11.01.2007 · Zitate klauen, ganze Arbeiten online kopieren: Textpiraten sind lausig im wissenschaftlichen Arbeiten. Neun von zehn Studenten sind zum Fälschen bereit. Doch Unis sind gewarnt, sie drohen mit drastischen Strafen.
Von Christine PanderSarah war eine gewissenhafte Germanistikstudentin. Eigentlich. Bis ihr gegen Semesterende die Zeit entglitt. "Erst hatte ich Stress mit meinem Freund, dann habe ich mir eine Grippe eingefangen. Und dann hat der Prof. Druck mit der Arbeit gemacht." Die Hausarbeit zu Kästners wichtigsten Werken blieb liegen. Im Internet wurde die Zweiundzwanzigjährige rasch fündig. "Ich habe Passagen der Arbeit im Netz heruntergeladen, mein Prof. hat's gemerkt, und jetzt hab ich den Salat." Der betreuende Professor hat sich nach heftigen Diskussionen bereit erklärt, ihr eine zweite Chance zu geben: Sie darf eine neue Arbeit einreichen. Der Flurfunk funktioniert gut an der überschaubaren süddeutschen Universität. Sarah hat ihre Lektion gelernt. "Das mache ich nie wieder, mit keinem einzigen Satz mehr", beteuert sie.
Ihr Vorgehen nennt sich "Google-Copy-Paste-Methode": Wikipedianer und andere Datenmelker markieren wohlklingende Textbausteine im Internet und kopieren sie in das eigene Textverarbeitungsprogramm hinein. Abschreiben war noch nie so einfach wie heute dank Onlineanbietern, die Zahlungswillige mit vielseitigen Angeboten vom Abitur bis zur Promotion begleiten.
„Wann hat man eine Glatze?“
Plagiat ist jedoch nicht gleich Plagiat. Die Definition ist schwierig: Ab wann von einem Plagiat gesprochen wird, und wann einfach nur unsauber zitiert wurde, das obliegt meist dem Ermessen der Lehrkräfte. "Das ist wie bei der Frage: Ab wann hat man eine Glatze? Das ist ein sanfter Übergang, jedes Plagiat ist anders", sagt Debora Weber-Wulff von der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Eine häufige Frage der Studenten sei, ab wie vielen Wörtern Übereinstimmung man von einem Plagiat sprechen könne. "Ohne Haarspalterei betreiben zu wollen, kann man wohl sagen, dass schon ein Satz ausreichen kann", sagt die Professorin für Medieninformatik. Plagiatoren der übelsten Sorte seien aber die, die komplette Hausarbeiten im Internet kaufen und nur zwei Änderungen vornehmen: Vorname und Nachname.
Weber-Wulffs Alarmglocken funktionieren gut. "Ein Stilwechsel mitten in der Arbeit ist für mich ein Anzeichen, wenn also jemand nach seitenlangen Rechtschreibproblemen plötzlich flüssig formulieren kann. Oder auch bei Formatierungswechseln: unterschiedliche Überschriftenarten, unterschiedliche Zeilenabstände oder ein Schriftartenwechsel mitten im Text sind schon sehr merkwürdig." Kommt ihr etwas verdächtig vor, überprüft sie die Stellen. "Die Studenten sollten nicht vergessen, dass auch die Professoren einen Zugang zu den Suchmaschinen des World Wide Web haben." Oft reiche es aus, drei bis fünf Substantive bei Google einzugeben. Sie möchte den Studenten natürlich den seriösen Umgang mit Quellen und Texten anderer beibringen. "Daher muss es wirklich schmerzhaft sein, wenn sie erwischt werden, damit die Lehre sich tief in das Bewusstsein eingräbt. Eine 5,0 für eine Arbeit, die man sogar zu 90 Prozent selber geschrieben hat, wird lange in Erinnerung bleiben", erläutert Weber-Wulff auf ihrem Plagiatsportal. Dort hat sie die Internetschulung "Fremde Federn Finden" für andere Lehrkräfte eingerichtet.
Es droht die Exmatrikulation
Für gewöhnlich regelt die jeweilige Hochschulordnung, was im Falle eines studentischen Betruges zu tun ist. Das Spektrum der Sanktionen reicht dabei von Ermahnungen über automatisches "Nicht-Bestehen" bis hin zur Exmatrikulation. In den Vereinigten Staaten schwören die Studenten zu Beginn ihrer Universitätslaufbahn einen Eid, nicht zu betrügen. Tun sie es doch, entscheidet das strenge studentische "Honor Board", ob ein Plagiator fliegt oder nicht. In Deutschland ist das Verfahren vergleichsweise milde. Die Hochschule hat gegen Plagiatoren meist nur eine prüfungsrechtliche Handhabe. Bestätigt sich hier der Plagiatsvorwurf beispielsweise in einer Abschlussarbeit, kann der Betroffene mit einem neuen Thema am selben Institut noch einmal antreten - sofern die laut Prüfungsordnung zulässigen Prüfungsversuche noch nicht ausgeschöpft sind. "Vor Gericht geht so ein Vorfall zum Beispiel, wenn es zu einem Urherberrechtsstreit mit dem Autor kommt oder der Student wegen der Aberkennung der Prüfungsleistung oder nach einer möglichen Exmatrikulation gegen die Universität vorgeht", sagt Rolf Gemmeke, Leiter der Rechtsabteilung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Einheitliche Vorgaben im Umgang mit den Plagiatoren gibt es hier bislang nicht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat jedoch alle Hochschulen verpflichtet, Richtlinien zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft für alle Fälle von Wissenschaftsbetrug zu erlassen, die auch einen Katalog möglicher Sanktionen und Konsequenzen bei wissenschaftlichem Fehlverhalten vorsehen. Diese sind in den jeweiligen Prüfungsordnungen verankert. "Je nach Schweregrad der Täuschungshandlung können Plagiate durchaus zur Exmatrikulation führen", sagt Gemmeke. Einige Unis erwägen außerdem eine finanzielle Sanktion in Form eines Bußgeldes. Verantwortliche in Münster wollen etwa auf Basis des nordrhein-westfälischen Hochschulgesetzes eine Geldstrafe von bis zu 50 000 Euro erwirken.
