11.07.2009 · Sommerzeit, Prüfungszeit - vor den Ferien müssen viele Studenten noch einmal richtig ran. Es gibt viele Strategien, aber kein Patentrezept für den Lernerfolg. Für Panik ist das noch lange kein Grund.
Von Sebastian Balzter und Julia WenzelNur noch 24 Stunden sind es bis zur mündlichen Abschlussprüfung, und im Idealfall ließe sich Stephanie Michels Gemütszustand jetzt als eine angenehme Mischung aus Konzentration und Entspannung beschreiben. Sie hätte schon während ihrer ersten Semester an der Frankfurter Universität ihr individuelles Lerntempo, ihre Lesegeschwindigkeit und ihre Aufmerksamkeitsspannen ermittelt. Etwa ein halbes Jahr vor dem Prüfungstermin in Religionswissenschaften hätte sie sich dann einen Lernplan erstellt, nach dem sie Woche für Woche den prüfungsrelevanten Stoff erarbeitet und die Kernpunkte auf Karteikarten zusammengefasst hätte. Zwischendurch hätte sie mit den Kommilitonen aus ihrer Lerngruppe die Prüfungssituation simuliert.
Den letzten Tag vor der letzten Prüfung hätte sie dann zu einem langen Spaziergang genutzt, hätte noch einen Blick auf ihre inzwischen mit vielen Unterstreichungen und Querverweisen versehenen Karteikarten geworfen und selbstbewusst die unbedarften und deshalb unerwartbaren Fragen einer fachfremden Freundin pariert, um danach ruhigen Gewissens ins Bett gehen zu können. Doch der Idealfall hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun: Stephanie Michel hat sich so sehr auf ihre beiden ersten Prüfungsthemen fixiert, dass sie mit dem Lernen für das dritte am Morgen vor Tag X noch nicht angefangen hat. Ihre Karteikarten sind leer.
Dass ihr der Professor am Ende der Prüfung zu einer glatten Eins gratulieren würde, schien zu diesem Zeitpunkt vor inzwischen fast acht Monaten wenig wahrscheinlich. Michel, die nun 31 Jahre alt ist und eine Promotion ansteuert, räumt ein, dass auch Glück dabei war. Vor allem aber habe sie unter Druck die richtigen Entscheidungen getroffen: Statt sich in Sekundärliteratur zum biblischen Buch Ruth zu verzetteln, das sie sich als Prüfungsthema ausgesucht hatte, konzentrierte sie sich auf den Text selbst. Vier Kapitel im Alten Testament, das ließ sich an einem Tag schaffen. Dazu knappe Lexikoneinträge, eine Handvoll prägnanter Interpretationen und ein Schuss Mut zur Lücke, dann war es Abend.
Der Traum vom Wundermittel ist oft nur ein Traum
Für den Gang in die Buchhandlung mit ihrer kaum zu überschauenden Fülle von Ratgeberliteratur für Prüfungs- und Examenskandidaten blieb keine Zeit mehr, und vielleicht war auch das ein glücklicher Umstand. Elsbeth Stern jedenfalls, die an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Professorin für Lern- und Lehrforschung ist, steht dem Genre skeptisch gegenüber. „Die Vorstellung, dass es heimliche Methoden gibt, die den Lernerfolg garantieren, erfreut sich erstaunlich großer Beliebtheit“, stellt sie fest. „Aber dahinter steckt meist nicht sehr viel.“ Von Wundermitteln zur Steigerung der Hirn- und Gedächtnisleistung träumt die Menschheit schon seit Jahrhunderten. Sechs Stunden nur, so versprach es der aus Nürnberg stammende Dichter Georg Philipp Harsdörffer vor 350 Jahren, brauchten die Leser seiner „Dicht- und Reimkunst“, um das Handwerkszeug des Schriftstellers zu lernen. Nicht einmal Lateinkenntnisse seien dafür nötig.
Doch während der Nürnberger Trichter schnell als Scherzartikel entlarvt war, stellt sich die aktuelle Diskussion um die Relevanz neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für das Lernen deutlich komplizierter dar. Der gängige Vergleich des Gehirns mit dem Computer - über 100 Terabyte Speicherplatz verfügt die Rechenmaschine in unserem Kopf den einschlägigen Schätzungen zufolge, rund eine Billiarde Rechenoperationen kann sie theoretisch in der Sekunde bewältigen - legt zwar den Gedanken an die Möglichkeit eines Tunings, einer Optimierung nahe. Doch ob Gehirnjogging, Knobelaufgaben, Übungen zur besseren Verbindung von rechter und linker Hirnhälfte oder spielerische Lernstrategien tatsächlich zum Erfolg führen, ist umstritten. „Viele der angebotenen Empfehlungen gehören ins Reich der Neuromythen“, wettert zum Beispiel Nicole Becker, die Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen lehrt.
