Zwei Soziologiestudenten haben im vergangenen November bei „Harald Schmidt“ ein Referat gehalten. „Die Entstehung von Öffentlichkeit“ in drei Minuten, zwei Sprecher, eine kleine Tafel - und keine Powerpoint-Präsentation. Die wesentlichen Informationen: gut betont, nicht gefettet, nicht doppelt unterstrichen und nicht um die eigene Achse kreisend.
Wer sich an der Universität heute derart mutig nur auf das gesprochene Wort verlässt, der geht das Risiko ein, keinen Schein zu bekommen: „Jede(r) Teilnehmer(in) hält zu dem gewählten Thema ein Referat mit Power Point Präsentation“, heißt es etwa in den Vorgaben für ein Seminar über Biologische Psychologie an der Universität Tübingen. Sich als Student Powerpoint zu verweigern hat mittlerweile schon etwas Rebellisches; man erregt vermutlich weniger Aufsehen, wenn man in Vorlesungen konsequent darauf verzichtet, Zettel und Stift mitzubringen.
Powerpoint ist eine Selbstverständlichkeit geworden - und das, obwohl sein Nutzen äußerst fraglich ist. "Powerpoint is evil", Powerpoint ist böse, lautete die Überschrift eines Artikels, den der amerikanische Wissenschaftler Edward Tufte vor vier Jahren veröffentlichte. Nach der Untersuchung von tausenden Präsentationsfolien war Tufte zu dem Ergebnis gekommen, dass Powerpoint komplexe Themen zu stark vereinfache. Seit Mitte der neunziger Jahre gibt es in den Vereinigten Staaten eine Reihe von Studien, die die Wissensvermittlung von Powerpoint im Vergleich zu herkömmlichen Vortragstechniken messen. Die Ergebnisse der Untersuchungen ähneln sich: Powerpoint-Vorlesungen kommen bei den Studenten zwar besser an, auf ihre Leistung aber hat es keinerlei Auswirkung, ob sie von der Leinwand oder von der Tafel lernen.
Powerpoint-Karaoke
Spätestens diese Erkenntnis hat in Amerika eine kulturkritische Diskussion über Powerpoint entfacht. Auch in den deutschen Feuilletons gab es eine kurze Auseinandersetzung, die sich an einem Artikel des Stuttgarter Germanisten Heinz Schlaffer entzündete. Schlaffer hielt in seiner kurzen Polemik den Abgesang auf die freie Rede in den Geisteswissenschaften und ließ sich dabei auch über die kleinen Lächerlichkeiten von Powerpoint aus - von wechselnden Schriftgrößen bis hin zu wirbelnden Buchstaben.
Inzwischen gibt es ein Spiel, das allen Kritikern der Folienschau eine reine Freude sein sollte, weil es das Absurde von Powerpoint besser herausstellt, als es jede Polemik könnte. "Powerpoint-Karaoke" heißt die als Wettkampf getarnte Satire-Veranstaltung, bei der Kandidaten möglichst unterhaltsam eine Präsentation vorstellen müssen, die ihnen bis dahin völlig unbekannt ist. Tapfer müssen sie sich vor Publikum durch die Folien klicken. Der erste Wettbewerb fand vor einem Jahr in der Berliner Kulturbrauerei statt, organisiert von der Zentralen Intelligenz Agentur: Der Sieger referierte über die "Pelletspeicher mit Sonnen-Pellet Maulwurf". Eine andere Präsentation widmete sich dem Thema "China-Kontakte der IHK Bochum".
Heinz Schlaffer, inzwischen emeritiert, mag die Idee von Powerpoint-Karaoke. Er sieht in dem Spiel einen weiteren Beleg dafür, dass Technik immer kulturalisiert wird. "Jede bedeutende Erfindung ist auch ein kleiner Schock für die Menschen, und sie überwinden diesen Schock, indem sie die kalte Technik ,verspielen'." Am besten könne man das vermutlich an der Eisenbahn erkennen, deren lautes und bedrohliches Wesen die Menschen zunächst bändigten, indem sie die Abteile mit Plüsch auskleideten.
Die Geschwindigkeit, in der auf die Kulturalisierung die Kommerzialisierung folgte, passt zum Tempo, in dem sich Powerpoint etabliert hat. Im Oktober dieses Jahres wird eine Gruppe von Soziologen der Technischen Universität Berlin die Ergebnisse der bislang größten deutschen Untersuchung über Powerpoint veröffentlichen. Schon jetzt hat sich die Grundannahme der Untersuchung bestätigt: Powerpoint ist nicht einfach nur eine moderne Art der Präsentation, sondern eine selbständige Gattung, die ganz eigenen Regeln folgt. "Dafür spricht zum Beispiel, dass sich in rasend schneller Zeit eine eigene Rezeptionsästhetik herausgebildet hat", sagt Frederik Pötzsch, ein Mitglied der Forschergruppe. Zu Powerpoint-Präsentationen würden außerdem bestimmte Zeigebewegungen gehören, die es bei klassischen Referaten und auch bei Dia-Vorträgen nie gegeben habe.
