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Privatschulen Mehr Schweden wagen

In Schweden haben Eltern die freie Wahl, ob sie ihr Kind auf eine staatliche oder private Schule schicken. Der Staat zahlt beides über Bildungsgutscheine. Der Wettbewerb tut dem Schulsystem gut.

© Peter von Tresckow Vergrößern

„Dem Lernen Flügel verleihen“ lautet das Motto des deutschen Schulpreises, einem Wettbewerb zwischen allgemeinbildenden Schulen. Die Evangelische Schule Neuruppin in Brandenburg, Gewinnerin des Hauptpreises im vergangenen Jahr, wurde für einige Ideen ausgezeichnet, wie Schule beflügeln kann: Musikunterricht in Kleingruppen, gemeinsame Gebete oder ein eigenes Schülerradio bietet sie an. Im deutschen Bildungssystem gibt es zwar viele Wettbewerbe, aber kaum Wettbewerb: In Schweden, das in vielen anderen Belangen stets gern zum Vorbild erhoben wird, ist das ganz anders. Da wurde mittels Bildungsgutscheinen - eine uralte, liberale Idee des Ökonomen Milton Friedman - Eltern eine größere Wahlfreiheit zwischen staatlichen oder privaten Schulen ermöglicht.

Die Erfahrungen sind gut, aber in Deutschland nimmt man das trotzdem kaum zur Kenntnis. Das Experiment begann schon vor mehr als 20 Jahren, als Carl Bildt Premierminister Schwedens wurde. Das skandinavische Land war vorher mehr als 50 Jahre lang von Sozialdemokraten regiert worden. Schwedens Volkswirtschaft stecke in der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein Teil der Antwort war eine Bildungsreform. Sie stellte die bisherige Schulfinanzierung auf den Kopf. Nicht mehr Beamte in Stockholm entschieden fortan, an welche Schule Eltern ihre Kinder schicken. Nicht mehr Bildungspolitiker sollten bestimmen, was die beste Unterrichtsform sei. Der Elternwille sollte an die Stelle politischer Maßgaben treten, mit einem Wettbewerb privater und öffentlicher Schulen als Folge.

In Schweden werden seit der Bildt’schen Reform die Gutscheine von den Kommunen ausgestellt. Die nationale Regierung gibt grobe Rahmenrichtlinien vor, die Eltern und Schüler können jedoch die Schule in ihrer Gemeinde frei wählen. Die Höhe des Gutscheines, umgerechnet etwa 10 000 Euro pro Jahr, entspricht den durchschnittlichen Kosten des Schulbesuchs. Die Gutscheine haben einen ökonomischen Anreiz zur Gründung privater Schulen geschaffen. Nach Angaben der schwedischen Bildungsagentur Skolverket ging im Jahr 2009 etwa jeder fünfte Schüler auf eine Schule in freier Trägerschaft. In Deutschland sind das laut dem Verband deutscher Privatschulverbände rund ein Zwölftel der Schüler.

Maximal 20 Schüler in einer Klasse

Grundschulen müssen die Kinder in der Reihenfolge der Anmeldungen aufnehmen. Weiterführende Schulen nehmen Bewerber streng nach Vornoten auf. Noten werden in Schweden erst ab der achten Klasse gegeben, erst nach der neunten können die Schüler ein dreijähriges Gymnasium besuchen. „Die Schulreform hat zu einer größeren Vielfalt des Angebots geführt und die Qualität der Schulen verbessert“, sagt Anders Böhlmark, Bildungsökonom an der Universität Stockholm. Auch der Münchner Ökonom Ludger Wößmann vom Ifo-Institut hat in Untersuchungen gezeigt, dass der Anteil von Schulen in freier Trägerschaft positiv mit Testergebnissen in „Pisa“-Tests korreliert.

“Wie wird man Weltbürger?“, steht auf dem Stundenplan an der schwedischen Kunskapsskolan. Der Schulname heißt auf Deutsch: „Schule des Wissens“. Die Klassen umfassen maximal 20 Schüler, einmal pro Woche bekommt jeder von ihnen Einzelunterricht, sie wählen das Lerntempo selbst, kein Schüler kann sitzenbleiben - das übliche Mantra, wenn über das Pisa-Vorzeigeland Schweden geschrieben wird. Hinter Kunskapsskolan steckt jedoch ein kommerzielles Schulunternehmen, das 36 Schulen in Schweden betreibt. Nicht nur Kunskapsskolan, sondern ungefähr zwei Drittel der freien Schulen in Schweden arbeiten gewinnorientiert. Dabei müssen sich die privaten Schulen ausschließlich von den Gutscheinen finanzieren, keine Krone dürfen sie mehr verlangen. „Wir können aber besser rechnen und sind effektiver als die staatlichen Schulen“, sagt Cecilia Carnefeldt, Vorstandsvorsitzende von Kunskapsskolan. Glaubt man der Bildungsunternehmerin, so ist die „Mentalität“ der Pädagogen hier eine andere. Deren Gehalt bemisst sich daran, wie Schüler und Eltern - die offenbar für diese Aufgabe als kompetent eingeschätzt werden - sie bewerten. Nicht alle Lehrer kämen damit klar. Die meisten schätzten jedoch die größere Anerkennung, die sie verglichen mit ihren Kollegen an öffentlichen Schulen erfahren. Die Folge: Die Lehrer seien motivierter. Die leistungsabhängige Bezahlung ist für Carnefeldt der Hauptgrund für bessere Schülerleistung: Nach eigener Darstellung schneiden „ihre“ Schüler in zentralen Klausuren um etwa 12 Prozent besser als der Landesdurchschnitt ab.

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Veröffentlicht: 19.08.2013, 14:00 Uhr