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Regelstudienzeit Im Eiltempo zum Bachelor

08.09.2011 ·  Viele Studenten und Unternehmen halten sechs Semester bis zum ersten Abschluss für zu kurz. Doch nur wenige Universitäten verlängern auf acht - und preisen die Vorteile.

Von Lisa Becker
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Deutsche Bachelor-Studenten halten sich an Regeln: Bis zum Abschluss brauchen sie nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz im Schnitt 6,6 Semester - kaum mehr als die vorgegebene Studienzeit. Wer noch vor der Bologna-Reform auf Diplom studiert hat, kann sich über diese Disziplin nur wundern. Damals spielte die Regelstudienzeit kaum eine Rolle. Es galt zwar auch, dass ein Langzeitstudent bei Arbeitgebern nicht gut ankam. Doch ob man ein, zwei oder auch drei Semester länger brauchte, war nicht so wichtig. Heute ist die Regelstudienzeit - meistens sind es sechs Semester - eine starke Richtschnur für jeden Studenten. Dabei muss sich niemand an sie halten.

Doch warum tun es trotz der vielen Klagen über den Zeitdruck fast alle? Dass man früher schon mal ein paar Semester länger studiert hat, weiß der VWL-Student von seinen Eltern. Heute sei das mit Blick auf mögliche Arbeitgeber aber „nicht mehr drin“, sagt er überzeugt. Hinzu komme, dass durch die Vergabe von 30 Leistungspunkten (Credit Points) je Semester die Leistung transparent und gut kontrollierbar sei. Die Studentin der Kommunikationswissenschaften kann „nicht wirklich“ sagen, warum sich alle an die Regelstudienzeit halten. „Da müssen Sie die Personaler fragen“, sagt sie. Auch sie glaubt, dass es den Berufseinstieg spürbar erschwere, wenn man länger studiere. Umfragen, die ihre Befürchtung bestätigen, kennt sie freilich nicht. „Doch irgendwie ist heute so ein Druck da.“

Das kann der Politikwissenschaftler, der sein Studium gerade beendet hat, nur bestätigen. Er kennt fast niemanden, der den Uni-Bachelor in mehr als sechs Semestern gemacht hat. Das würde sich bei Arbeitgebern sicher schlecht machen, glaubt auch er. Zudem könne man manche Pflichtfächer nur einmal im Jahr belegen. Lasse man ein solches Fach aus, dann müsse man ein Jahr warten, bis man wieder die Gelegenheit habe. Und das Studium auf acht Semester ausdehnen - das gehe gar nicht. Das sieht Florian Prange, Vorstand im Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften (FZS), anders. Natürlich könne man etwas länger studieren. Doch habe ein starker Mentalitätswechsel stattgefunden. „Schon in der Schule bekommt man gesagt, dass man schnell sein muss, in der Hochschule geht das dann so weiter.“ Wer länger studiere, werde schief angeschaut. „Teilweise sogar von den Kommilitonen.“ Prange würde eine Verlängerung der Regelstudienzeit gutheißen - doch nur, wenn man dann nicht mehr Credit Points erwerben müsse.

Kritik aus den Unternehmen

Über die inzwischen so große Bedeutung der Regelstudienzeiten rätselt auch Martin Winter, Wissenschaftler am Institut für Hochschulforschung der Universität Halle-Wittenberg. Dass es mehr formale Vorgaben gebe und dass mit den Credit Points der Studienfortschritt transparenter werde, nennt auch er als mögliche Gründe. Dennoch fragt er sich, warum es mittlerweile für die Studenten fast einem Tabubruch gleichkäme, wenn sie um ein oder zwei Semester überzögen. Winter findet es überdies erstaunlich, dass fast alle Universitäten sechssemestrige Bachelor eingeführt haben, obwohl sie sich auch für sieben oder acht Semester hätten entscheiden können. Der Forscher wagt eine Erklärung: „Es könnte auch daran liegen, dass in vielen Fächern an den Unis der Bachelor als eigenständiger Abschluss nicht so ernst genommen wird. Nicht in allen, aber doch in etlichen Studiengängen wird den Studenten gesagt: Erst mit dem Master hat man einen vollwertigen Universitätsabschluss, der auch mit dem früheren Diplom vergleichbar ist.“