Abschied von der Maximalforderung kann helfen
Durch wiederholendes Lesen allein, die hausbackenste aller Methoden, lernen sich Formeln und Vokabeln, Daten und Zusammenhänge allerdings auch nicht. Denn das Gehirn speichere Lernstoff erst dann langfristig, wenn es ihn selbständig reproduziert hat, erläutert der Kölner Psychologieprofessor Martin Schuster. Wie das gelingt? „Es hilft, sich selbst in verschiedene Rollen zu bringen, um dadurch den Stoff aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten zu können“, erklärt Schuster. „Was kann ich von diesem Buch auf einer Party erzählen?“ - wer sich zum Beispiel diese Frage zu beantworten versuche, könne später vermutlich auch besser auf die Prüfer reagieren. Wo stures Auswendiglernen gefragt sei, rät Schuster zu den klassischen Eselsbrücken, auf die schon die Redner in der Antike zurückgriffen: Vokabeln oder Zahlenfolgen lassen sich etwa einfacher einprägen, wenn sie mit einem bestimmten Ort oder einem Bild verknüpft werden. Außerdem empfiehlt er Lernern körperliche Bewegung, um die Durchblutung des Gehirns zu verbessern. „Schon Kaugummikauen fördert dadurch den Denk- und Lernprozess.“
Mit Problemen anderen Kalibers kommen die Studenten zu Mechthild Rolfes in die Psychologische Beratungsstelle der TU Berlin. Viele hätten einfach zu hohe Ansprüche an sich selbst, berichtet Rolfes - erst wenn sie sich von der Maximalforderung „Summa cum laude“ verabschiedeten, werde ihr Kopf frei fürs Lernen. Rolfes rät den Studenten in ihrer Sprechstunde außerdem dazu, durch Ausprobieren herauszufinden, welcher Lerntyp sie selbst sind - ob ihnen das visuelle oder auditive Lernen leichter fällt, ob sie auf phantasievolle Assoziationen setzen oder möglichst konkrete Anwendungsbeispiele suchen sollten. Die meisten ihrer Klienten allerdings machen laut Rolfes den Fehler, das Lernen aus Angst vor der Prüfung immer weiter zu verschieben und sich dann in zu kurzer Zeit zu viel zuzumuten. Denn was für Stephanie Michel vermutlich nur dank ihres Vorwissens und ihrer Erfahrung mit Prüfungssituationen am Studienende funktionierte, gelingt längst nicht jedem. „Und von sieben Uhr morgens bis spät in die Nacht durchlernen, das geht nicht“, warnt Rolfes. „Nach anderthalb Stunden ist für viele Schluss.“
Disziplin ist das A und O
Auf den letzten Drücker versucht es auch Stephanie Michel nicht mehr. Sie sei aus knapp vermiedenem Schaden klug geworden, sagt sie. Um sich auf einen Forschungsaufenthalt in Syrien im nächsten Frühjahr vorzubereiten, hat sie deshalb schon vor drei Monaten ein Lerntandem gegründet. Jeden Dienstagmorgen trifft sie sich nun mit Doris Decker, einer zwei Jahre älteren Doktorandin, im Café Juridicum an der Frankfurter Uni zum Arabischlernen. Neben Tee- und Kaffeetassen steht ein Karteikasten für die Vokabeln, Grammatik- und Textbücher liegen auf dem Tisch. Für Decker sind diese Stunden eine willkommene Auffrischung und Gelegenheit zur Sprech- und Hörpraxis, Michel profitiert vom fortgeschrittenen theoretischen Niveau ihrer Lernpartnerin - und von ihrer Disziplin.
„Ich habe mir immer mindestens einen Monat vor der Prüfung Lernpläne erstellt“, berichtet Decker aus ihrer Studienzeit. „Und vor allem habe ich mich an diese Pläne nachher auch gehalten.“ Habe sich trotzdem einmal Panik angekündigt, habe sie die allerwichtigsten Inhalte auf einem einzigen Din-A4-Blatt zusammengefasst, um zu sehen, was wirklich wichtig ist. Inzwischen ist Doris Decker selbst Dozentin und rät jüngeren Semestern, so früh wie möglich den Kontakt zu ihren Professoren zu suchen. „Wer die Prüfer kennt, hat große Vorteile“, sagt sie. Es gelte nicht nur, Themen genau abzugrenzen. Auch um das Fachverständnis und die Interessenschwerpunkte ihrer Dozenten sollten Prüflinge wissen. Ob sich dann Erfolg einstellt oder nicht, hängt vermutlich aber an einer noch viel grundsätzlicheren Entscheidung. „Dass ich etwas studiert habe, was absolut meinem Interesse entspricht“, sagt Doris Decker, „hat das Lernen enorm vereinfacht.“
Gut ernährt zum Examen
- Auch das Gehirn braucht Futter, erst recht zum Lernen. Als Brainfood bezeichnen Ernährungswissenschaftler Lebensmittel, die wie Fisch und Hülsenfrüchte viel Jod und Eisen oder wie Erdnüsse viel Vitamin B1 enthalten. Von Traubenzucker raten sie wegen seiner kurzfristigen Wirkung ab, von Fastfood sowieso - verdaut der Körper Burger und Fritten, bleibt zu wenig Energie fürs Denken übrig.
- Gute Noten garantieren die Brainfood-Säfte der Krankenkasse DAK nicht, dafür sind sie schnell gemixt: Ein Becher Joghurt, ein Esslöffel Honig, 100 Milliliter Sanddorn- und 200 Milliliter Apfelsaft ergeben, gut verrührt, den „Morgenmuffelkick“, der die Konzentration fördern, das Gehirn aktivieren und den Blutzuckerspiegel stabil halten soll. Später soll der „Anti-Nachmittagstief-Trunk“ die Müdigkeit vertreiben und dem Gehirn die Versorgung mit Sauerstoff erleichtern: Eine in Stücke geschnittene Banane wird dazu mit zwei gepressten Orangen, 250 Gramm Himbeeren und zwei Esslöffeln Hirseflocken püriert.