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Psychologische Beratungsstellen Studenten auf der Couch

03.01.2012 ·  Lernstörungen und Prüfungsangst: Die psychologischen Beratungsstellen der Hochschulen haben gut zu tun. Doch können sie für die Ratsuchenden nur eine erste Anlaufstelle sein.

Von Martin Gropp
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© Tresckow

Petra Hollers Couch ist ein roter Sessel, der in einem frisch renovierten Büro des Münchner Studentenwerks im ehemaligen Olympischen Dorf steht. Fünf Tage die Woche sitzen dort Studenten, die bei der Diplompsychologin Hilfe suchen. Holler nimmt gegenüber Platz, gut eine Armlänge entfernt im zweiten roten Sessel. Obwohl noch ein kleiner Tisch zwischen der Beraterin und den Ratsuchenden, wie die Sechsundvierzigjährige sie nennt, steht, kommt sie ihnen oft sehr nahe. Manchmal näher als eine andere Person jemals zuvor.

Für jeden neuen Studenten hat Holler eine Stunde Zeit, um ihn zu „öffnen“. Deshalb hat sie einen Digitalwecker auf dem Tisch plaziert. Häufig schafft sie es schon nach kurzer Zeit. Dafür steht ein Karton mit Taschentüchern bereit. „Wer zu uns kommt, bringt schon eine gewisse Offenheit mit, über seine Sorgen und Nöte zu sprechen“, sagt Holler. „Die Vorlaufzeit, bis jemand zu uns findet, kann lang und quälend sein.“ Die Erleichterung danach sei oft ziemlich befreiend.

Seit zehn Jahren ist Holler für hilfesuchende Studenten in München da. Sie leitet die psychosoziale und psychotherapeutische Beratung innerhalb des Beratungsnetzwerks des Studentenwerks. Das Netzwerk kümmert sich um soziale Belange der Studenten, es berät sie in Rechtsfragen und eben auch, wenn ihre Seele leidet. Seit sie Studenten berät, macht Holler eine Erfahrung: Von Jahr zu Jahr kommen mehr Ratsuchende zu ihr und ihren acht Kollegen. 444 waren es im Jahr 2000. 2009 kamen mit 853 fast doppelt so viele.

Zwar belegen Daten der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, dass der Beratungsbedarf der Studenten in Deutschland zwischen 2006 und 2009 um fünf Prozentpunkte abgenommen hat. Doch betraf der Rückgang vor allem Fragen zur Studienfinanzierung oder zu Themen wie Krankenversicherung und Finanzierung eines Auslandsaufenthalts.

83.000 Beratungskontakte

Demgegenüber sei der Informationsbedarf zu Arbeitsorganisation und Zeitmanagement, zu Prüfungsangst und Studienabschlussproblemen konstant geblieben. Bei Lern- oder Leistungsproblemen sei er sogar etwas gestiegen. Insgesamt hatten die psychologischen Beratungsstellen der deutschen Studentenwerke 2009 rund 83.000 Beratungskontakte und betreuten mehr als 23.000 Studierende. Neuere Zahlen gibt es nicht. Auch für die Studenten, die zu Petra Holler kommen, sind studienbedingte Probleme der häufigste Grund für den Schritt über die Schwelle des Münchner Beratungszentrums. „Lernstörungen und Prüfungsangst spielen in etwa der Hälfte der Fälle eine Rolle“, sagt die Psychologin. „Klassische Entwicklungskonflikte wie eine Identitätsproblematik oder auch Generationenkonflikte sehen wir seltener.“

Mit ähnlichen Symptome hat es Holger Walther in Berlin zu tun. „Die Einstiegskategorie sind ganz klar Arbeitsstörungen: Schreibblockade, Motivationstief, Konzentrationsstörung“, erklärt Walther, der die psychologische Beratung an der Humboldt-Universität leitet. „Die Psyche greift aber auch manchmal nur auf solche Störungen zurück. Sie sind dann der äußere Anlass, und das eigentliche Probleme versteckt sich dahinter.“ Wie seine Kollegin in München leitet Walther eine Erstberatungsstelle: Über Aushänge, Infoblätter, das Internet oder Mundpropaganda finden Studenten zu diesen Stellen. Dort machen sich die Psychologen dann in einer ersten, meist einstündigen Sitzung ein erstes Bild über die Probleme der Ratsuchenden.

