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Promotion neben dem Beruf Zwischen Büro und Bibliothek

13.09.2011 ·  Voll im Berufsleben stehen und gleichzeitig den Doktor machen - daran sind schon einige gescheitert. Doch es ist möglich, beides zu schaffen.

Von Sarah Sommer
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Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat es nicht geschafft, genauso wenig wie die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin und vermutlich auch der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann: Sie hatten sich vorgenommen, eine Doktorarbeit zu schreiben, die wissenschaftlichen Maßstäben genügt, „in jahrelanger mühevollster Kleinarbeit“ und „neben einem anspruchsvollen Beruf“, wie es Guttenberg formulierte.

Wer voll im Berufsleben steht und nebenbei eine Dissertation verfasst, hat sich ohne Zweifel viel vorgenommen. Wer es dennoch wagt, tut dies nicht unbedingt nur aus wissenschaftlichem Interesse. Denn in einigen Branchen ist der Doktor ein Karriereturbo und bares Geld wert. Vor allem in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften verbessern sich die Berufschancen durch den Titel deutlich. Doch trauen sich nur wenige die Doppelbelastung zu: Gerade einmal 16 Prozent aller Doktoranden arbeiteten außerhalb des wissenschaftlichen Betriebs, schätzt das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) in Bonn. Etwa die Hälfte arbeitet während der Promotion auf einer Vollzeitstelle. Wie viele Doktoranden in welchen Fachbereichen das Doppelleben zwischen Wirtschaft und Wissenschaft wagen, ist aber unklar. „Belastbare repräsentative Daten fehlen“, erklärt Kalle Hauss, der am IFQ die Situation von Promovierenden untersucht. Denn in Deutschland gibt es keine offizielle Doktoranden-Statistik. Das Bundesbildungsministerium weiß lediglich, dass jährlich zwischen 23.000 und 26.000 Promotionen erfolgreich abgeschlossen werden.

Das Hochschul-Informationssystem (HIS) in Hannover hat in einer repräsentativen Untersuchung ermittelt, dass rund ein Drittel der Promovierenden die Doktorarbeit abbricht. „Als einen der häufigsten Gründe für den Abbruch der Promotion nennen die Befragten eine zu hohe Arbeitsbelastung durch eine berufliche Tätigkeit“, sagt Kolja Briedis, Absolventenforscher am HIS. „Darunter sind aber auch Promovierende, die an der Universität angestellt sind“, ergänzt er.

„Dann kommt der Professor regelmäßig ins Unternehmen“

Norman Weiss vom Doktoranden-Netzwerk Thesis ist sich allerdings sicher, dass unter den Abbrechern besonders viele externe Promovierende sind. „Wer außerhalb der Universität arbeitet, muss ständig zwischen wissenschaftlichen und beruflichen Themen hin- und herwechseln“, sagt Weiss. „Außerdem fehlt externen Doktoranden das Netzwerk an der Universität, viele sehen ihre Doktorväter nur ein- oder zweimal im Jahr.“ Häufig arbeiteten sie monatelang auf sich allein gestellt an der Dissertation. „Und dann sagt der Doktorvater plötzlich, dass alles Mist war.“ Hinzu komme die Belastung, Beruf und Wissenschaft zeitlich unter einen Hut zu bekommen.

Leichter hat es da, wer von seinem Arbeitgeber während der Promotion unterstützt wird. Vor allem große Unternehmen, die Forschungsabteilungen unterhalten, ermuntern ihre Mitarbeiter oft zum Projekt Doktortitel. Konzerne und große Mittelständler unterhalten eigene Doktorandenprogramme, ebenso wie große Anwaltskanzleien oder Unternehmensberatungen. „Die Unternehmen stellen ihre Mitarbeiter teilweise für einige Zeit von der Arbeit frei oder bieten ihnen Teilzeitstellen für die Dauer der Promotion an, oft bei vollem Gehalt“, erklärt Weiss. Manche Unternehmen gründeten sogar eigene Stiftungsprofessuren. „Dann kommt der Professor regelmäßig ins Unternehmen, um mit den Promovierenden über ihre Arbeit zu sprechen“, berichtet Weiss. Die Vorteile: weniger Zeitdruck und eine deutlich bessere Betreuung.

