04.09.2009 · In Deutschland sind nur wenige Studenten Eltern. Es hapert an erstaunlich einfachen Dingen, die den Spagat zwischen Wickeltisch und Seminar erheblich erleichtern würden.
Von Sebastian BalzterRegen ist Lena Przibylla am liebsten. Dann packt sie eine Extradecke um Fins Beine, klappt das Kunststoffverdeck über seinem Kinderwagen auf und lässt ihre eigenen blonden Haare nass werden auf dem Weg zur Freiburger Universität. Eitel Sonnenschein wäre ihr viel zu langweilig. Genauso, wie es ihr nach ein paar Semestern zu langweilig wurde, einfach nur zu studieren. Da packte sie zu ihrem Diplom- noch einen Magisterstudiengang. Und kurz danach, zweieinhalb Jahre ist das jetzt her, kam ihr Sohn Fin zur Welt. Seitdem ist nichts mehr einfach. Aber zu Lena Przibylla passt das.
Dass die gebürtige Berlinerin eine Ausnahme ist, verrät schon die Statistik. Nur 7 Prozent der Studenten in Deutschland sind Eltern, macht 123.000 studierende Mütter und Väter. In Schweden ist die Quote dreimal so hoch, in Norwegen liegt sie bei knapp 22 Prozent. Anders als in Skandinavien gelten Elternschaft und Studium hierzulande als kaum vereinbar. Politischer Wille ist allerdings, dass sich das ändert. Aber noch sind die Hindernisse groß. Das Deutsche Studentenwerk etwa bemängelt fehlende Betreuungsangebote, starre Studienpläne und die prekäre finanzielle Situation studierender Eltern. Wie es besser geht, will unter anderem das Centrum für Hochschulentwicklung mit dem Programm „Familie in der Hochschule“ zeigen, das acht vorbildliche Projekte als „Best Practice“Beispiele vorstellt. Und die Hertie-Stiftung erteilt das Zertifikat „Familiengerechte Hochschule“, wenn Kitas, Spielplätze und Möglichkeiten zum Teilzeitstudium vorhanden sind.
Ohne die Hilfe der Freunde ginge gar nichts
Eine Familienservice genannte Verwaltungsstelle hat auch die altehrwürdige Albrecht-Ludwigs-Universität in Freiburg eingerichtet, die sich seit vergangenem Jahr mit dem Lorbeer der Exzellenzinitiative schmücken darf. Auf der Hertie-Liste aber steht sie nicht. Noch hapert es an erstaunlich einfachen Dingen, manche Versäumnisse sind kaum zu verstehen. Auf eines weist Lena Przibylla im Erdgeschoss des Kollegiengebäudes II hin, das in einer schmucklosen Ecke einen Wickelraum versteckt. „Die Uni hat eine Handvoll Toiletten mit Wickeltischen ausgestattet. Nur sind die überhaupt nicht ausgeschildert, selbst im Internet ist der Lageplan kaum zu finden.“ Sie macht die Tür zur Damentoilette auf, das blaue Licht soll Drogensüchtigen die Venensuche erschweren. Das wirkt wenig familiär, doch auf öffentlichen Toiletten muss das wohl so sein. „Aber dass es Wickeltische nur auf Frauenklos gibt, ist eigentlich eine Sache für die Gleichstellungsbeauftragte.“
Sie selbst wickele Fin auch draußen, sagt Lena Przibylla. So habe sie es auch mit dem Stillen gehalten. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Und auch nicht jede studierende Mutter verfügt über ein so dichtes soziales Netzwerk wie die 24 Jahre alte Frau. Schon ein kurzer Spaziergang mit ihr durch die Freiburger Innenstadt wird mehrmals von Begrüßungsszenen und Verabredungen per Telefon unterbrochen. Ohne die Hilfe ihrer Freunde, das betont sie, würde sie den Spagat zwischen Doppelstudium und Kindererziehung nicht hinbekommen, die öffentlichen Angebote seien nicht flexibel genug - und außerdem zu teuer.
In Moabit ist Lena Przibylla aufgewachsen, von den befreundeten Straßengangs berichtet sie immer noch gerne. Parallel dazu hat sie auf dem Gymnasium Latein gelernt, war Klassen- und Schulsprecherin. Später half sie beim Aufbau eines Bildungsprojekts für Afrika, außerdem mischt sie seit einigen Jahren bei den Jusos mit. Dass sie als ledige Mutter katholisch ist, außer Philosophie und Religionswissenschaft katholische Theologie studiert und ausdrücklich Wert darauf legt, dass auch ihr Sohn katholisch erzogen wird, vervollständigt die Sammlung vermeintlicher Widersprüche.
