http://www.faz.net/-gyl-xsv9

Randvolle Terminkalender : Vorstände sind wie Leistungssportler

Rappelvoll: In den Terminkalendern der Spitzenmanager ist selten noch ein Plätzchen frei Bild: FAZ.NET

Was machen die Chefs großer Unternehmen den ganzen Tag? In seiner Doktorarbeit hat ein junger Banker diese Frage beantwortet - indem er Terminkalender ausgewertet hat.

          Es gibt Doktorarbeiten, die versteht nur ein kleiner Kreis von Fachleuten. Und es gibt Doktorarbeiten, in denen Antworten auf Fragen gesucht werden, die sich viele Menschen schon einmal gestellt haben. Einer solchen Frage ist Emilio Matthaei in seiner Promotionsarbeit nachgegangen. Er wollte wissen, was Vorstände großer Unternehmen den ganzen Tag machen. In der wissenschaftlichen Literatur fand er keine richtigen Antworten. Deshalb entwickelte er eine eigene Methode, um sich einen tiefen Einblick in den Tagesablauf von Vorständen zu verschaffen: Er schaute sich vier Wochen in ihren Kalendern um.

          Lisa     Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Das hatte vor ihm so noch niemand gemacht - und Matthaei weiß, warum. „Es ist schwer, an die Vorstände heranzukommen“, sagt der Neunundzwanzigjährige. Ihnen eine E-Mail oder einen Brief zu schicken führte selten zu einer Antwort. Matthaei verließ deshalb seinen Schreibtisch an der Handelshochschule Leipzig und fuhr zu Konferenzen, um die Vorstände persönlich zu treffen. „Auf dem Weg in oder aus dem Saal habe ich sie angesprochen“, erzählt er und lässt durchblicken, wie spannend er das fand. Seine Trefferquote erhöhte sich dadurch erheblich. Mehr als die Hälfte der Vorstände, die er angesprochen hatte, waren bereit zur Zusammenarbeit.

          Wer das war, darf Matthaei nicht sagen. Er verrät aber, dass es sich weitgehend um Vorstandsvorsitzende großer internationaler Unternehmen gehandelt habe. Insgesamt kam der Wissenschaftler mit dreißig Vorständen in engeren Kontakt. In die Ergebnisse seiner Arbeit flossen aber nur die Auswertungen von zwölf Terminkalendern ein, weil er Wert auf einen lückenlosen Einblick in den Tagesablauf der Vorstände legte; diesen wollten oder konnten ihm aber nicht alle Gesprächspartner gewähren.

          Berufs- und Privatleben vermengt sich

          Matthaei fand heraus, dass die Vorstände oft mehr als 65 Stunden in der Woche arbeiten. Er vergleicht sie mit Leistungssportlern: „Sie müssen sich auf ihre Tätigkeit voll und ganz einlassen und dürfen sich keine Ausschweifungen erlauben.“ Das führe auch dazu, dass sich Berufs- und Privatleben vermengten. In den Terminkalendern zeigte sich außerdem, dass Vorstände nur selten in ihren Büros arbeiten und nur etwa 60 Prozent ihrer Arbeitszeit im Unternehmen. Sie seien viel unterwegs, um das Unternehmen mit der Außenwelt zu vernetzen, erläutert Matthaei: Sie treffen sich mit Kunden, Aufsichtsräten anderer Unternehmen oder sind mit Politikern auf Reisen.

          Auch innerhalb des Unternehmens suchten sie oft das persönliche Gespräch. „Viele Gespräche sind komplex und funktionieren nicht über den Blackberry“, erklärt Matthaei. Im Unternehmen treffen sie nach seinen Beobachtungen keine einsamen Entscheidungen. Vielmehr brächten sie auf der Suche nach Entscheidungen unterschiedliche Entscheidungsträger zusammen und fungierten dann als Coach, Vertrauensperson und Motivator. Diese Zusammenkünfte seien im Durchschnitt „viel größer“ als in früheren Jahren.

          „Gereifte Persönlichkeiten“, die Ruhe ausstrahlen

          Doch wie kommen Vorstände mit ihrer hohen Arbeitsbelastung zurecht? Nach Matthaeis Beobachtungen sehr gut. Er hat sie als „gereifte Persönlichkeiten“ erlebt, die Ruhe ausstrahlten. „Oft sind sie schon lange im Unternehmen tätig und systematisch auf ihre Aufgaben vorbereitet worden.“ Matthaei hat außerdem festgestellt, dass jüngere Vorstände vor allem darauf schauen, was im Unternehmen selbst geleistet wird, während ältere Vorstände stärker über die Unternehmensgrenzen hinweg blicken. „Ethische und gesellschaftliche Gesichtspunkte spielen für sie eine größere Rolle.“

          Matthaei arbeitet inzwischen für die amerikanische Bank Goldman Sachs in London. Er hat an der Handelshochschule Leipzig studiert und promoviert, deren Ziel es ist, Führungspersönlichkeiten auszubilden. Haben ihn seine Begegnungen mit den Vorständen motiviert, auf dem Weg in eine Führungsposition voranzuschreiten? Ja, sagt Matthaei. Denn ihre Arbeit sei „sehr erfüllend, spannend und interessant“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.