01.02.2009 · Die Automobilbranche steckt in der Krise. Wie planen Arbeitgeber und Absolventen in solch einer Situation? Ein Streifzug über eine Jobmesse.
Von Sven AstheimerVon Krise ist an diesem Morgen vor dem Bochumer Ruhr-Congress wenig zu spüren. Vor den Glastüren bilden sich lange Schlangen von jungen Leuten, die ihre Zukunft in der Automobilbranche suchen – allen Absatzeinbrüchen und staatlichen Hilfsaktionen zum Trotz. In den vergangenen fünf Jahren hat die Branche immerhin ihren Akademikeranteil von 10 auf mehr als 13 Prozent ausgebaut, rund 21 000 neue hochwertige Arbeitsplätze geschaffen. Doch seit der Verschärfung der Wirtschaftskrise im Herbst schicken Hersteller und Zulieferer ihre Belegschaften kollektiv in die Kurzarbeit. In den Unternehmen gerät vor allem der Unterbau mit einem Gehaltsgefüge zwischen 50 000 und 80 000 Euro unter Druck, sagt ein Experte des Beratungsunternehmens Kienbaum.
Als das Car-Institut von Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer die Bochumer Auto-Jobmesse zu planen begann, ahnte von diesen dramatischen Umwälzungen freilich noch niemand etwas. Rund 1500 Studenten und Absolventen haben sich trotz der Schreckensnachrichten angemeldet. Drinnen geht es mit der für solche Veranstaltungen üblichen Betriebsamkeit zu. Eine Gruppe junger Männer steht zusammen und diskutiert. Die Tüten in der Hand zeugen davon, dass sie schon einige Stationen abgeklappert haben. Es sind Mechatronikstudenten der Fachhochschule Bochum. Im Sommer endet ihre zweijährige praktische Ausbildungsphase bei Opel, dann beginnt der theoretische Teil an der FH. Sie sind hier, um sich ein Bild über die Beschäftigungschancen zu machen.
„Erst mal was Sicheres finden“
„Dass es schwierig ist, bekommen wir bei Opel ja schon mit“, sagt Bastian Lütkemeier, 23 Jahre alt. Aber es gebe ja immer noch offene Stellen in der Branche, wenn auch nicht mehr so viele. Der mögliche Verdienst? „Darüber mache ich mir noch keine Gedanken“, sagt Lütkemeier. „Erst mal was Sicheres finden, das hat Priorität.“ In einem Jahr beginnt die Bewerbungsphase für die jungen Männer. Bis dahin sehe die Situation für die Hersteller hoffentlich wieder etwas besser aus. „Und Zulieferer sind ja auch interessant“, sagt ein Kommilitone, die sollen teilweise sogar besser zahlen, hat er gehört.
Am Opel-Stand einige Meter weiter bestätigt sich das triste Bild. „Wir haben derzeit wenig Möglichkeiten, einzustellen“, räumt Maria Zepper ein, zuständig für Personalarbeit. Staatsbürgschaften und Beschäftigungsaufbau passen eben schlecht zusammen. Was die Marke mit dem Blitz jedoch bieten kann, sind Praktikanten- und Diplomandenplätze. Knapp 40 Angebote hat Zepper mitgebracht, die Nachfrage ist rege. „Wir wollen als Arbeitgeber auf jeden Fall im Gespräch bleiben“, erklärt sie die Präsenz auf Jobmessen in schweren Zeiten.
Offene Stellen erstmal intern besetzen
Ähnlich äußern sich die Kollegen am Stand des Zulieferkonzerns Continental, der derzeit wegen der Übernahme durch Schaeffler aus den negativen Schlagzeilen nicht mehr rauskommt. Trotzdem wolle man sich als Arbeitgeber weiter positionieren. Schließlich werde auch diese Krise irgendwann vorbei sein, sagt Continental-Mitarbeiterin Barbara Texter. „Und wenn wir jetzt damit aufhören, müssen wir in zwei Jahren bei null anfangen.“ Statt eines kompletten Rückzugs wurden die Messeauftritte gezielt reduziert. „Wir konzentrieren uns auf die Schlüsselunis wie Hannover, Regensburg, Darmstadt und Aachen“, sagt Texter. Die häufigste Frage, die sie und ihre Kollegen an diesem Tag zu hören bekommen, lautet: „Stellen Sie überhaupt noch ein?“ Die Antwort lässt zumindest ein bisschen hoffen. Ja, es gibt offene Stellen, aber die Vorgabe lautet, dass interne Besetzungen Priorität haben.
