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Reformstudiengänge Die ersten Bologna-Juristen

 ·  In Mannheim gibt es das erste Bachelorstudium in Deutschland, mit dem man später noch Volljurist werden kann. Es rief viel Kritik hervor. Doch die ersten Absolventen haben sehr gute Noten.

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© Peter von Tresckow

Sie mussten sich viel anhören, Georg Bitter und seine Kollegen von der juristischen Fakultät in Mannheim. Die Professoren wollten das Jurastudium verändern. Knapp zehn Jahre nach Beginn des Bologna-Prozesses sollten auch die Rechtswissenschaften einen zweistufigen Studienaufbau bekommen: Erst den Bachelor-, dann den Masterabschluss sollte man in Mannheim machen können, veredelt mit einer betriebswirtschaftlichen Spezialisierung.

Doch die Fachkollegen aus den anderen Universitäten liefen Sturm. Die Juristerei, so wurde behauptet, sei nur ganzheitlich zu erlernen. „Man kann die juristische Materie nicht nach Belieben aufspalten“, kritisierte der damalige Dekan der benachbarten Heidelberger Jura-Fakultät, Burkhard Hess, in dieser Zeitung.

Den Titel „Unternehmensjurist“ haben die Absolventen sicher

Damals, das war im März 2008. Inzwischen sind vier Jahre vergangen, in denen die Mannheimer ihren Plan weitgehend in die Tat umgesetzt haben. Im Herbst 2008 begann der erste Jahrgang mit 133 Erstsemestern das Bachelorstudium „Unternehmensjurist“. Im vergangenen September haben die ersten Studenten ihren Abschluss gemacht.

Manche von ihnen lassen sich jetzt noch zum Volljuristen ausbilden. Dafür müssen sie noch mindestens zwei Jahre weiterstudieren, die restlichen Examensklausuren schreiben und anschließend das zweijährige Referendariat absolvieren. Alles in allem kommen die Mannheimer Juristen dadurch nicht unbedingt schneller ans Ziel. Denn auch der Otto Normaljurist braucht gut und gerne zehn Semester Studium plus zweijährigen Vorbereitungsdienstes, bevor er in den Beruf einsteigen kann.

Was jedoch grundlegend anders ist: Wer in Mannheim die erste Staatsprüfung nicht schafft, hat immerhin einen Bachelor in der Tasche. Wer in Heidelberg, Köln oder Bonn nach Jahren des Studiums mehrmals durch das Examen fällt, steht hingegen vor dem Nichts. Diesen Druck auszuhalten ist für viele Jurastudenten die schwierigste Aufgabe.

Der Bachelor macht Mannheim als Studienort attraktiv

Allerdings ging es den Professoren, die den Studiengang konzipiert haben, nicht darum, gequälten Studentenseelen Erleichterung zu verschaffen. Man wollte das Jurastudium an den späteren Arbeitgebern ausrichten und dadurch reizvoller machen, erklärt der Mannheimer Prodekan Georg Bitter. So konnte der Studienstandort sein Profil schärfen.

Vorher war es eher so, dass an der kleinen Jura-Fakultät in Mannheim Menschen aus der Rhein-Neckar-Region studierten, während in zwanzig Kilometer Entfernung die Traditionsfakultät an der Universität Heidelberg Studieninteressierte aus ganz Deutschland anzog.

Nun aber wird Mannheim immer mehr zur Attraktion – nicht nur wegen der revolutionären Studienstruktur, sondern auch wegen der Verknüpfung von Jura und Betriebwirtschaft. Zu Studienbeginn machen Vorlesungen an der BWL-Fakultät sogar rund 50 Prozent des Stundenplans aus, später werden sie weniger, weil sich die Studenten dann auf die drei Staatsexamensklausuren im Zivilrecht vorbereiten müssen. In die Bachelornote fließen aber auch die studienbegleitenden Wirtschaftsklausuren mit ein.

Nicht nur Gesetzestexte, sondern auch Bilanzen lesen

Die Frage, ob die Universität eher ein Fachhochschulstudium erdacht hat, das darauf ausgelegt ist, die Studenten vor allem in den Beruf zu bringen, verneint Bitter nachdrücklich. „Mit einem Fachhochschulstudium hat das gar nichts zu tun“, sagt er. Das Gegenteil sei richtig. „Vor 30 Jahren waren viel mehr Juristen in Vorstandsposten als heute. Wir wollen die Juristen wieder in die Geschäftsleitung bringen.“ Dafür müssten sie aber auch eine Bilanz lesen können. Helfen dürfte da der gute Ruf, den die Mannheimer BWL genießt. Von manchen Unternehmern heißt es, sie stellten lieber Bewerber mit mäßigem BWL-Abschluss in Mannheim als einen Einserkandidaten von mancher Privathochschule ein.

