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Schlechte Bezahlung : Praktikant in Brüssel? Selbst schuld!

  • -Aktualisiert am

Teures Brüssel: Die Lebenshaltungskosten sind hier sehr hoch. Bild: Reuters

Im EU-Parlament sind Plätze für Praktika begehrt, aber zuweilen miserabel bezahlt – bei sehr hohen Lebenshaltungskosten. Mancher klagt sogar, dass er sich an einzelnen Tagen nichts zu essen kaufen konnte.

          Das Praktikum wird mit 400,00 Euro pro Monat vergütet.“ Als Tim-Philipp Wermter diesen Satz las, platzte ihm der Kragen. Wermter ist Masterabsolvent im Fach International Political Economy an der britischen University of Warwick. Über die IB-Liste, einen Mailverteiler für Studenten und Absolventen der Politikwissenschaft mit mehr als 16 000 Mitgliedern, hatte ihn Ende Oktober 2017 eine Praktikumsausschreibung des Brüsseler Büros von Elmar Brok erreicht, einem Mitglied des Europäischen Parlaments (EP). Gesucht wurden Praktikanten, die mindestens sechs Monate in Broks Büro assistieren sollten, in Vollzeit. Ein weit fortgeschrittenes oder abgeschlossenes Masterstudium sollten sie ebenfalls vorweisen können. Dafür einen Lohn von 400 Euro monatlich zu zahlen, sei eine Unverschämtheit, fand Wermter. Er schickte eine E-Mail an Broks Büroleiter: „Es würde mich sehr interessieren, wie es zu diesen Konditionen kommt, die nicht einmal die notwendigen Lebenshaltungskosten in Brüssel decken“, schrieb er. Eine Antwort erhielt er nicht.

          Dass es viele schlechtbezahlte Praktika in Brüssel und in den europäischen Institutionen gibt, ist ein offenes Geheimnis, sagt Terry Reintke, seit dem Jahr 2014 Abgeordnete der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament. Reintke war bis vor wenigen Monaten Vorsitzende der Youth Intergroup im EU-Parlament und setzt sich seit Jahren für faire Arbeitsbedingungen für Praktikanten in Brüssel ein. Denn das Leben in der belgischen Hauptstadt ist kostspielig. Im Cost of Living Index der Datenbank Numbeo liegt Brüssel auf Rang 76 der ganzen Welt; allein die Miete für ein 15 Quadratmeter großes WG-Zimmer kostet monatlich um die 500 Euro. Insgesamt betragen die Lebenshaltungskosten für Studenten etwa 750 Euro im Monat, hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) errechnet. Ohne Erspartes oder finanzielle Unterstützung durch die Eltern können Praktikanten diese Ausgaben bei einer Bezahlung à la Brok nicht stemmen.

          Auf Minijob-Niveau

          Unabhängig von ihrem Lohn arbeiten die meisten Praktikanten in Vollzeit im EP, oft mehr als 40 Stunden je Woche. „Gleich zwei Gründe, ihnen mehr als einen Hungerlohn zu zahlen“, sagt Reintke. Sie kennt Geschichten von Parlaments-Praktikanten, die während ihrer Zeit in Brüssel in Garagen unterkommen mussten, im Winter nicht heizen und sich an manchen Tagen nichts zu essen kaufen konnten – weil sie es sich mit der mauen Bezahlung schlicht nicht leisten konnten. In einer Befragung unter 266 Praktikanten von Parlamentsabgeordneten fand die Youth Intergroup heraus, dass jeder Vierte monatlich 600 Euro erhielt, jeder Zehnte allerdings gar keinen Lohn. Immerhin: Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren schon gebessert. „Vor sieben Jahren waren etwa 20 Prozent der Praktika bei Parlamentsabgeordneten gar nicht bezahlt, heute liegt dieser Anteil nur noch bei zehn Prozent“, sagt Reintke. Doch sie schätzt, dass es eine Dunkelziffer gibt, die noch höher liegt. Reintke selbst zahlt den Praktikanten in ihrem Brüsseler Büro einen monatlichen Lohn von 1300 Euro.

          CDU-Politiker Elmar Brok gehört nicht zu denjenigen, die gar nichts zahlen, aber das Praktikantengehalt bei ihm liegt offenbar seit Jahren auf Minijob-Niveau. So wird die Ausschreibung, die Master-Absolvent Wermter so wütend machte, im nahezu gleichen Wortlaut schon seit Jahren genutzt, wie eine kurze Online-Recherche ergibt. Einziger Unterschied der früheren Ausschreibungen zu der, die im Oktober 2017 an die IB-Liste ging: Es ist nicht von konkreten Summen die Rede. „Die Mitarbeit wird mit einem Zuschuss zum Lebensunterhalt vergütet“, heißt es etwa in einer Praktikumsausschreibung vom 6. November 2013. Der gleiche Satz findet sich in einer Ausschreibung, in der Praktikanten ab Juni 2017 gesucht wurden. Eine genaue Angabe zur Höhe des Zuschusses fehlt. Ein ehemaliger Praktikant, der sein Praktikum bei Brok im Jahr 2016 absolvierte, bestätigt aber: Auch damals zahlte Brok etwa 400 Euro, und auch damals reichte das nicht für den Lebensunterhalt in Brüssel. Brok selbst schreibt in einer Stellungnahme: „Die erwähnte Ausschreibung hat mein Büroleiter, der noch nicht lange im Amt war, selbständig und ohne mein Wissen herausgegeben.“ Im Übrigen könnten Praktikanten im Europaparlament nur nach den Regeln des EP ihre Tätigkeit aufnehmen, Verträge würden von der Verwaltung des EP geprüft, genehmigt und honoriert. „Darauf muss ich mich verlassen können“, schreibt Brok. Der 71-Jährige ist der dienstälteste Abgeordnete des Europäischen Parlaments, dem er seit dem Jahr 1980 als Mitglied der Europäischen Volkspartei (EVP) angehört. Brok hat sich über Jahrzehnte in Brüssel verdient gemacht, leitete unter anderem zweimal den wichtigen Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten, Menschenrechte, Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

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