Vom Arbeitgeber freigestellt

Marcel Naujoks hat sich für eine solche Promotion über ein Unternehmensprogramm entschieden. „Nach dem BWL-Studium in Tübingen stand für mich fest, dass ich den Doktor machen wollte“, sagt Naujoks. „Aber ich wollte auch erst einmal raus aus dem Universitätsbetrieb, eigenes Geld verdienen und Berufserfahrung sammeln.“ Naujoks entschied sich, beides zu kombinieren, und trat eine Stelle in der Unternehmensberatung Roland Berger an. „Ausschlaggebend war für mich, dass Roland Berger ein Promotionsprogramm für Mitarbeiter anbietet.“ Nach zwei Jahren als Berater in verschiedenen Projekten bewarb er sich für eine der internen Promotionsstellen. Seit Juli 2010 hat ihn sein Arbeitgeber für 18 Monate freigestellt, damit er an der Technischen Universität München seine Doktorarbeit zum Thema „Sanierung in der Insolvenz“ schreiben kann. „Die Idee für das Dissertationsthema entstand aus einem konkreten Beratungsprojekt, an dem ich zuvor mitgearbeitet hatte“, erzählt Naujoks. Damit erfüllte er auch die Voraussetzung für eine Unterstützung durch seinen Arbeitgeber: Das Thema sollte auch einen Bezug zu Beratungsthemen von Roland Berger haben. Schwierig war es dann nur noch, einen Doktorvater für seine Dissertation zu finden. „Viele Professoren nehmen grundsätzlich keine externen Doktoranden an“, stellte Naujoks fest. An der TU München passte es aber schließlich: Hier forschen zwei weitere Doktoranden zu ähnlichen Themen.

Dass sein Arbeitgeber ihn für die Zeit der Dissertation komplett freistellt, findet Naujoks wichtig: „Sicher könnte man zum Beispiel auch neben einer halben Stelle den Doktor machen. Aber so kann ich mich voll auf die wissenschaftliche Arbeit konzentrieren.“ Der fest vorgegebene Zeitraum von 18 Monaten sei zwar recht kurz, zwinge aber zu diszipliniertem Arbeiten. „Dadurch verzettelt man sich nicht so leicht.“ Ein weiterer Vorteil: „Ich bin eng in das universitäre Netzwerk eingebunden, kann mich aber zusätzlich auch mit anderen Teilnehmern des Promotionsprogramms bei Roland Berger austauschen.“ Für Naujoks ist die Promotion keine Doppelbelastung. „Ich nehme das Beste aus beiden Welten mit“, sagt er.

„Das ist echte Knochenarbeit“

Ganz so komfortabel hatte es Christoph Moll während seiner Promotion nicht. Der Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik arbeitete seit fünf Jahren für Rolls-Royce Deutschland, als ihm sein Arbeitgeber vorschlug, eine Doktorarbeit zu seinem Fachgebiet zu verfassen: dem thermo-mechanischen Verhalten von Turbomaschinenkomponenten. 33 Jahre alt war Moll zu diesem Zeitpunkt, er stand als Gruppenleiter voll im Berufsleben, war bereits verheiratet und hatte ein Kind. „Aber die Herausforderung, wissenschaftlich zu arbeiten, und das Thema, an dem wir arbeiteten, noch einmal zu vertiefen, hat mich gereizt“, sagt Moll.

Also stürzte er sich in die Doktorarbeit – neben seiner Vollzeitstelle. „Würde ich die Entscheidung heute noch einmal treffen, würde ich vielleicht Auszeiten und Freistellungen mit dem Arbeitgeber vereinbaren“, sagt der Ingenieur. „Aber damals dachte ich: Das schaffe ich auch so.“ Also fragte er erst gar nicht nach einer Arbeitszeitverkürzung, bekam allerdings Hilfe von studentischen Hilfskräften, die beim Programmieren der von ihm entwickelten Modelle halfen. Vier Jahre später hatte Moll es nicht nur geschafft, die Doktorarbeit zu schreiben, sondern war auch noch zwei Mal Vater geworden. Sein Fazit: Die Promotion neben der Vollzeitstelle ist machbar. Aber: „Beruf, Familie und Promotion lassen sich nur durch Früh-, Nacht- und Wochenendschichten unter einen Hut bringen.“ Das kostet Kraft. Morgens vor dem Frühstück mit der Familie schrieb er ebenso an der Arbeit wie in Mittagspausen, nach Feierabend, an Wochenenden und im Urlaub. „Das ist echte Knochenarbeit.“

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