11.12.2008 · Die Exzellenzinitiative hat den Arbeitsmarkt für Wissenschaftler umgekrempelt: Tausende befristete Stellen, die an Deutschlands Unis neu geschaffen werden, sind nicht besetzt. Noch nie war es so leicht, ein Promotionsstipendium zu bekommen.
Von Julia Wenzel und Sebastian BalzterNach neuen Möbeln und frisch verlegtem Teppich riecht es im dritten Stock des schlichten, von Bäumen umstandenen Neubaus in der Dolivostraße in Darmstadt. Die hellen Räume wirken noch etwas kahl. Stephen Sachs aber, der sich eines der Büros mit der Chinesin Yu Du teilt, verbringt hier schon seit Mai einen Großteil seiner Lebenszeit. "Ich bin knapp zehn Stunden täglich und gelegentlich auch mal am Wochenende hier, um an meiner Doktorarbeit zu schreiben", berichtet er. Lange Haare, Lippenpiercing und Chucks lassen von außen nicht auf einen Turbostudent schließen, doch der Eindruck täuscht: Erst 24 Jahre alt ist Sachs, sein Mathematikstudium hat er in neun Semestern absolviert, und direkt danach nahm ihn die neueröffnete, mit dem Siegel der Exzellenzinitiative versehene Darmstädter "Graduate School for Computational Engineering" als Doktorand auf.
1,9 Milliarden Euro geben Bund und Länder in ihrer gemeinsamen Wissenschaftsinitiative aus, um Deutschland zu einem Forschungsstandort mit Zukunft zu machen. Zugleich krempeln sie damit den Arbeitsmarkt für Nachwuchswissenschaftler um. Die 39 Graduiertenschulen und 37 Exzellenzcluster, so berichtet es die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), hatten schon bis zum April 1100 Doktoranden zusätzlich eingestellt. Und von den insgesamt 4000 befristeten Stellen, die nach Auskunft der Hochschulrektorenkonferenz an Deutschlands Unis neu geschaffen werden, sind noch nicht einmal die Hälfte besetzt.
Programme deutlich aufgestockt
Hinzu kommt, dass auch die Leibniz-Gemeinschaft, die Helmholtz-Gesellschaft und die Max-Planck-Gesellschaft, die größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen, ihre Promotionsprogramme deutlich aufgestockt haben. Kurzum: Die Gesamtzahl der abgeschlossenen Doktorarbeiten liegt zwar schon länger stabil bei rund 24.000 im Jahr, für gute Absolventen war es aber vermutlich nie so leicht wie heute, ein vergleichsweise komfortables Stipendium zum Promovieren aufzutreiben.
So breit gefächert die per Exzellenzinitiative geförderten Themen sind - von "African Studies" in Bayreuth über "Computing in Medicine and Life Science" in Lübeck bis zur "Mathematical School" in Berlin -, so unterschiedlich sind bislang die Erfahrungen mit der Besetzung der Stellen. Die "Bielefeld Graduate School in History and Sociology" etwa hat für neun ausgeschriebene Doktorandenstellen 80 Bewerbungen erhalten. "Die Qualität war sehr hoch, so dass wir keine Probleme hatten, unsere Stipendien zu vergeben", sagt die Geschäftsführerin - ein typisches Fazit für die Geistes- und Sozialwissenschaften, wo sich früher viele als Einzelkämpfer und mit unsicheren Projektmitteln zum Doktorhut durchschlugen.
Ingenieure schwerer zu finden
In den Ingenieur- und Naturwissenschaften dagegen, um deren Absolventen selbst im Abschwung viele Unternehmen buhlen, sieht es anders aus. "Die guten Leute liegen nicht auf der Straße", räumt Michael Schäfer ein, der Sprecher der Darmstädter Graduiertenschule. Mit 1500 Euro netto monatlich sind die auf drei oder vier Jahre angelegten Stipendien dort dotiert. Zusätzlich haben die Doktoranden vom ersten Tag an zwei Ansprechpartner und werden in insgesamt fünf dreitägigen Workshops in den sogenannten Schlüsselqualifikationen geschult. "Wenn ich an meine eigene Promotionsphase denke, waren die Verhältnisse damals doch eher spartanisch", sagt Schäfer. Dennoch sind ein Jahr nach der Bewilligung der Schule erst zehn von 30 Stellen besetzt. "Es ist im Moment nicht so einfach, geeignete Kandidaten zu finden", bilanziert der Professor.
Für Stephan Leibfried ist das keine Überraschung. "So viele Gute auf einmal gibt es leider einfach nicht", sagt der Professor vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, der für die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften einen Arbeitsbericht zur Exzellenzinitiative verfasst hat. Deren erste Wirkung auf den Arbeitsmarkt beschreibt er mit einem Vergleich aus dem Ballsport: "Das ist so, als bekämen die Vereine der Bundesliga eine Milliarde, um in der zweiten Liga die besten Spieler aufzukaufen." Weil das Reservoir der Talente aber insgesamt nicht groß genug sei, schätzt Leibfried, dass am Ende rund ein Fünftel der bewilligten Fördermittel nicht abgerufen werden könne. Problematisch seien in vielen Fällen sowohl die Zweckgebundenheit als auch das Jährlichkeitsprinzip bei der Mittelvergabe: Wer bis zum 31. Dezember seinen Fördertopf nicht ausgeschöpft hat, kann das Geld kaum ins nächste Jahr retten. Das verleite dazu, bei der Auswahl der Stipendiaten die Ansprüche zu senken.