Der Bachelor an einer Fachhochschule werde hingegen eher als eigenständiger Abschluss betrachtet. Er dauere aber öfter als an den Unis sieben oder acht Semester. Sollten mehr Universitäten auf sieben oder acht Semester umstellen? Winter rät zur Vorsicht. „Jede neue strukturelle Vorgabe bringt wieder Unruhe an die Universitäten“ sagt er. Zudem habe eine Vielfalt der Studienstrukturen auch Nachteile: Je unterschiedlicher die Regelstudienzeiten ausfielen, desto schwieriger sei der Wechsel an eine andere Hochschule. Ein generelles Problem eines achtsemestrigen Bachelors sieht Winter darin, dass dann für einen Masterstudiengang nur noch zwei Semester Regelstudienzeit blieben. Denn mehr als fünf Jahre sind für einen Bachelor- und anschließenden Master-Studiengang nicht erlaubt. Einen Master in nur zwei Semestern zu machen sei aber schwierig, sagt Winter. „Schon alleine ein Semester wird in der Regel für die Masterarbeit veranschlagt.“

Aus den Unternehmen ist Kritik am sechssemestrigen Bachelor zu hören: Er qualifiziere nicht für den Beruf, heißt es dann. Einer Ausweitung der Regelstudienzeit steht die Wirtschaft dennoch skeptisch gegenüber. Man will vermeiden, dass an deutschen Hochschulen zu lange studiert wird. „Es geht in sechs Semestern, das ist der Standard und sollte es auch bleiben“, sagt Kevin Heidenreich, Hochschulexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Kämen die Hochschulen damit nicht hin, dann müssten sie die Strukturen ändern. Sieben oder acht Semester Regelstudienzeit müssen nach Heidenreichs Ansicht gut begründet sein, zum Beispiel durch ein Praxissemester. Der einzelne Student könne die Regelstudienzeit überziehen, wenn er gute Gründe habe. „Wer länger studiert, weil er sich sozial engagiert, Praktika macht oder ins Ausland geht, dem wird das eher positiv als negativ angerechnet werden“, weiß Heidenreich. Umfragen zeigten, dass den Unternehmen Persönlichkeit und soziale Kompetenzen wichtiger seien als die Studiendauer.

„Einen Master draufsatteln“

Nur wenige Hochschulen haben alle Bedenken gegen einen Sonderweg über Bord geworfen und bieten längere Bachelor-Studiengänge an. Es geht ihnen darum, dass die Studenten mehr lernen und besser auf den Beruf vorbereitet werden. Ein Beispiel sind die Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hannover. Dort stellte man fest, dass sechs Semester für die berufliche Qualifizierung kaum reichten, berichtet Studiendekan Philipp Sibbertsen. „Dann muss man eigentlich noch einen Master draufsatteln. Im Sinne der Bologna-Reform sollte aber der Bachelor der Regelabschluss sein“, erklärt er. In Hannover wuchs die Überzeugung, dass man dafür acht Semester brauche. Nun werden die letzten drei Semester genutzt, Kenntnisse in Spezialbereichen zu vertiefen. Ein Vorteil der Verlängerung sei auch, dass acht Bachelor- plus zwei Master-Semester in vielen anderen Ländern üblich seien, erklärt Sibbertsen. „Entsprechend gehen viele unserer Bachelor-Absolventen für einen Master ins europäische Ausland. Auch das ist im Sinne von Bologna.“

Die private Zeppelin University in Friedrichshafen bietet sogar nur noch achtsemestrige Bachelor-Studiengänge an. Die Bewerber hätten das neue Angebot „extrem positiv“ aufgenommen, berichtet Vizepräsident Tim Göbel. Auch aus der Wirtschaft habe man zustimmende Reaktionen bekommen. In Friedrichshafen hat man hohe Ansprüche: Die Studenten sollen generelle und spezielle Kenntnisse erwerben und theoretische Inhalte entwickeln; sie sollen ins Ausland gehen und Praktika absolvieren. „Doch dafür braucht man mehr Zeit“, sagt Göbel.

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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