Weil Walther ein Einzelkämpfer und an der Humboldt-Universität für „mehr als 30.000 potentiell Ratsuchende zuständig ist“, wie er sagt, kann er jedem Studenten nur eine einzige Sitzung anbieten. Petra Holler und ihre Kollegen haben dagegen die Kapazitäten, einem Student bis zu fünf Sitzungen von jeweils 60 Minuten anzubieten.

Kern der Probleme

In den Gesprächen tasten sich die Psychologen durch behutsames Fragen langsam zum Kern der Probleme vor. „Ich gehe ganz an den Anfang zurück und frage: Warum haben Sie sich eigentlich für ein Studium in Berlin entschieden?“, erklärt Walther. Oft komme dann die Antwort: In erster Linie bin ich hier, weil ich nach Berlin wollte. „Dann ist es natürlich kein Wunder, wenn jemand an sich selbst und an seinem Studium zweifelt und keine Leistung mehr bringen kann.“

Je nachdem, wie schwer die Lage der Studenten ist, entscheiden sowohl in München wie in Berlin die Psychologen und der Student gemeinsam, was die nächsten Schritte sein könnten: eine ambulante Therapie bei einem niedergelassenen Psychologen, ein an der Hochschule angebotenes Seminar zum Zeit- und Lernmanagement oder ein Workshopwochenende. Dort trainieren die Studenten dann zum Beispiel, frei vor einer Gruppe zu sprechen, um so ihre Angst vor der nächsten mündlichen Prüfung zu verringern.

Trotz aller Unkenrufe zur Konzentrations- und Leistungsfähigkeit der heutigen Studentengeneration - der Bedarf nach solcher methodischer Lernbetreuung ist für Walther kein neues Problem. Seit 1994 sammelt er in Berlin Erfahrungen mit studienbegleitenden Workshops. In 17 Jahren hat er gut 8300 Teilnehmer in Lern- und Arbeitstechniken geschult oder versucht, ihnen Schreib- oder Redehemmungen zu nehmen.

„Lernlust statt Studienfrust“

Denselben Ansatz verfolgt die Universität Hamburg neben der pychologischen Einzelberatung. Die Seminare heißen „Lernlust statt Studienfrust“, „Kompetenzentfaltung in Prüfungen“ oder „Schluss oder Abschluss?“ für Studenten, die über einen Studienabbruch nachdenken. Auch Bernd Nixdorff, der kommissarische Leiter der zentralen Studienberatung und psychologischen Beratung der Universität Hamburg, hat die Erfahrung gemacht, dass solche Seminare keine neue Nachfrage bedienen. „Dass die Studenten nach dem Abitur erst einmal das Lernen lernen müssen, war schon immer so“, sagt Nixdorff. „Viele Studenten waren in der Schule Sprinter. Die Universität ist dagegen ein Marathon.“

Für viele Studenten mit Problemen sind die psychologischen Beratungsstellen dann so etwas wie die Versorgungsstände, wo sie nicht Wasser, sondern Worte holen, um weiterlaufen zu können. Wichtig sei vor allem, sagt Nixdorff, dass die Studenten bei ihm und seinen Kollegen möglicherweise zum ersten Mal an der Universität auf jemanden träfen, der ein „offenes Ohr hat und auch das offene Wort nicht scheut“. Holger Walther aus Berlin sagt, dass er für die Studenten vor allem als erste Anlaufstelle fungiere. Sie könnten sich dann neu zu sortieren - nah an der Uni und doch fern genug: „Ich bin nicht das Institut, an dem der Student lernt. Und das Gespräch bei mir ist auch keine Prüfung, die bestanden werden muss.“ Petra Holler hat noch einen anderen wichtigen Punkt ausgemacht. Viele Ratsuchende seien nicht so schwer angeschlagen, dass drei bis fünf Beratungsgespräche nicht Wirkung entfalten könnten.

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