15.07.2007 · Viele Studenten ziehen das Kinderzimmer der Studentenbude vor. Ein Fünftel der angehenden Akademiker leben im Elternhaus. Woran dieses Nesthocken liegt, diskutieren die Experten - reine Bequemlichkeit ist es selten.
Von Sabine Hildebrandt-WoeckelWenn Stefan von seinem Porsche erzählt, gerät er ins Schwärmen. "Von null auf hundert in nicht einmal fünfeinhalb Sekunden, Spitzengeschwindigkeit 250 und, und . . ." Na ja, billig sei der Unterhalt nicht, aber dafür hat der 23-Jährige einen Wochenendjob. Sechshundert Euro kommen da im Monat zusammen - das reicht für Auto und Klamotten. Und mehr muss er auch nicht zahlen. "Warum auch?" Stefan, der seinen Nachnamen nicht gerne in der Zeitung sehen möchte, studiert in seinem bisherigen Wohnort Hamburg und wohnt bei seiner Mutter. "Praktisch", wie er findet, so spart er nicht nur Miete und Essen, sondern bekommt auch noch den Wäscheservice gratis.
Typisch - mag manch einer denken. Typisch für die heutige Generation, die es gerne bequem hat und den Eltern immer länger auf der Tasche liegt. War es bis Anfang der achtziger Jahre noch üblich, sich möglichst schnell eine eigene Wohnung zu suchen, hat sich der Zeitpunkt des Auszuges seitdem kontinuierlich nach hinten verschoben. Damals räumten laut Statistik junge Männer im Schnitt mit 21 Jahren ihre Kinderzimmer, junge Frauen mit 20. Heute bleiben viele junge Erwachsene bis Mitte, Ende zwanzig im Hotel Mama. Und je länger die Ausbildung dauert, umso länger wird es. Ein Fünftel aller Studenten, so heißt es beim Deutschen Studentenwerk, büffelt nicht in der eigenen Bude, sondern im Elternhaus. Tendenz eindeutig steigend.
Keine voreiligen Schlüsse
Doch Vorsicht. Voreilige Schlüsse sollten daraus nicht gezogen werden, findet nicht nur Inge Seiffge-Krenke, Leiterin des Lehrstuhls Entwicklungspsychologie an der Universität Mainz. Denn ob ein Kind zum Nesthocker wird, hängt von sehr vielen Faktoren ab, und ein ganz wesentlicher davon sind die Eltern selbst beziehungsweise die Beziehungsstrukturen innerhalb der Familie. Seit fast 15 Jahren begleitet Seiffge-Krenke 200 Familien. Zu Beginn der Studie waren die Jugendlichen 14 Jahre alt, heute sind sie 28, und rund ein Drittel stellt die Füße noch immer unter Papas Esstisch, wie man früher provokant sagte.
Aufgrund des langen Erhebungszeitraumes und der Vielzahl der erfassten Daten war es Seiffge-Krenke möglich, einen genaueren Blick auf die Nesthocker zu werfen. Mehrere Faktoren traten dabei immer wieder auf: eine gestörte Bindung beispielsweise, geringe Konfliktbereitschaft in der Familie oder Auffälligkeiten in der Entwicklung allgemein. Brauchen kleine Kinder mehr Aufmerksamkeit als normal, neigen viele Eltern auch dann noch zur Überbehütung, wenn ihr Einsatz längst nicht mehr gefragt ist.
Männer bleiben länger als Frauen
Darüber hinaus, das zeigen neben der Mainzer Studie auch andere Erhebungen, scheint auch das Geschlecht einen nicht unerheblichen Einfluss zu haben. Laut Mikrozensus, einer statistischen Erhebung, wohnten 2005 noch 13 Prozent der 30-jährigen Männer im Elternhaus, aber nur fünf Prozent der Frauen. Die Erklärung dafür hängt ebenfalls mit dem Verhalten der Eltern zusammen. Jungs, sagt die Mannheimer Psychologieprofessorin Christiane Papastefanou, genießen zu Hause einfach mehr Komfort. Während von jungen Frauen in der Regel ganz selbstverständlich eine Beteiligung im Haushalt eingefordert wird, legen junge Männer zumeist die Hände in den Schoß - "auch heute noch".
