02.09.2007 · Das Interesse an einer Universitätskarriere steigt. Vor allem in den Geisteswissenschaften vermelden die Hochschulen eine Zunahme bei Promotionen und Stellenbewerbungen. Doch die Karrierechancen an den Fakultäten sind begrenzt.
Von Nina TrentmannSchon im Studium merkte Hans-Christian Crueger, dass die Universität für ihn mehr war als nur die Fortsetzung der Schule. Das war toll, was er da im Politikstudium lernte. So toll, dass er nach der Magisterarbeit entschied, an der Universität zu bleiben und seinen Intellekt in den Dienst der Wissenschaft zu stellen.
Wie Crueger interessieren sich viele Absolventen der geisteswissenschaftlichen Fächer für eine Karriere an der Alma Mater. Die Universitäten vermelden eine Zunahme der Promotionen, auch die Bewerberzahlen auf Stellenangebote steigen. Doch wie begründet ist das Interesse an einer geisteswissenschaftlichen Karriere? Wie hoch sind die Chancen, tatsächlich einmal eine Professorenstelle zu ergattern? Was gilt es als Nachwuchswissenschaftler zu bedenken?
750 Euro für 40 Stunden Arbeit
Auf Cruegers Schreibtisch türmen sich Bücherberge, der Boden ist bedeckt mit Papierstapeln. Inmitten dieses Chaos sitzt Hans-Christian Crueger, 27, der nun als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn arbeitet. Er ist am Institut für seinen Ehrgeiz bekannt. Er hält Proseminare, bereitet Hauptseminare vor, ist Praktikumsberater für die neuen Bachelor-Studierenden und schreibt wissenschaftliche Aufsätze. „Nebenbei soll ich auch noch promovieren“, sagt er und grinst. Aus den vertraglich festgelegten 18 Stunden werden so regelmäßig knapp 40 Stunden Arbeitszeit in der Woche. „Und das hier soll ich bis nächste Woche rezensieren“, sagt Crueger und zieht ein dickes Buch aus dem Regal. „Davon habe ich leider noch keine Seite gelesen.“ Crueger ist nicht nur ein vielbeschäftigter, sondern auch ein schlecht bezahlter Mann: Für seine Mühen überweist ihm die Universität gerade mal 750 Euro im Monat.
Widrige Umstände
Trotz dieser widrigen Umstände ist Crueger fest entschlossen, an der Universität zu bleiben. Und das, obwohl er wie Tausende andere von Faktoren abhängig ist, auf die er keinen Einfluss hat. Ob eine Habilitationsstelle frei wird, wenn er mit der Promotion durch ist. Ob ein Professor gerade dann emeritiert wird, wenn Crueger habilitiert ist. Ob diese Stelle weiterhin Bestand hat oder ob die Fakultät sie kürzen muss, weil die Landesregierung den Haushalt zusammenstreicht.
„Die Situation hat sich extrem verschlechtert“, sagt die Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz, Christiane Gaehtgens. Seit Jahren kürzen die Landesregierungen die Mittel für den akademischen Mittelbau – also für die Akademischen Räte, für die Dozenten und die Assistenten. Das fällt je nach Bundesland unterschiedlich stark aus, doch in der Bewertung dieser Entwicklung sind sich die Universitäten einig: Exzellente Noten und herausragende Publikationen sind heute nur die Eintrittskarte in ein waghalsiges Unterfangen, mehr nicht.
Zahl der Professuren steigt selten
Statt des Akademischen Rates und des Assistenten soll es in Zukunft nur noch den wissenschaftlichen Mitarbeiter geben, direkt darauf folgt der Professor. „Das ist ein großes Problem“, sagt der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn, Jürgen Fohrmann. Denn die Zahl der Professuren steigt selten; wer keine der begehrten Stellen bekommt, geht leer aus.
Bis 2008 muss Fohrmann 30 Professoren- und Mitarbeiterstellen kürzen, obwohl die Lehre seiner Meinung nach schon jetzt darbt. „Wir geraten in eine enorme Schieflage“, sagt der Dekan. Sparmaßnahmen des Landes Nordrhein-Westfalen werden es auch für Politikwissenschaftler Crueger schwermachen, eine Professur zu bekommen.
