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Postdoc-Phase : Wanderjahre ins Ungewisse

Endlich Doktor! Doch der Jubel hält bei vielen Wissenschaftlern nicht lange an. Bild: dapd

Wer in Deutschland als frisch promovierter Wissenschaftler auf die Festanstellung an einer Uni wartet, wartet lange. Die Postdoc-Phase ist ein existentielles Russisch Roulette – und hat viele Ursachen.

          Nach der jüngst angekündigten Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes wird die prekäre Lage deutscher Nachwuchswissenschaftler allerorten diskutiert. Im internationalen Vergleich fällt sie nicht einmal aus dem Rahmen. Auch in anderen Nationen warten junge Wissenschaftler nach erfolgreicher Promotion meist in befristeten Stellen auf den ersehnten festen Vertrag. Sie haben in dieser Qualifikationsphase die Möglichkeit, die Forschung in verschiedenen Ländern kennenzulernen und sich international zu vernetzen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die kurze Dauer der Postdoc-Verträge, die selten drei Jahre überschreitet, und die damit verbundenen vielen Wechsel tragen dazu bei. Die positiven Aspekte werden allerdings von einer Reihe von Mängeln des Postdoc-Systems überschattet. Das größte Problem ist noch nicht einmal, dass die Wanderjahre genau in den Lebensabschnitt fallen, in dem normalerweise die Familiengründung ansteht.

          Die existentiellen Sorgen, mit denen sich viele Postdocs herumschlagen, haben zwei weitere Gründe. Erstens sind viele Postdoc-Stellen nicht gut bezahlt. Zweitens erfordern sie überdurchschnittlichen Arbeitseinsatz, da gerade die wissenschaftliche Leistung dieser Jahre über die Chance auf eine feste Stelle entscheidet. Mögliche Rücklagen werden nicht selten für die regelmäßigen Umzüge aufgebraucht. Internationale Ortswechsel erschweren den Aufbau einer Altersvorsorge.

          Wie lange lohnt sich das Hoffen?

          Noch schwerer wiegt die Ungewissheit darüber, ob am Ende der Postdoc-Jahre überhaupt ein fester Vertrag in der Wissenschaft steht. Auf wenige Stellen kommen viele Bewerber. Der Karriereplan geht mit permanenter Risikoabschätzung einher. Wie lange kann man noch auf eine feste Stelle hoffen, wann beginnt es für einen Wechsel in andere Berufe zu spät zu werden?

          Entscheidende Bedeutung hat die Aussicht auf eine feste Stelle nach der Rückkehr ins Heimatland. Ein positives Extrem ist in dieser Hinsicht Brasilien. Ein 2007 beschlossenes Programm zur Demokratisierung des öffentlichen Hochschulwesens lässt sehr viel Geld in den Ausbau und die Gründung von Universitäten abseits der großen Metropolen fließen. Entsprechend groß ist das Angebot an freien Professuren.

          Brasilianische Postdocs können sicher sein, von ihrem Heimatland nach den Jahren im Ausland mit offenen Armen empfangen zu werden. „Meine einzige Sorge ist, wo ich eine feste Stelle bekomme und ob ich an einer der größeren Universitäten arbeiten kann, wo ich genügend Unterstützung für meine Forschung habe“, berichtet beispielsweise der Brasilianer Francisco de Souza Maia, der momentan als Postdoc in Frankreich arbeitet und in zwei Jahren nach Brasilien zurückkehren will.

          Schwacher akademischer Mittelbau in Deutschland

          Völlig anders sieht die Situation in Südeuropa aus. In Spanien stand der Oberste Rat für wissenschaftliche Forschung (CSIC) Ende 2013 vor der Zahlungsunfähigkeit. Nach wie vor besteht an spanischen Universitäten und Forschungsinstituten dramatischer Stellenmangel. Frei werdende Stellen werden meist nicht neu besetzt, die finanzielle Ausstattung existierender Stellen ist oft katastrophal.

          „Es schmerzt, es zu sagen, aber ich habe kein Interesse in einem Land zu arbeiten, in dem öffentliche Forschungsinstitute und Universitäten allmählich leer werden, in dem es kaum junge Forscher gibt und in dem nur wenig öffentliche Investitionen in Forschung fließen. Und selbst wenn ich Interesse hätte, wäre es zu schwer, dort etwas Stabiles zu finden“, sagt die Spanierin Ana López-Sepulcre, die derzeit ihren zweiten Postdoc-Aufenthalt an der Universität Tokio verbringt. Statt der Rückkehr in ihre Heimat sucht sie nun eine permanente Stelle in Frankreich oder England. Beide Länder bieten schon relativ jungen Wissenschaftlern die Möglichkeit auf eine feste Stelle.

          Deutschland fällt hingegen durch den hohen Altersdurchschnitt bei der Vergabe von Professuren und einen überaus schwach besetzten akademischen Mittelbau auf. Deutsche Nachwuchsforscher leiden deshalb besonders lange unter den prekären Bedingungen des Postdoc-Systems. Gleichzeitig müssen sie ein großes Risiko eingehen, da sich oft erst im Alter von vierzig Jahren entscheidet, ob sie den Beruf wechseln müssen.

          Fast zwei Drittel raten von wissenschaftlicher Karriere ab

          Obwohl die Bundesregierung Milliardenbeträge in Forschungsinstitute investiert, blickt der Nachwuchs ausgesprochen pessimistisch in die Zukunft. Im letzten Jahr konnte die Petition „Perspektive statt Befristung“, die verbesserte Bedingungen für Nachwuchsforscher erreichen will, mehr als 25.000 Unterschriften sammeln.

          In einer parallel zur Petition durchgeführten Umfrage rieten 63 Prozent der Befragten von einer wissenschaftlichen Karriere in Deutschland ab. Dabei wurde auch der negative Einfluss der Existenzängste und des Publikationsdrucks auf die wissenschaftliche Qualität hervorgehoben. Nur 81 Prozent der 1700 Teilnehmer der Umfrage stimmten der These zu, dass unsichere Beschäftigungsverhältnisse wissenschaftliches Fehlverhalten fördern.

          Bund, Länder und Universitäten müssen in Deutschland gemeinsam für mehr unbefristete Stellen im Wissenschaftssystem sorgen. Mit der angekündigten Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes hat Bildungsministerin Johanna Wanka ein erstes positives Signal gegeben.

          Quelle: F.A.Z.

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