Die Nähe der Universität zur Wirtschaft gefällt indes vielen Rechtswissenschaftlern nicht. Im Mannheimer Universitätsschloss findet man zum Beispiel den KPMG-Hörsaal oder die mit 10 Millionen Euro von SAP-Gründer Hasso Plattner sanierte Unibibliothek. „Der Studiengang Unternehmensjurist wird aber nicht gesponsert“, sagt Prodekan Bitter.

Und Björn Burkhardt, der den Studiengang 2008 federführend entwickelt hat, ist kein Wirtschaftsrechtler. Er ist Professor für Strafrecht. Burkhardt hat sich selbst sogar ein Stück weit abgeschafft. Denn Strafrecht lernen in Mannheim nicht mehr so viele Jurastudenten; es ist kein Bestandteil des Bachelorstudiums. Erst wer sich später entscheidet, das Staatsexamen zu machen, wird Burkhardt in einer Vorlesung begegnen.

Danach: Berufseinstieg, Master oder Staatsexamen

Vor dieser Entscheidung standen kürzlich die 57 ersten Bachelors, die im vergangenen September die Examensklausuren in Zivilrecht geschafft haben. Von den anfänglich 133 Studenten sind viele noch nicht fertig, weil sie ein Auslandsjahr eingelegt haben. Einige wurden auch in den harten ersten drei Semestern ausgesiebt. „Wir sind nah dran an den Studenten und fordern sie auch sehr“, sagt Prodekan Bitter. Die Studierenden merkten früher als an anderen Universitäten, wenn Jura nichts für sie sei.

Martin Thelen und Ebru Solak haben den Abschluss geschafft. Danach hatten sie verschiedene Möglichkeiten: Sie hätten bei einer Bank oder Beratungsgesellschaft anheuern, ein beliebiges Masterstudium auf der ganzen Welt beginnen oder in Mannheim den „Master of Laws“ (LL.M.) absolvieren können, der im Steuerrecht, im Management oder im Arbeitsrecht vertieft. Die 23 Jahre alte Ebru Solak entschied sich für den LL.M.-Studiengang, der sie auf eine Arbeit im Personalwesen vorbereitet.

Der 24 Jahre alte Martin Thelen will das Staatsexamen machen. „Eigentlich habe ich mich damals für den Unternehmensjuristen entschieden, weil ich mir alle Möglichkeiten möglichst lange offenhalten wollte“, erklärt er. Ebru Solak hingegen wollte unbedingt Jura studieren, hatte aber keine Lust auf „die negativen Aspekte eines normalen Jurastudiums“.

Bessere Noten als der Landesdurchschnitt

Ein bisschen mulmig war den beiden vor den Zivilrechtsklausuren im vergangenen September schon zumute. Es waren dieselben Klausuren, die auch die normalen Examenskandidaten in Baden-Württemberg schreiben. Weil es so viel Kritik an den Reformjuristen in Mannheim gab, ging das Gerücht um, das Justizprüfungsamt werde besonders tückische Aufgaben ersinnen, mit Bezügen zum Straf- oder Europarecht. Aber nichts dergleichen ist geschehen. Und die Mannheimer Unternehmensjuristen lagen mit ihren Noten deutlich über dem baden-württembergischen Landesdurchschnitt.

Das hat wieder Kritiker auf den Plan gerufen. Nachdem die Noten bekannt wurden, gab es Anrufe im Landesjustizministerium in Stuttgart, wie Bitter berichtet. Die Anrufer fanden es ungerecht, dass die Mannheimer das Examen portionsweise ablegen dürfen, während Normaljuristen den kompletten Stoff auf einmal parat haben müssen. Sie wollten nicht, dass das Jurastudium verweichlicht. Verwundert müssten indes die Kritiker sein, die behaupteten, Jura könne man nicht in sechs Semestern studieren. Denn dann hätten die Mannheimer eigentlich keine Chance haben dürfen.

Zum Volljuristen

Der Mannheimer Bachelor-Studiengang für Unternehmensjuristen dauert sechs Semester. Die Studenten lernen das komplette Zivilrecht, das auch traditionelle Jurastudenten lernen müssen. Zusätzlich machen sie Wirtschaftswissenschaften.

Der Bachelorabschluss setzt sich aus studienbegleitenden Klausuren, einer Schwerpunktbereichsprüfung und drei zivilrechtlichen Examensklausuren zusammen. Die drei Examensklausuren sind dieselben, die alle Jurastudenten in Baden-Württemberg schreiben, und werden vom Justizprüfungsamt gestellt.

Nach dem Bachelor haben die Unternehmensjuristen die Option, sich weiter zum Volljuristen ausbilden zu lassen. Hierfür müssen sie eingeschrieben bleiben. In den folgenden zwei Jahren lernen sie öffentliches Recht und Strafrecht und schreiben drei Staatsexamensklausuren in diesen Fächern. Dann folgt die mündliche Prüfung, in der die Kandidaten in allen drei Rechtsgebieten geprüft werden. Für den Volljuristen müssen sie danach das Referendariat machen und das zweite Staatsexamen ablegen.

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