Auch gestandene Wissenschaftler greifen zu
"Plagiate in Hausarbeiten" hat Sebastian Sattler aus Leipzig in seiner Magisterarbeit untersucht, für die er vor kurzem von der Gesellschaft für Soziologie den Preis für herausragende Abschlußarbeiten verliehen bekommen hat. Seine quantitative Studie unter 226 Leipziger Kommilitonen ergab erstaunliche Ergebnisse: "Neun von zehn Studenten sind grundsätzlich bereit, fremdes geistiges Eigentum als das eigene auszugeben. Rund 56 Prozent aller Studienanfänger hatten bereits bei schriftlichen Schulaufgaben Plagiate angefertigt. Von den Studierenden, die bereits eine Hausarbeit geschrieben hatten, gaben 23 Prozent zu, plagiiert zu haben", sagt Sattler. Letztlich waren nur zwei der Befragten bereit, eine fremde Hausarbeit Wort für Wort zu übernehmen.
Wie hoch die Dunkelziffer bei Plagiaten an Hochschulen ist, weiß niemand. Aber immer wieder geht ein Abschreiber einem aufmerksamen Plagiatsjäger ins Netz. Stefan Weber, Publizist und Medienwissenschaftler aus Österreich, wurde selbst schon mehrfach plagiiert. Aus jahrelanger Erfahrung als Lehrkraft an Universitäten weiß er: Abgekupferte Texte liefern nicht nur Neulinge ab, die den korrekten Umgang mit Quellen noch nicht so recht beherrschen, sondern auch gestandene Wissenschaftler lassen sich zum Ideenklau hinreißen. In Tübingen mußte ein promovierter Theologe seinen Titel vom Klingelschild entfernen, weil er Webers Doktorarbeit als seine eigene umformatiert hatte. Im österreichischen Klagenfurt wurde einer Studentin, die über 40 von 121 Seiten ihrer Abschlußarbeit Wort für Wort aus verschiedenen Quellen abgeschrieben haben soll, der Magistergrad wieder entzogen. Die Beschuldigte zog vor Gericht, die Angelegenheit wird noch verhandelt. Die Überprüfung der beiden Plagiatoren, denen Weber per Zufall auf die Schliche kam, hat er persönlich ins Rollen gebracht. "Die Kultur des Wegblickens an den Universitäten bringt uns hier nicht weiter, solange es Professoren gibt, die Arbeiten annehmen, ohne diese zu lesen, wird sich nichts ändern", sagt Weber.
Verdächtiger Konjunktiv-Reigen
Von einem kulturhistorischen Wandel gegenüber dem geistigen Eigentum anderer spricht gar Wolfgang Krohn, Soziologie-Professor am Institut für Wissenschaft- und Technikforschung der Universität Bielefeld. "Das Verhältnis zur Autorenschaft ändert sich. Im Internet hat man Zugang zu beliebig vielen Texten, da ist die Hemmschwelle einfach niedriger", sagt Krohn. Seit fünf Jahren beschäftigt er sich mit Plagiaten. "Ich hatte den Eindruck, daß an der Uni so eine Art Sport entstanden war." Von 45 untersuchten Projektarbeiten seines Seminares enthielt beinahe jede dritte Arbeit geklaute Passagen, obwohl Krohn die Studenten über die Plagiatskontrolle informiert hatte. "Indikatoren sind beispielsweise zu gutes Deutsch, zu viel Wissen, zu ungewöhnliche Daten. Das sind Merkmale, dass eine Arbeit einfach zu gut ist." Ein Reigen schönster Konjunktive mache eben verdächtig. Da eine Überprüfung mit der Suchmaschine Google, wie er sie anfänglich betrieb, zu zeitaufwendig war in Seminaren mit annähernd 200 Studenten, gab der Professor den Anstoß, eine Software zur Überprüfung von Plagiaten anzuschaffen. Heute ist die Bielefelder Universität nahezu plagiatsfrei. Seit drei Jahren ist dort das amerikanische Programm "Turnitin" im Einsatz. Die Studenten werden dabei aufgefordert, ihre Arbeiten in elektronischer Form abzugeben. Der Dozent sendet sie dann zu einer automatischen Überprüfung auf einen Server, dessen Programm eventuelle Übereinstimmungen mit allen anderen elektronisch verfügbaren Texten auswerten kann. In Bielefeld verbucht man damit große Erfolge. "Die Studenten geben sich jetzt viel mehr Mühe, weil sie wissen, dass niemand mit einem Plagiat durchkommt", sagt Krohn. Bewährt habe sich außerdem, die Themenauswahl von vorneherein einzuschränken und die Studenten ihre Arbeitsschritte dokumentieren zu lassen. Soziologe Sattler schreibt in seiner Magisterarbeit: "Man sollte den Leuten früh wissenschaftliches Arbeiten beibringen. Schon im ersten Semester oder am besten noch in der Schule." Es habe sich gezeigt, daß diejenigen, die wissenschaftliches Arbeiten nicht beherrschen, eher bereit sind, Plagiate anzufertigen.
Reaktion auf Studienbedingungen
Karsten Krug (kkrug)
- 12.01.2007, 09:58 Uhr