Im großen Plenumssaal ist es mittlerweile voll geworden. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers will den jungen Leuten in schweren Zeiten Mut zusprechen. Der Christdemokrat erinnert an den zehnmillionsten Opel Astra, den dreimillionsten Sprinter von Daimler und den Produktionsstart des Ford Focus – Ereignisse, denen er im vergangenen Jahr beiwohnte. „Die Vorstellung, dass wir hier die Bücher zumachen, mache ich mir nicht zu eigen“, sagt der Landesvater fast trotzig. Abwrackprämie und Kfz-Steuer würden die richtigen Impulse geben, um die Branche wieder in Fahrt zu bringen. Deutschland werde auch weiterhin „die besten, wenn auch nicht die billigsten Autos der Welt“ bauen, ruft er in die große Halle.
Auch Audi fährt auf Sicht
Der Minister ist längst weg, als in einer Ecke vier Männer sichtlich angetan um einen Sportwagen herumstehen. Das Quartett kommt von der Technikerschule in Düsseldorf. Alle hatten nach einer Ausbildung schon Berufserfahrung gesammelt, ehe sie sich für die Weiterbildung zum Maschinenbautechniker entschieden. In einigen Monaten steht auch für sie die Rückkehr in den Arbeitsmarkt an. Einen feste Zusage hat noch keiner. Auch wenn alle die Hoffnung hegen, im Ballungsgebiet NRW fündig zu werden, ist man kompromissbereit. Jonas Remscheid wohnt in Solingen, sucht aber in ganz Deutschland. Seine Freundin arbeitet mittlerweile ohnehin in Hamburg, wohin er ihr zwar gerne folgen würde. „Aber wenn ich etwas in Frankfurt finde, gehe ich auch da hin“, sagt der 24-Jährige.
Besonders hektisch geht es am Stand von Audi zu. Wenig verwunderlich, schneidet der Ingolstädter Produzent in Umfragen nach dem beliebtesten Arbeitgeber doch regelmäßig mit Spitzenplätzen ab. „Wir fahren auf Sicht, aber wir haben offene Stellen für Akademiker“, sagt Audi-Mitarbeiter Nikolaus Heiszenberger. Gefragt seien etwa Spezialisten für den Bereich alternative Antriebe, am besten Maschinenbauer mit Berufserfahrung. An die rund 1600 Akademiker, die das Tochterunternehmen von Volkswagen in den vergangenen Jahren eingestellt hat, werde man aber mit Sicherheit nicht mehr herankommen.
„Irgendwie durch das Jahr 2009 kommen“
Nicht nur Ingenieure und Techniker nutzen an diesem Tag die Chance, sich ein Bild von der Zukunft der Automobilwirtschaft zu machen. Btissam Ait-Taleb studiert Europäisches Management an der FH in Bochum und will nach dem Ende des Sommersemesters unbedingt in die Automobilbranche, am liebsten ins Marketing. Drei Wunscharbeitgeber hat sie schon definiert: BMW, Renault oder Peugeot – weil sie die Werbung der Franzosen so gut findet. Renault hat sie immerhin auf ein Traineeangebot hingewiesen. „Das baut auf“, sagt die 24-Jährige, auch wenn andere umgehend signalisiert hätten: Einstellungsstopp. Irgendwie werde ihr der Einstieg schon gelingen, sagt Ait-Taleb, „die Krise macht mir meine Pläne nicht kaputt“.
Eine Einstellung ganz nach dem Geschmack von Gastgeber Dudenhöffer. „Die Flinte nicht ins Korn werfen“, rät er, „dieses Jahr irgendwie überstehen.“ Wenn es mit der Festanstellung nicht gleich klappt, sei die Zeit vielleicht reif für Bachelor- und Diplomarbeiten oder für Weiterbildung. Und was ist mit umsatteln, etwa in Richtung erneuerbare Energien, wohin ebenfalls erkleckliche Fördermittel fließen? „Nein“, schüttelt der Dozent schnell den Kopf, „treu bleiben, das Autogeschäft kommt zurück.“
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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