Fördermittel an Kandidaten aus dem Ausland
Eine andere, durchaus gewollte Konsequenz ist die Rekrutierung im Ausland. Ein knappes Drittel der aus Mitteln der Exzellenzinitiative geförderten Doktoranden stammt laut DFG nicht aus Deutschland. An der "Graduate School of Social Sciences" in Bremen zum Beispiel, an der Stephan Leibfried lehrt, kommen die 22 Stipendiaten aus 11 verschiedenen Nationen, besonders hoch ist der osteuropäische Anteil. Auf Michael Schäfers Schreibtisch in Darmstadt dagegen landen seit der Ausschreibung der Stellen vor einem Dreivierteljahr viele Bewerbungen aus China, Indien und Iran. Insgesamt seien es bisher rund 100 Stück gewesen, überschlägt er. Wie gut Hochschulen im Ausland, wie aussagekräftig die von ihnen vergebenen Noten sind, lässt sich von Südhessen aus aber kaum beurteilen. "Einige Bewerber haben wir deshalb zu mehrwöchigen Forschungsprojekten eingeladen, um ihre Eignung zu überprüfen", berichtet Schäfer.
Stephen Sachs konnte sich diesen Test sparen. Zwei der sechs Professoren des Auswahlkomitees kannten ihn schon aus dem Diplomstudium; ein Bewerbungsschreiben mit Lebenslauf und zwei Empfehlungsschreiben genügten, um den Zuschlag für das Thema "Mehrgitterverfahren angewandt auf Fluid-Struktur-Interaktion" zu erhalten. Als Graduiertenschüler soll er nun, das verspricht die DFG, in den Genuss "optimaler Promotionsbedingungen" kommen. Das heißt: Promoviert wird nicht einsam und frei, wie es früher das Leitbild vieler Wissenschaftler gewesen sein mag, sondern in engem Kontakt zu den betreuenden Professoren und in Gemeinschaft der anderen Stipendiaten. Den Austausch mit den Kollegen aus Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik, die mit ihm an der Graduiertenschule promovieren, schätzt Sachs selbst als den großen Vorteil dieses Modells der "strukturierten Promotion" ein. "So fällt es uns leichter, auch mal einen etwas ferner verwandten thematischen Aspekt in die Arbeit einfließen zu lassen." Die Möglichkeit zum Gespräch gibt es auf dem Gang genauso wie während der wöchentlich stattfindenden Treffen, bei denen sich die Doktoranden gegenseitig über den aktuellen Stand ihrer Forschung und die unmittelbar anstehenden Herausforderungen berichten.
Die strukturierte Promotion hat nicht nur Freunde
Die Graduiertenschulen und -kollegs sollen zudem die Rechte und Pflichten von Doktoranden und Doktorvätern verlässlich regeln, und sie sichern die Finanzierung der Promotionsphase. Damit erfüllen sie die in einer Umfrage des Promovierenden-Netzwerks Thesis ermittelten drängendsten Forderungen der Nachwuchswissenschaftler in Deutschland. Dennoch hat die strukturierte Promotion nicht nur Freunde. Der Verein Deutscher Ingenieure etwa befürchtet eine "Verschulung". Gegen zu stark formalisierte Doktorandenstudiengänge hat sich auch die Dachvereinigung der vier Ingenieurfakultätentage ausgesprochen. Nicht mehr zur Ausbildung, argumentieren sie, sondern schon zum Berufsleben soll die Promotion gehören.
Deshalb dürfe vor allem der Anteil des verpflichtenden Unterrichts in den "Social Skills" nicht überhandnehmen, warnt Marcus Müller. Der Thesis-Vorsitzende, der sich seinen eigenen Doktortitel mit einer Dissertation über einen religiösen Text des alten Ägyptens erarbeitet hat, weiß von Konferenzen zu berichten, auf denen von jedem Promovierenden in Deutschland die Teilnahme an einem Seminar über Patentrecht gefordert wurde. "Wer den Doktoranden zu viele solcher fachfremder Leistungen aufbürdet, darf sich über hohe Abbrecherquoten und das Alter der Promovierten nicht wundern", sagt er. Nur jede dritte angefangene Promotion werde auch abgeschlossen, schätzt Müller, und dass Deutschlands Jungdoktoren durchschnittlich 34 Jahre alt sind. Stephen Sachs hat bis dahin noch zehn Jahre Zeit. Aber in Darmstadt muss er sich bislang weder mit Lehrverpflichtungen noch mit Anwesenheitskontrollen plagen. Und zum Glück muss ja auch nicht jeder im Schnitt liegen.
Entscheidende Frage nicht gestellt
Alexander C.T. Geppert (geppert)
- 11.12.2008, 01:55 Uhr
Stipendien?
Jan Bartussek (Nichtvergeben)
- 11.12.2008, 11:35 Uhr
Mehr Doktoranden = mehr Brain Drain
Marcus Kaiser (ausgewandert)
- 14.12.2008, 03:31 Uhr