Mit Powerpoint habe schließlich ein Zwang zur Visualisierung eingesetzt: Wo man über Goethe spricht, da werden auch drei Goethe-Bilder gezeigt. "Die heutige Studentengeneration erwartet das, deswegen halte ich Powerpoint-Präsentationen für unumgänglich", sagt Pötzsch. Dass der Zwang zur Visualisierung schnell in die Lächerlichkeit führen kann, erlebte Pötzsch in einem großen deutschen Unternehmen, dessen Topmanager "die dümmsten Bildchen" benutzt hätten, um in einer Präsentation das Stichwort "Motivation" zu illustrieren.
Vielen fehlt die Übung
„Ganz viele Leute bringen Bilder auf die Folie, die niemand versteht“, sagt Dieter Schiecke. Er leitet ein Internet-Portal für Powerpoint-Nutzer (www.ppt-user.de) und ist Chefredakteur der Zeitschrift Powerpoint-Aktuell. Statt alberne Cliparts zu benutzen oder stundenlang herumzugoogeln, empfiehlt er Bild-Datenbanken wie www.pixelquelle.de. Wer es sich noch einfacher machen will, der könne auf der Seite www.presentationload.de vorgefertigte Folien mit sehr guten Grafiken herunterladen. Auf die Frage, warum so viele Präsentationen in Universitäten oder Betrieben einfach schlecht seien, hat Schiecke eine simple Antwort: "Weil die Leute viel zu selten mit Powerpoint arbeiten." Den meisten Referenten fehle einfach die Sicherheit im Umgang mit Powerpoint. "Viele halten nur eine Präsentation pro Jahr und müssen sich immer wieder neu in das Programm einarbeiten." Versierter gingen viele Amerikaner damit um, "da wird der Umgang mit Powerpoint schon auf der Schule gelernt".
80 Prozent sind entbehrlich
Und warum langweilen so viele Referenten, obwohl sie regelmäßig präsentieren müssen? "Weil eine gute Präsentation verlangt, dass man ein Thema intellektuell erfasst, geistreich rüberbringt und optisch anspruchsvoll darstellt. Das sind so viele Ansprüche, dass es die meisten Menschen einfach überfordert."
Von Edward Tuftes Auffassung, Powerpoint sei böse, hält Dieter Schiecke erwartungsgemäß wenig. Doch obwohl er mit dem Programm sein Geld verdient, benennt er die große Schwäche von Powerpoint klar: Auf 80 Prozent der Animationen könnte Microsoft nach Schieckes Meinung auch verzichten. "Allerdings würden sich dann mit Sicherheit viele Agenturen beschweren, weil sie gerne eine größere Auswahl hätten."
Dass einige Effekte einen großen Nutzen haben, steht nach Schieckes Ansicht aber völlig außer Frage. In vielen Unternehmen würde er trotzdem dazu aufgefordert werden, bei Schulungen zu Powerpoint auf jegliche Animationen zu verzichten. "Wenn ich das befolge und eine Tabelle mit lauter Zahlen an die Wand werfe, versteht keiner etwas. Erst, wenn ich sie Spalte für Spalte aufrolle, wird die Tabelle lesbar."
Die schlimmste Präsentation, an die er sich erinnern kann, hat Schiecke vor einigen Wochen an der Universität gesehen. "450 Powerpoint-Folien, der Professor hat wohl alle wichtigen Erkenntnisse des Semesters in Stichpunkten hintereinander geschrieben." Das Bizarre daran: Die Vorlesung stand unter dem Thema „Kreative Lerntechniken“.
„Halten Sie eine Puppe hoch“
Experte Dieter Schiecke rät:
Lassen Sie sich nicht von Powerpoint in die Ecke drängen. Sie sind der Mittelpunkt, nicht die Bildschirmpräsentation. Nicht alles, was Sie sagen, muss auf einer Folie stehen. Setzen Sie Folien gezielt nur dann ein, wenn Sie dem Publikum wirklich Wichtiges mitteilen wollen.
Machen Sie nicht den Folienvorleser. Überladen Sie die Folien nicht bis zur Unlesbarkeit, schreiben Sie keine vollständigen Sätze, halten Sie nicht mehr als sechs Gedanken auf einer Folie fest, verwenden Sie Schriften ab Größe 20.
Verwenden Sie nie mehr als vier Textfolien nacheinander. Bauen Sie Schaubilder, Fotos oder kurze Videosequenzen ein, um die Spannung beim Publikum zu erhalten.
Bauen Sie gezielt Zitate ein. Regen Sie Ihr Publikum zum Mitdenken an, steuern Sie es mit Zitaten in die von Ihnen gewünschte Richtung oder leiten Sie so zum nächsten Thema über.
Drucken Sie sich Notizen aus, behalten Sie die Übersicht. Wenn Sie ungeübt im freien Sprechen sind, schreiben Sie in Ihre Notizen ganze Sätze. Bringen Sie hier Hintergrundinformationen unter, die Sie bei Fragen sofort parat haben.
Wechseln Sie zwischen den Medien. Nutzen Sie für einen Exkurs ein anderes Medium, zum Beispiel ein Flipchart. Bauen Sie Modelle, halten Sie eine Puppe oder ein Foto hoch, um so mit Ihrem Publikum ins Gespräch zu kommen. Schalten Sie dann den Beamer einfach auf Schwarz.
Der große Vorteil von Powerpoint..
Dirk Grote (Daquino)
- 14.02.2007, 11:33 Uhr
LaTeX-Beamer als Alternative
Marc Neef (marcneef)
- 14.02.2007, 12:56 Uhr
