30.03.2007 · Mehr als 70 Hochschulen in Deutschland bieten ein BWL-Studium an. Wie kann sich eine Uni abheben? Bayreuth lockt jetzt 100 Abiturienten für einige Tage, um Studiengang und Stadt kennen zu lernen - kostenlos.
Von Max BolzeDer Vater empfiehlt ein Jurastudium, auf dem Arbeitsmarkt werden jedoch Ingenieure gesucht. Die beste Freundin will, dass man ihr zum Studium an die nächstgelegene Provinzuni folgt, im Ranking steht jedoch eine Universität in Berlin ganz oben. Abiturienten müssen sich bei der Studienwahl in einem kaum überschaubaren Angebot an Studiengängen und Hochschulen zurechtfinden. Wie sie sich entscheiden, hängt meist von Empfehlungen aus dem Umfeld, Hochschulrankings oder den Internetseiten der Universitäten und Fachhochschulen ab. Oftmals erfolgt noch eine Stippvisite an den potentiellen Hochschulen: ein kurzer Blick in die Vorlesungssäle, ein Mittagessen in der Mensa und ein kurzes Gespräch mit der Fachstudienberatung - dann muss die Entscheidung stehen.
Dass diese Entscheidung oft auf einer unsicheren Basis steht, will der Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre der Universität Bayreuth an der hohen Studienabbrecherquote erkannt haben. Jeder vierte BWL-Student verlässt dort die Hochschule ohne Abschluss. Die bayerische Universität will darum mit der Initiative „Campus-Live“ dafür sorgen, dass die potentiellen Studenten das Universitäts-Leben und den Studiengang besser kennen lernen, bevor sie ihre Wahl treffen. Hierfür werden 100 Studenten vom 29. Mai bis zum 2.Juni in die bayerische Stadt eingeladen. Die Kosten für Verpflegung und Unterkunft in einer Jugendherberge und übernimmt der Lehrstuhl. „Sich bei der Studienwahl auf Rankings und Zeitschriftenartikel zu stützen ist schön und gut. Aber das Erlebte wiegt doch mehr als das Gelesene“, sagt Falk Zwicker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl und Mitbegründer der Initiative.
Fallstudien und Exkursionen
Im Laufe der fünf Tage werden die Teilnehmer unter anderem mit dem Bayreuther Studienkonzept vertraut gemacht, bearbeiten gemeinsam mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern in Kleingruppen eine betriebswirtschaftliche Fallstudie und machen Exkursionen zu Unternehmen. Zudem halten Unternehmensvertreter aus verschiedenen Branchen Vorträge über die beruflichen Perspektiven für BWL-Absolventen. Auch das Nachtleben der bayerischen Kleinstadt steht auf dem Prüfstand der angehenden Hochschüler.
Zwischen 15.000 und 20.000 Euro kostet die Initiative den Lehrstuhl. Die Arbeitsstunden der wissenschaftlichen Mitarbeiter für das Projekt sind dabei nicht berechnet. Mit mehr als 50.000 Werbeflyern wurde die Aktion an ungefähr 2700 Gymnasien im gesamten Bundesgebiet beworben. Finanziert wird „Campus Live“ laut Zwicker nicht aus den Studiengebühren, die vom kommenden Semester an erhoben werden, sondern aus der Vermietung von Räumen an Unternehmen. Dass das Geld für die Initiative verwendet wird, zielt jedoch nicht nur auf die Senkung der Abbrecherquote. Der Lehrstuhl will mit der Aktion mehr Bewerber für den Studiengang anlocken. „Wir konkurrieren mit 70 bis 80 Institutionen in Deutschland, die ein BWL-Studium anbieten. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen, um die talentiertesten Abiturienten an sich zu binden“, sagt Zwicker. Zudem sei „Campus Live“ eine von Studenten mitorganisierte Alternative. Man erhoffe sich, dass die Teilnehmer durch den intensiven Kontakt mit einer studentischen Initiative selbst Lust bekommen, sich in ihrer Studienzeit zu engagieren.
Auch für „Campus-Live“ werden aktive Leute ausgewählt: Eine Einladung erhalten diejenigen, die eine gute Schul- oder Abiturnoten haben und außerschulisches Engagement vorweisen können. „Wer nur ein 3,0-Abi hat, sich aber als Gruppenleiter in der Jugendfeuerwehr hervorgetan hat, hat durchaus gute Aussichten eingeladen zu werden“, erläutert Zwicker. Bessere Chancen auf einen der 210 BWL-Studienplätze, die pro Jahr angeboten werden, hat man durch die Teilnahme an „Campus-Live“ jedoch nicht. Diese werden nach dem Wegfall der ZVS durch einen universitätsinternen Numerus Clausus vergeben, der bisher immer im Bereich einer Abiturnote von 2,1 lag. Vermutlich vom kommenden Wintersemester an werden die Studenten jedoch nach einem neuen Verfahren ausgewählt. Neben der Abiturnote sollen dann auch das außerschulisches Engagement sowie Sprachkenntnisse als Auswahlkriterien dienen.
Die Orientierungsinitiative fand im vergangenen Jahr schon einmal statt. Damals hatten sich 250 Abiturienten beworben, 80 wurden eingeladen. Wie viele sich davon letztlich immatrikuliert haben, kann Zwickel nicht sagen, fügt jedoch an: „Fakt ist, dass auf dem Auswertungsbogen zwei Drittel angaben, sich zumindest an der Universität Bayreuth bewerben zu wollen.“