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Recherche in China Lückenhafte Kataloge, verschwundene Akten

 ·  Doktoranden und Studenten forschen in chinesischen Archiven unter schwierigen Bedingungen. Das gilt vor allem für Studierende aus dem Ausland. Ihnen werden besonders viele Steine in den Weg gelegt.

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Der Archivar mit der dicken Brille nickt, als er den Zettel sieht. Schwerfällig steht er auf und verschwindet in den Tiefen des Provinzarchivs. Wenige Minuten später kommt er zurück, beladen mit Akten, Papieren und Schubern. Er schreibt die Kennnummern auf, haut den Stempel mit der roten Tinte auf den Zettel und schiebt den Aktenstapel über den Tisch. Zhong Zhong Chen muss sich zwingen, das Grinsen zu unterdrücken. Soeben hat ihm der Archivar in Jinan in der chinesischen Shandong-Provinz das gegeben, wovon der Doktorand nicht zu träumen gewagt hatte: Akten aus den achtziger Jahren, die eigentlich der Geheimhaltung unterliegen und die kein Wissenschaftler, kein Student und kein Doktorand sehen soll. Chen, der in China geboren ist, aber einen kanadischen Pass hat, fängt sofort an zu lesen. Es geht um die diplomatischen Beziehungen der Volksrepublik China zur DDR und darum wie die DDR, eigentlich Moskaus Lieblingskind, den Kontakt nach Peking ausbaute, um den Großen Bruder zu ärgern und den Handel anzukurbeln.

Doch die Freude währt nur kurz. Als sich Chen anstellt, Notizen zu machen, kommt der Chef des Provinzarchivs angerannt. Er schüttelt wütend den Kopf und sammelt die Akten wieder ein. Obwohl die chinesische Regierung vor einigen Jahren viel historisches Material freigegeben hat - zumindest aus der Zeit von vor 1965 -, ergeht es auch vielen Historikern aus Europa und Deutschland wie Chen: Akten, die eigentlich zugänglich sind, werden angeblich gerade digitalisiert. Oder die Kataloge sind lückenhaft oder nicht auffindbar. „Die Archive verschließen sich mehr und mehr“, sagt Chen.

„Die Klassifizierung war nicht komplett“

Das hat auch Sergey Radchenko, Dozent für amerikanisch-asiatische Beziehungen an der englischen Universität Nottingham, in der chinesischen Stadt Ningbo beobachtet. „Die Klassifizierung war nicht komplett“, sagt Radchenko. „Anders als in Deutschland oder in England wissen wir hier in China nicht, welche Dokumente uns vorenthalten werden.“ Radchenko forscht vor allem in den Archiven des chinesischen Außenministeriums und der Kommunistischen Partei. „Die Verantwortlichen betreiben einen riesigen Aufwand, um zu verhindern, dass wir Wissenschaftler die Dokumente wirklich bekommen“, sagt er. Gesprächsnotizen oder diplomatische Depeschen dürften nur abgeschrieben, nicht aber kopiert werden. „Das zwingt ausländische Wissenschaftler dazu, monatelang Dokumente abzuschreiben.“

Viele Wissenschaftler versuchen deshalb, auf Provinzarchive auszuweichen. So hat das Archiv in Shandong den Ruf, recht liberal mit sensiblen Dokumenten umzugehen. Anders sieht es in der Jiangsu-Provinz aus: „Hier wurden ganz offensichtlich Findbücher gereinigt“, sagt Lorenz Lüthi von der kanadischen McGill-Universität, der ebenfalls viel in China forscht.

Einen großen Unterschied macht es, welcher Nationalität der Doktorand oder Student ist, der Akten einsehen möchte. So dürfen Ausländer in manchen Fällen nicht einmal von Hand kopieren, vielfach bleibt ihnen der Zugang zu den Dokumenten ganz versperrt. Dem Kanadier Zhong Zhong Chen wurde deshalb mehrfach die Akteneinsicht verweigert. Er muss stets drei Empfehlungsschreiben seiner Professoren mitbringen, wenn er Akten einsehen will. Doch auch dies garantiert nichts: „In China ist es leider nicht wie in Deutschland, wo man einen Antrag stellen kann und zur Not klagt, damit man Akteneinsicht bekommt“, sagt Chen. Nicht zu unterschätzen ist auch die Rolle des einzelnen Archivars: Er entscheidet, ob er einem Gesuch stattgibt oder nicht.

Damit ist Chen besonders auf deutsche Archive angewiesen. Das ist aber unproblematisch, denn Gesetze wie das Bundesarchivgesetz regeln, wer Akten einsehen darf. „Bei staatlichen Archiven in Deutschland stellen wir prinzipiell einen sehr guten Zugang fest“, sagt Nora Hilgert, Geschäftsführerin des Verbandes der Historiker in Deutschland.

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