Dennoch: Reine Bequemlichkeit alleine ist es zumeist nicht, die am Ausziehen hindert, das betont auch Papastefanou. Auch sie hat für ihre Habilitation jahrelang engen Kontakt zu 300 jungen Leuten gehalten und kam ebenfalls zu dem Schluss, dass es sehr vielfältige Gründe gibt, heute länger als früher bei Mama und Papa zu bleiben, neben den psychologischen sind das vor allem finanzielle. Wobei sich Geldprobleme in den vergangenen Jahren mit Sozialkürzungen und der Einführung von Studiengebühren massiv verstärkt haben. Ihre provokante Frage: "Wovon soll die Generation Praktikum den eigenen Hausstand denn bezahlen?" Nicht in jedem Studium sei es möglich, regelmäßig zu jobben, zumal es auch hier massive Veränderungen gegeben habe. "So locker, wie die Elterngeneration mitunter durchs Studium kam, ist das heute nicht mehr."
Frage nach dem Geld
Die Frage nach dem Geld stellt sich auch Sarah. Sie studiert in München Geowissenschaften. Eine teure Stadt "und ein teures Studium", wie die 20-Jährige betont. Neben den Studiengebühren fallen jedes Semester mehrere hundert Euro für Exkursionen und Ausrüstungen an. Eine zusätzliche Belastung, für die es nirgendwo Unterstützung gibt. Sarahs Eltern haben zwar in einen Ausbildungsfonds eingezahlt und ihr zum 18. Geburtstag eine ordentliche Summe ausgezahlt. Doch um jetzt schon auszuziehen, reicht das Geld nicht. Mehr Unterstützung aber können die Eltern nicht leisten, die sonst eine kleinere Wohnung suchen müssten. Das will Sarah nicht, die ihr Jugendbett "aber eigentlich schon gerne" gegen eines in einer WG tauschen würde. Jetzt jobbt sie in allen Ferien und hofft, "in gut einem Jahr" den Sprung zu schaffen.
So gesehen, unterstreicht Psychologin Papastefanou, könne man den Entschluss, zu Hause wohnen zu bleiben, mitunter auch als Form innerfamiliärer Solidarität betrachten. Zumal der Schritt auszuziehen keineswegs zwangsläufig auch bedeutet, sich von den Eltern abzunabeln. Wer weiter am Geldhahn von Papa hängt, ist auch nicht frei von Einschränkungen, findet auch Entwicklungspsychologin Seiffge-Krenke. Im Gegenteil: Wirklich bequem ist es, sich die Studentenbude bezahlen zu lassen und die dreckige Wäsche trotzdem Mama zu bringen.
Und im Umkehrschluss gilt auch, dass sich keineswegs alle Nesthocker bedienen lassen. Sarah hat ebenso wenig Scheu vor Spül- und Waschmaschine wie 64 Prozent ihrer daheimgebliebenen Kommilitonen. Diese Zahl ermittelte das Institut Demoskopie Allensbach bei einer Befragung von 2600 jungen Erwachsenen ab 16 Jahre: Spätauszieher pauschal als faul oder psychisch angeschlagen zu betrachten sei schlicht falsch. Viele blieben einfach auch deswegen gerne zu Hause, weil sich der Umgang in den Familien verändert hat. Kein Hotel Mama, sondern eine Mitmach-WG.
Letztlich, so betonen auch Sozialpädagogen, könne die elterliche Stütze zu Studienbeginn durchaus Vorteile haben. Die nervenaufreibende Wohnungssuche entfällt, die Studierenden können sich langsam an die neue Situation herantasten und auch anfänglich Frustrationen besser aushalten. Allerdings, auch darin sind sich Experten einig, darf diese Solidarität nicht so weit gehen, dass sie die Zukunft beeinflusst. "Wenn jemand von vorneherein seine Studienfächer einschränkt, nur weil er zu Hause wohnen bleiben möchte, dann wird es schwierig", findet Papastefanou. Allzu lange sollte das familiäre Verständnis nicht dauern. Denn Nesthocker haben nicht nur oft Probleme, am Unileben teilzunehmen. Über kurz oder lang sind auch in "gesunden" Familien Konflikte programmiert.
eignet sich nicht für Vorurteile
W.P. Bayerl (Dr.Bayerl)
- 15.07.2007, 04:08 Uhr
Das Geld ist es selten
Marvin Parsons (mapar)
- 15.07.2007, 15:45 Uhr