentlichen Schreiben anzufangen“ und „Ich bin unsicher, wie eng ich mich in meinem Text an die Quellen anlehnen darf“. Probleme mit der Materialauswahl und Schwierigkeiten „mit dem geforderten wissenschaftlichen Stil“ hatte jeder Dritte. Für jeden Fünften war das Schreiben von Seminararbeiten „eine ziemliche Qual“ oder fiel „ziemlich schwer“. In jedem zweiten Umfrageteilnehmer weckte der Gedanke an Examensarbeiten „sehr ungute Gefühle“.

„Das Schreiblerngeschäft ist eine Hürde“, sagt Krings. „Beim Sprechen tun wir uns nicht schwer; wir quasseln in Sitzungen ohne Ende. Aber wenn es darum geht, nachher ein Protokoll zu schreiben, herrscht oft Schweigen.“ Hinzu komme die Besonderheit wissenschaftlichen Schreibens. „Aus der Schule bringt man da nichts mit.“ Die Facharbeit in der Oberstufe wirke häufig „wie ein Fremdkörper“, und an der Hochschule beschränkten sich Einführungskurse meist auf formale Aspekte.

Tipps vom Online-Coach

Zusammen mit seinem Team hat Krings deshalb einen Online-Coach entwickelt (www.bremer-schreibcoach.uni-bremen.de). Das Portal ist fachübergreifend und enthält über 300 Textmodule mit Tipps zu allen Phasen eines wissenschaftlichen Schreibprojekts. „Die Empfehlungen verstehen sich nicht als letzte Weisheiten, sondern als ein Pool erprobter Strategien“, erklärt Krings und rät zum Beispiel, bei Schreibblockaden einfach mal drei Tage lang nichts zu schreiben. Auch sei es besser, mitten in einem Text aufzuhören, als noch einen Absatz beenden zu wollen. „Meist will man zu viel. Dabei ist es wichtig, erst den Inhalt zu definieren und dann die Form zu finden“, sagt der Schreibforscher.

Studierende schreibtechnisch zu beraten ist an amerikanischen Unis längst gang und gäbe. 90 Prozent der dortigen Universitäten bieten in speziellen Schreibzentren Kurse außerhalb der Fachdisziplinen an, auch die Elitehochschulen Stanford und Harvard. Hierzulande gibt es kein Dutzend solcher Institutionen. Das erste „Schreiblabor“ entstand in Bielefeld. Deren Gründerin, die Pädagogin und Soziologin Andrea Frank, hatte nach ihrem Studium einige Zeit in den Vereinigten Staaten verbracht und dort die „Writing Center“ und „Writing Labs“ kennengelernt. „In den Vereinigten Staaten ging es damals vor allem darum, schulische Defizite der Studenten auszugleichen“, sagt Frank. Inzwischen sei das aber anders; man wende sich im Sinne des lebenslangen Lernens auch höheren Semestern zu. Ihr Aufenthalt in Amerika inspirierte Frank, auch in Bielefeld ein Schreibzentrum einzurichten. 1993 begann sie dieses deutsche Pionierprojekt mit zwei Hilfskräften und 48.000 DM Startkapital. Heute ist das Schreiblabor fester Bestandteil der Universität.

Hauptsächlich Examenskandidaten

Im Zuge der jüngsten Exzellenzbemühungen in der Lehre hat es mehrere Nachahmungen gegeben. Meistens stehen die Schreibzentren aber auf wackeligen Beinen, ihre Finanzierung ist höchstens für fünf Jahre gesichert. In Köln ist das Studentenwerk Träger eines Ein-Frau-Betriebs. Bereits 1997 gegründet und für zunächst drei Jahre als Leuchtturmprojekt vom Land Nordrhein-Westfalen getragen, habe sich die Universität anschließend gegen eine Fortführung gesperrt, erzählt Gründerin Helga Esselborn. Ihre Haltung sei gewesen: Das hatten wir noch nicht, deshalb brauchen wir es nicht. Das Studentenwerk sprang als Träger ein und öffnete Esselborns Schreibzentrum für alle Kölner Hochschulen. Neben Schreibkursen führt die Germanistin auch individuelle Sprechstunden durch, von denen die Studenten fünf Termine à 50 Minuten kostenfrei nutzen können. „Es kommen hauptsächlich Examenskandidaten“, erzählt Esselborn und fügt hinzu: „Vor allem die, die schreiben können müssen, tun sich schwer.“ Das liege auch daran, dass in textintensiven Fächern wie Jura und Pädagogik andere Maßstäbe an das schreiberische Vermögen gesetzt würden als zum Beispiel in Mathematik.