Im Zweifel mit leeren Händen
Nach altem Recht hätte Crueger – vom ersten Tag seiner Promotionszeit an gerechnet – maximal zwölf Jahre Zeit gehabt, eine Stelle zu finden. Diese Regelung wurde im März dieses Jahres gelockert, befristete Verträge als wissenschaftlicher Mitarbeiter können nun verlängert werden, wenn der Betroffene keine Professur ergattern konnte.
Dennoch steht der Absolvent unter enormen Zeitdruck: Denn wer mit Anfang oder Mitte vierzig noch immer keine Professur in Aussicht hat, der wird auch außerhalb der Universität zum kritischen Fall. Welches Unternehmen stellt schon einen Mitarbeiter ein, der jahrelang an der Universität tätig war und noch nie etwas anderes gemacht hat? „Da kommt man im Zweifel mit leeren Händen an“, sagt Felix Grigat vom Deutschen Hochschullehrer-Verband. Das Risiko sei für Geisteswissenschaftler besonders groß.
Wer mit seiner Mitarbeiterstelle immer älter wird, dem droht daneben die Gefahr, dass ihm am Ende ein jüngerer Kollege zuvorkommt, wenn es eine Professur zu besetzen gibt. „Die Jüngeren überholen die Älteren“, beschreibt dies Thomas Vogtherr, der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Osnabrück. Seine Universität konnte im vergangenen Semester eine Handvoll neuer Professoren einstellen, weil das Land Niedersachsen zusätzliche Mittel für die Lehrerausbildung zur Verfügung gestellt hat – ein eher seltener Fall.
Universitäten suchen Alternativen
Um den Zusammenbruch der Lehre zu verhindern, entwerfen einige Universitäten neue Stellen. Die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität will den Assistenten indirekt beibehalten und ihn „Lehrkraft mit besonderen Aufgaben“ nennen. Die Uni Bonn möchte die Akademischen Räte und Oberräte weiter unterrichten lassen, aber nur noch mit befristeten Verträgen. Und an der Kölner Universität gibt es seit dem vergangenen Sommersemester den Lecturer, der in erster Linie für die Lehre bezahlt wird.
Keine Zeit zum Forschen
„Trotzdem gibt es sehr viele Hochqualifizierte, denen wir nichts anbieten können“, sagt Christiane Bongartz, Dekanin der Philosophischen Fakultät in der Domstadt. Kritiker befürchten zudem, dass die Wissenschaftler aufgrund der erhöhten Zahl der Unterrichtsstunden nicht mehr genug zum Forschen kommen.
Auch der Wissenschaftsrat (WR) hat das Problem angemahnt. Obwohl die Philosophischen Fakultäten rund ein Fünftel aller Studierenden in Deutschland versorgen, haben sie nur ein Zehntel der Professuren. Der Wegfall der Assistenz- und Ratsstellen habe keine vergleichbaren Zuwächse im Bereich der Mitarbeiterstellen ausgelöst, kritisierte der WR in einer Stellungnahme schon im Januar 2006. Der Zwang zur Drittmitteleinwerbung verschärft das Problem weiter: So müssen die Fakultäten durch Spenden und Sponsoring einen bestimmten Prozentsatz an Mitteln selber aufbringen. Doch welche Anreize bieten die Geisteswissenschaften einem Unternehmen, das auf Profit ausgerichtet ist?
Chancen stehen schlecht
Von einigen Ausnahmen abgesehen, stehen die Chancen in den Geisteswissenschaften also eher schlecht. Wer sich die Philosophische Fakultät dennoch als Arbeitgeber wünscht, der sollte seine Aussichten vorher gut ergründen. Habe ich Empfehlungen erhalten? Wo will ich publizieren? In welcher Fachrichtung will ich arbeiten? Und wo werden in den kommenden Jahren Professuren frei?
Schlechte Bezahlung und lange Wartezeiten sollte der Nachwuchsprofessor ebenfalls in Kauf nehmen. „Wissenschaftliche Brillanz reicht nicht. Man muss Überzeugungstäter sein“, sagt Hans-Christian Crueger. Er hat noch einen langen Weg vor sich. Zuerst bis zum wissenschaftlichen Mitarbeiter – und hoffentlich irgendwann zum Professor für Politische Wissenschaft.