04.09.2011 · Krisen können rasch zu Katastrophen werden. Sie müssen deshalb besser erforscht werden. Neue Maßstäbe in der Risikoanalyse will die ETH Zürich setzen. Besonders wichtig: Interdisziplinarität.
Von Anna Catherin LollIn New York purzeln die Aktienkurse, in London gehen Geschäfte in Flammen auf. Hätten Sie diese Krisen vorhersagen können, Herr Bhatia?“ Der 25-Jährige lacht auf. „Niemand kann die Zukunft voraussagen. Nur Schätzungen sind möglich. Und die sind fast immer falsch.“ Vivudh Bhatia hat gerade seinen Master in Management, Technologie und Ökonomie an der Eidgenössischen Technischen Universität Zürich (ETH) beendet. Sein Schwerpunkt lautete: Risiken an den Finanzmärkten. Hat er das Falsche studiert? Bhatia schmunzelt und verneint. „Es gibt immer Dinge, die jenseits des zu Erwartenden liegen“, sagt der Inder. Schätzungen seien bisweilen zu 50 Prozent richtig. Manchmal zu 5 Prozent. Bei Finanzprodukten oder in der Logistik seien sie jedoch sehr hilfreich. Das habe er an der ETH anhand vieler Mathematik-Modelle und der ökonomischen Theorie gelernt. „Man muss eben erkennen, was man voraussagen kann und was nicht“, sagt Bhatia.
Das ist freilich nicht einfach. Banken und Versicherungen rechnen mit Modellen, um Entwicklungen von Aktienmärkten vorauszusagen. Mit der Finanzkrise hatte trotzdem kaum ein Experte gerechnet. Auch in anderen Bereichen der Risikoforschung sieht es kaum besser aus. Beim Lawinenunglück im österreichischen Kaprun im Jahr 2000 kamen zwölf Menschen ums Leben. Messgeräte hatten nur eine mäßige Lawinengefahr angezeigt.
Die ETH will es bei diesen Unsicherheiten nicht belassen. Die europäische Elite-Universität hat deshalb Ende Juni ein „Risk Center“ gegründet. Sie will damit neue Maßstäbe setzen - in der Forschung und in der Ausbildung. „Das Problem der Risiko- und Krisenforschung ist, dass sie bisher von einer Art Silodenken geprägt ist“, sagt Hans-Rudolf Heinimann, Professor für forstliches Ingenieurwesen und Vorsitzender des Lenkungsauschusses des Risk Centers. Finanzwissenschaftler, Ingenieure, Geologen - jede Disziplin arbeite weitgehend für sich. Das gehe an der Realität vorbei. In der hochtechnisierten, globalisierten Welt hätten Ereignisse zunehmend Dominoeffekte. „Eine Krise kann so schnell zu einer Katastrophe werden“, sagt Heinimann.
Team aus Ingenieur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern
Der Professor verdeutlicht dies an einem Beispiel. Bei Niederschlagsmengen von bis zu 200 Litern je Quadratmeter in nur 48 Stunden - wie im August 2005 in Teilen der Schweiz gemessen - würde eine Fläche von vier bis fünf Quadratkilometern überflutet. Eine solche Gefahr zu erkennen und Vorkehrungen zu treffen liege eigentlich in der Verantwortung von Naturgefahren-Experten. Mit Blick auf die Stadt wäre jedoch der Beitrag von Fachleuten aus anderen Disziplinen wichtig. „Eisenbahntunnel unter dem Fluss Limmat würden geflutet. Hier wären Sicherheitsingenieure gefragt. Energie- und Kommunikationsinfrastruktur fiele aus, wodurch Warentransporte ausblieben und Menschen verspätet oder gar nicht zur Arbeit gelangen könnten“, sagt Heinimann. Die Kosten eines derartigen Unglücks beliefen sich auf etwa 2 bis 5 Milliarden Schweizer Franken. „Da kann es doch nicht sein, dass wir uns mit unseren bisherigen Forschungen zufriedengeben.“ Für eine Risikoanalyse werde ein Team aus Ingenieur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern benötigt. Eine Grundlage für eine solche Zusammenarbeit wolle das Risk Center nun schaffen. „Unser Ziel ist es, Experten auszubilden, die für eine bestimmte geographische Region alle Risiken - technische, natürliche, wirtschaftliche und soziale - insgesamt bewerten und dann Maßnahmenpakete vorschlagen können“, erklärt Heinimann.