In Hannover und Hildesheim finanzieren sich die Schreibzentren aus Studienbeiträgen, die in Niedersachsen noch erhoben werden. Bei deren Wegfall könnten auch die jungen, fast durchweg von Frauen geführten Schreibzentren wieder abgeschafft werden. Der Beruf der Schreibberaterin sei „jener neue Typus Uni-Job, der akademische Weiterqualifizierung mit Dienstleistung statt mit Forschung“ verbinde, erklärt Roland Bloch vom Institut für Hochschulforschung in Wittenberg. Die Stellen seien meist befristet, mitunter schlecht bezahlt und kaum in Forschungskontexte eingebunden.

„Nicht auf Knopfdruck“

Der Politikwissenschaftler findet die Einrichtungen zwar sinnvoll, warnt aber vor übertriebenen Hoffnungen. „Die Qualität der Studienleistungen wird dadurch nicht automatisch besser. Es ist auch fraglich, inwiefern sich das Schreiben vor die Auseinandersetzung mit den Inhalten schiebt.“ Auch sei umstritten, inwieweit bei einer Schreibblockade von außen unterstützt werden dürfe. Um Plagiate zu verhindern, dürfe sich eine Hochschule nicht nur auf Schreibzentren verlassen. „Wer plagiiert, bringt eine bestimmte Einstellung mit. Er wird sich bei Problemen eher im Internet umtun als an die Schreibberatung wenden“, glaubt Bloch.

Julia Bachmann studiert im dritten Semester Erziehungswissenschaften an der Universität Hildesheim. Seit drei Jahren gibt es dort ein Lese- und Schreibzentrum, das am Institut für deutsche Sprache und Literatur angesiedelt ist. Die Workshops und Sprechstunden übernehmen studentische Hilfskräfte. Ein- bis zweimal im Jahr veranstalten sie die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“. Bachmann hat mitgemacht und sich die ganze Nacht über mit der Freudschen Psychoanalyse beschäftigt. „Ich habe von acht Uhr abends bis vier Uhr morgens geschrieben. Zwischendurch gab es eine Nachtwanderung und Yogaübungen.“ Zu Hause könne sie sich nur schwer zum Schreiben aufraffen, in der Gruppe falle ihr das leichter, sagt die 22 Jahre alte Studentin. Auch die Schreibsprechstunde hat sie schon genutzt. Das Hausarbeitsthema „Gewaltprävention“ sei ihr „zu groß“ erschienen, und weil die in Paderborn lebende Gastdozentin schlecht erreichbar gewesen sei, ging Bachmann statt zu ihr zur Schreibberatung. „Dort hat man mir geholfen, das Thema einzugrenzen und den roten Faden zu finden.“

Für Hochschulforscher Bloch weisen die Schreibhemmungen noch auf ein anderes Problem hin: „Zusatzangebote wie Schreibzentren sollen die Stresssymptome des neuen Studiensystems bekämpfen, ändern aber nichts an deren Ursachen.“ Wissenschaftliches Arbeiten entstehe nicht „auf Knopfdruck“. Aber die Studenten stünden oft mehr unter Druck als früher, ihre Arbeiten pünktlich zu beenden. Schreiblabor-Gründerin Frank gibt indes zu bedenken, dass es früher andersherum gewesen sei: „Die Studenten hatten zu viel Zeit und kamen nicht zum Ende.“

Richtig einteilen

Hilfreich ist eine Einteilung des Schreibprozesses in eine Recherchier-, eine Struktur-, eine Schreib- und eine Revisionsphase.

Man sollte herausfinden, welche Schreibumgebung man braucht: Wo ist der ideale Arbeitsplatz? Welche Umgebungseinflüsse begünstigen eine gute Schreibstimmung?

Maximal drei DIN-A4-Seiten am Tag sollten es sein. Läuft es einmal besonders gut, lieber rechtzeitig aufhören und den Schwung in die nächste Schreibsitzung mitnehmen.

Literatur zum Thema: Andrea Frank, Stefanie Haacke, Swantje Lahm: Schlüsselkompetenzen: Schreiben in Studium und Beruf, Stuttgart 2007; Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. Paderborn 2010.

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