11.03.2011 · Studenten auf der ganzen Welt lernen in einem Planspiel die Arbeit der Vereinten Nationen kennen. In Tübingen ist ein richtiges Uni-Seminar aus der Simulation entstanden. Das mache Arbeit für drei Seminare, sagen Studenten. Doch der Aufwand lohne sich.
Von Lisa BeckerLena trägt das kleine Schwarze und vertritt Nigeria, an Lukas' Jackett ist ein Schild befestigt, das ihn als Vertreter Frankreichs ausweist. Die beiden und rund siebzig andere Studenten befinden sich in einem Hörsaal der Tübinger Universität. Die Atmosphäre ist energiegeladen. Die jungen Frauen und Männer stehen in Grüppchen zusammen; es wird diskutiert und in Laptops getippt. In einer Gruppe stimmen Vertreter der Industrieländer ihr weiteres Vorgehen ab, Delegierte der Entwicklungsländer tun dasselbe. Die Studenten tragen dunkle Anzüge und Krawatten, die Studentinnen Kostüme oder Kleider.
Die Sitzung ist ein Planspiel und wird von Ingvild Bode, einer Doktorandin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen geleitet. Das Spiel heißt „National Model United Nations Conference (NMUN)“ und ist keine Tübinger Besonderheit. Es wird von Studenten auf der ganzen Welt gespielt und ist die größte studentische Simulation der Arbeit der Vereinten Nationen. Die Veranstaltung ist so lehrreich, dass die Tübinger Studenten sie als Seminar belegen können, für das es Credit Points gibt. Bode, die auch das Seminar leitet, trifft sich einmal in der Woche mit den Studenten und bespricht mit ihnen, wie in den Vereinten Nationen abgestimmt wird, welche Floskeln verwendet werden und wie der Verhandlungsprozess abläuft.
Im April fliegen die Teilnehmer nach New York
An diesem Sitzungstag geht nach der Gruppendiskussion der offizielle Teil weiter. Die Teilnehmer setzen sich hinter ihre 42 Länderschilder und klären zunächst in langem Hin und Her, in welcher Reihenfolge die Tagesordnungspunkte behandelt werden. Man einigt sich, zunächst darüber zu diskutieren, wie man den Entwicklungsländern die Souveränität über ihre natürlichen Ressourcen garantieren kann. Mehrere Delegierte treten für jeweils 60 Sekunden ans Rednerpult und wenden sich höflich an ihre „distinguished fellow delegates“. Nach einer Viertelstunde wird die Sitzung abermals unterbrochen.
„In diesen informellen Pausen gibt es die größten Fortschritte in den Verhandlungen“, erklärt Ingvild Bode. Der Tag in Tübingen, zu dem auch Studenten anderer Universitäten eingeladen wurden, ist allerdings nur eine Generalprobe: Im April werden alle Teilnehmer nach New York fliegen, wo wie jedes Jahr Studenten vier Tage lang von morgens bis abends, oft bis Mitternacht, UN-Verhandlungen simulieren. „Danach weiß man, wie schwierig es ist, für 192 Länder eine Lösung zu finden“, sagt Bode, die in New York schon dabei war. Dort werden diesmal rund 5000 Studenten aus allen Erdteilen erwartet.
Die Tübinger vertreten Argentinien
Den Tübingern ist die Aufgabe zugewiesen worden, Argentinien zu vertreten. Deshalb haben sie im Seminar auch viel über Argentinien erfahren. Demnächst fahren sie nach Genf in die argentinische Botschaft, um noch mehr über das südamerikanische Land zu lernen. „Man muss sich in dem Spiel in ein anderes Land hineindenken und macht dabei vielleicht die Erfahrung, dass man eine Meinung vertreten muss, die nicht die eigene ist“, erklärt Christine Diebold. Die Tübinger Studentin findet das reizvoll. Für manche Teilnehmer, von denen sich viele vorstellen können, in einer internationalen Organisation oder im diplomatischen Dienst zu arbeiten, könne diese Erfahrung aber auch ernüchternd sein.
Anselm von Stülpnagel ist bisher alles andere als ernüchtert; er ist, wie er mit glänzenden Augen sagt, im NMUN-Fieber. Gerade hat er in gutem Englisch die Position Schwedens vorgetragen. Nun arbeitet er mit den Vertretern der Vereinigten Staaten und Frankreichs an dem Entwurf einer Resolution. Der Rhetorik- und Philosophiestudent kann sich gut vorstellen, Diplomat zu werden. Auf New York freut er sich, weiß aber auch: „Dafür muss man richtig üben.“ Das Seminar mache Arbeit für drei Seminare. Doch der Aufwand lohne sich: „Ich finde es toll, in eine andere Rolle zu schlüpfen“, sagt Stülpnagel. Und er freut er sich über seine Fortschritte in der englischen Sprache. „Jetzt kann ich eine Rede in zehn Minuten in Englisch herunterschreiben. Vorher konnte ich das nicht.“