Für interessierte Studenten bietet die Initiative der ETH besondere Möglichkeiten. Momentan gibt es an der Schweizer Uni fünf Masterangebote mit Schwerpunkten in der Risikoforschung: „Management, Technologie und Ökonomie“ und „Quantitative Finance“ gehören zu den klassischen Masterstudiengängen. Der „Master of Advanced Studies Natural Hazards“, der „Master of Advanced Studies in Security Policy and Crisis Management“ und der Zertifikatsstudiengang „Risiko und Sicherheit“ sind Weiterbildungsangebote, die auch berufsbegleitend absolviert werden können. Jeder Studiengang ist auf bestimmte Gefahren spezialisiert.
Mit dem Risk Center will die ETH nun den interdisziplinären Blick stärken. Beim Master of Advanced Studies Natural Hazards beispielsweise soll das Modul „Risikomanagement“ in Zukunft natürliche, technische und soziale Gefahren miteinbeziehen. In den anderen Studiengängen will die ETH ebenfalls verstärkt Wert auf fachübergreifende Aspekte legen. Das Risk Center möchte außerdem Doktoranden aus verschiedenen Wissenschaften zusammenbringen, die an risikoorientierten Projekten arbeiten. Interdisziplinäres Arbeiten will es mit finanziellen Anreizen fördern. Mit der Technischen Universität München hat die ETH zudem eine Zusammenarbeit in einem Graduiertenkolleg für Risikomanagement beschlossen.
Gute Berufsaussichten
Absolventen, die sich in der Risikoforschung auskennen, scheinen gute Berufsaussichten zu haben. Die Zurich Financial Services Group (Zurich) stiftet 6 Millionen Schweizer Franken für die Risikoforschung der ETH, die Swiss Reinsurance Company (Swiss Re) 5 Millionen. Die Unternehmen Axa Winterthur und Swiss Electric haben ebenfalls Unterstützung zugesagt. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit sei unerlässlich, um Krisen und Katastrophen möglichst erfolgreich handhaben zu können, sagt Jakob Baer, Verwaltungsratsmitglied der Swiss Re. „Oft kommt alles zusammen: Klima, Finanzen und eine zu alte Infrastruktur“, sagt er und fügt hinzu: „Wir brauchen neue Antworten.“ Und neue Experten ohne einen Tunnelblick nur für ihr Fach, wie Dieter Wemmer, Finanzvorstand von Zurich, betont. Das Verständnis für Zusammenhänge müsse bei allem Expertentum gefördert werden. Das Risk Center sei deshalb eine vielversprechende Initiative. „Die Wirtschaft ist auf gute Absolventen angewiesen“, sagt Wemmer.
Die Absolventen sind jetzt schon begeistert von dem interdisziplinären Konzept. Deborah Sill hat 2007 den Master of Quantitative Finance abgeschlossen. Heute ist die 30 Jahre alte Amerikanerin Leiterin des Projekts Portfolio-Management und Business-Intelligence in der Privatbank Clariden Leu in Zürich. Besonders gefiel ihr in ihrem Masterstudium die Kombination aus Betriebswirtschaft und Mathematik. Sill selbst hat einen Bachelor in Physik. „Mit Studienkollegen zusammenzuarbeiten, die sich gut in der Wirtschaftswelt auskannten, war eine große Bereicherung und eine gute Vorbereitung aufs Berufsleben“, sagt sie. Es sei viel Wert darauf gelegt worden, die einzelnen Techniken zu kennen, dabei aber nicht das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. „Theoretische Modelle sind immer nur ein Werkzeug, um das Risiko für eine Bank oder einen Versicherungskunden einzuschätzen“, sagt Sill.
Eine ähnliche Erfahrung hat Thomas Schlusemann gemacht. Der Maschinenbauingenieur studierte berufsbegleitend den Zertifikatsstudiengang Risiko und Sicherheit. „Wir haben das Thema Risiko und Katastrophe aus vielen verschiedenen Bereichen kennengelernt“, erzählt er. Technische Systeme standen im Vordergrund. Eine Rolle spielten auch Biotechnologie, Panikforschung und chemische Prozesse. Der Deutsche ist begeistert: „Wann lernt ein Ingenieur schon mal etwas über die Aufnahmezeit von chemischen Stoffen im menschlichen Körper oder über Risikokommunikation?“ Er könne nun Zusammenhänge in Krisen besser verstehen. „Sie sind viel zu komplex, als dass nur eine Wissenschaft sie umfassend analysieren könnte“, sagt er.
Risikoforscher in Deutschland
An der Universität München gibt es im Nebenfach „Insurance and Risk Management“.
Die Universität Ulm bietet in den Masterstudiengängen Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsmathematik den Studienschwerpunkt „Risikomanagement“ an.
In Siegen kann man den Master-Studiengang „Controlling und Risikomanagement“ belegen.
Ein Graduiertenkolleg zum Thema „Risikomanagement“ existiert zum Beispiel an der Universität Köln.