„Feuerbach und die Mystik“ und „Eene meene mopel“
Die Beziehung zu Fins Vater ist nach wie vor eng, auch das ist ihr wichtig. Er wohnt sechs Häuser weiter, in seine Wohngemeinschaft zieht der Blondschopf von Samstag bis Montag ein. Seine Mutter geht dann hin und wieder arbeiten, ohne Jobs könnte sie sich die Zweizimmerwohnung für 450 Euro Miete im Monat nicht leisten; außerdem schreibt sie an ihrer Abschlussarbeit, erledigt Behördengänge. Der Sonntagvormittag ist für den Kirchgang zu dritt reserviert.
Ein Kind hatten sich die Eltern gewünscht. Aber dann, als Fin anderthalb Jahre alt war, ist das Zusammenleben in der Organisation des neuen Familienalltags, in ihren Prüfungen und seinen Existenzgründungssorgen untergegangen. Vom Vater abgesehen, gibt es in Reichweite kaum potentielles Betreuungspersonal aus der Verwandtschaft, nur mittwochs hilft hin und wieder die Großmutter aus. Den Rest der Woche leben Mutter und Sohn allein auf 45 Quadratmetern, ohne Auto, Fernsehgerät und Waschmaschine, dafür aber mit Film- und Fotoplakaten an den Wänden, einem Zwei-Platten-Herd in der winzigen Küche und einer Reclam-Sammlung im Bücherregal.
Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein kopierter Aufsatz über „Feuerbach und die Mystik“ neben dem Abzählreimklassiker „Eene meene mopel“ in Buchform und einer Kinderbibel. Vom nächtlichen Studentenleben hat sich Lena Przibylla weitgehend verabschiedet, wieder angefreundet hat sie sich Fin zuliebe mit der Frühstücksvariante, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kennt: Haferkleie, eingelegt in Orangensaft und mit Schlagsahne, Joghurt und Bananenstückchen verfeinert. Wie Millionen andere Eltern packt sie morgens Schnuller, Trinkpäckchen und Kekse in den Kinderwagen, von anderen Gewohnheiten grenzt sie sich deutlich ab. „Viele junge Mütter reden nach der Geburt über nichts anderes mehr als über Babybrei und Milchabpumpen“, sagt sie. Nichts für sie.
„Schuldgefühle haben zwischendurch alle“
Schon zweieinhalb Monate nach seiner Geburt hat Lena Przibylla ihren Sohn deshalb zum ersten Mal in der Kinderkrippe abgegeben. „Schuldgefühle haben zwischendurch alle“, kommentiert sie diese Entscheidung im Nachhinein. „Aber ein oder zwei Semester zu Hause zu bleiben, das hätte mich auch nicht glücklich gemacht.“ Inzwischen bringt sie Fin zwischen neun und zehn Uhr in die Freiburger Kindertagesstätte am Glacisweg. 230 Euro kostet die Betreuung dort im Monat, zehn Minuten Fußweg entfernt von der Philosophischen Fakultät, wo ihre Vorlesungen über Buddhismus und Fundamentaltheologie stattfinden. „In die Uni nehme ich ihn normalerweise nicht mit. Das ist Stress für die anderen, die müssen so viel gucken.“ An den Nachmittagen sieht der Stundenplan Zeitfenster für Ausflüge zum Spielplatz und ins Schwimmbad vor, nach den Semesterferien kommt die musikalische Früherziehung dazu; schon jetzt trommelt und singt Fin mit großem Eifer - und fordert Applaus. Außerdem hat er Einmalkameras für sich entdeckt. Sein Lieblingsmotiv bringt er mit einem beherzten „Mama Lena!“ in Position.
Im nächsten Jahr will Mama Lena ihr Studium abschließen, nach 14 Fachsemestern. „Das ist für zwei Fächer ganz okay“, findet sie - hält den Berufseinstieg mit dann 26 Jahren aber grundsätzlich für zu spät. Hätte sie nicht hier und da getrickst und geblufft in den vergangenen Jahren, davon ist sie überzeugt, kämen ein paar Semester dazu - weil sich Prüfungen nicht um ein paar Monate verschieben lassen, sondern immer gleich ein halbes oder ganzes Jahr auf dem Spiel steht, weil viel vom Wohlwollen der Professoren abhängt.
Wenn die studierenden Eltern darüber im Familienservice klagen, hören sie vom riesigen Verwaltungsaufwand, den eine Änderung der Prüfungsordnungen an jeder einzelnen Fakultät erfordere. „Aber wir sind da dran“, heißt es dann vage. Was sich sonst noch ändern müsste? Durchgehende Betreuungszeiten von 8 bis 18 Uhr wünscht sich Lena Przibylla; jetzt schließt die Kita freitags schon am Nachmittag. „Und ich will niemandem mehr sagen müssen: Leider bin ich Mutter, bitte geben Sie mir doch ein bisschen mehr Zeit für die Hausarbeit.“