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Pensionierte Professoren Ruhelos am Lehrerpult

11.12.2010 ·  Viele Professoren wollen länger arbeiten als bis zum 65. Geburtstag. Sie halten auch im Alter noch Vorlesungen und Seminare. Für junge Wissenschaftler und Studenten kann das ein Segen sein - oder ein Fluch.

Von Steffen Eggebrecht
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Mit einer in Jahrzehnten erworbenen Routine bereitet Kersten Krüger sein Hauptseminar vor. Rund 40 Studenten der Universität Rostock sitzen dem 71 Jahre alten Historiker gegenüber. Neben dem graumelierten Hochschullehrer liegen diverse Kabel, er stöpselt Laptop, Beamer und Lautsprecher zusammen, anschließend zieht er seine Präsentation vom USB-Stick. Schon seit sechs Jahren könnte Krüger seinen Ruhestand genießen, aber von der Lehre will er nicht lassen – und wie ihm geht es vielen Wissenschaftlern: In einer Umfrage des Deutschen Hochschulverbands unter pensionierten Professoren sagten mehr als die Hälfte der Befragten, dass sie sich eine Verlängerung ihrer Dienstzeit gewünscht hätten. Neun von zehn sind demnach noch mindestens 20 Stunden in der Woche wissenschaftlich tätig, und jeder Dritte bietet weiterhin Lehrveranstaltungen.

Bleiben die Quoten gleich, wird sich die Zahl der Hochschullehrer im Unruhestand in den nächsten Jahren deutlich vergrößern. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat ermittelt, dass zwischen 2008 und 2014 ein Drittel aller Professoren an den deutschen Hochschulen das Ruhestandsalter erreicht. Ob es zulasten zeitgemäßer Unterrichtsmethoden und aktueller Forschungsthemen geht, wenn sie weiterhin im Hörsaal stehen? Krüger schüttelt den Kopf. „Die Qualität der Lehre hängt von der Person ab, nicht am Alter“, sagt er. Ihn persönlich motiviere nicht zuletzt die große Zahl der Studenten in seinen Seminaren zum Weitermachen. Zwei Veranstaltungen im Semester umfasst sein Arbeitspensum, sie gehören zu den beliebtesten am Institut. Außerdem bereitet Krüger die 600-Jahr-Feier der Rostocker Universität 2019 vor, er betreut dafür zwei Datenbanken, in denen alle Professoren und Studenten der Hochschule seit 1419 aufgeführt werden sollen.

„Beachtliche Medienkompetenz“

Bei den Rostocker Studenten von heute punktet Krüger mit seiner lockeren Art und seiner Flexibilität: Weder an einer Teilnehmerbegrenzung noch an Referatsvorgaben halte er starr fest, lobt beispielsweise Henning Rohrmann. Der 24 Jahre alte Lehramtsstudent besucht nun schon seit mehreren Semestern in Folge Veranstaltungen des fast ein halbes Jahrhundert älteren Emeritus. „Seine Medienkompetenz ist für sein Alter beachtlich“, lobt er. Der Einsatz internetbasierter Lernplattformen und die klar strukturierten Folien seien den Textwüsten einiger anderer, auch junger Kollegen, überlegen.

Skeptisch steht dagegen Arvin Peschel von der Freien Universität Berlin der Weiterbeschäftigung pensionierter Professoren gegenüber. „Die Altersgrenze mit 65 Jahren ist richtig“, erklärt der Hochschulreferent des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta). Laufen Professuren aus, sollten diese auch neu besetzt werden, damit die Qualität der Lehre nicht sinke. Andernfalls würden Pensionäre oder junge Akademiker nur als billiger Ersatz für Vollprofessuren missbraucht, das schade den Arbeitsbedingungen aller.

Kombination aus Jung und Alt

Nur eine Kombination aus Jung und Alt hält dagegen Johannes Wildt, der Leiter des Hochschuldidaktischen Zentrums der Technischen Universität Dortmund, für sinnvoll. „Nachwuchswissenschaftler sind zwar oft besser mit der Lern- und Lebenswelt der Studenten vertraut, übermäßige Lehre kann für sie aber zum Karrierehemmer werden“, sagt er. Emeriti oder Hochschullehrer im Ruhestand – genau genommen sind die lateinische Bezeichnung „Emeritus“ und die damit verbundene Befreiung von allen Alltagspflichten bei gleichzeitiger ungeminderter Besoldung auf diejenigen Professoren beschränkt, die bis Ende der siebziger Jahre die höchste Besoldungsstufe erreicht haben; später pensionierte Hochschullehrer erhalten 75 Prozent ihrer letzten Bezüge als Ruhestandsgeld – können nach Wildts Ansicht dem Nachwuchs den nötigen Freiraum schaffen. Sie verfügten über die nötige Erfahrung, um Grundlagen- und Überblickswissen ansprechend zu vermitteln. So könnten sie das fachliche Fundament legen, damit sich die jungen Wissenschaftler aktuellen Fragen widmen und spezialisieren können.

Allerdings führt diese Aufgabenteilung nicht unbedingt zu Freiräumen für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Erkläre sich ein Emeritus bereit, auch noch nach seinem Ruhestand zu lehren, verzögere er vermutlich die Berufung seines Nachfolgers, sagt Daniela De Ridder. Sie arbeitet in einer Tochtergesellschaft des Centrums für Hochschulentwicklung und hat in ihrer 15 Jahre dauernden Tätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte viele solche Verfahren kennengelernt. Emeriti können auf die Hochschulleitung wie ein Sicherheitsnetz wirken, argumentiert sie. Der Einigungszwang bei der Berufung sei dann weniger ausgeprägt, da die Lehre vom Professor meist in gleicher Qualität weitergeführt würde. „Dieser Vorgang hat an deutschen Hochschulen zwar noch keine Methodik, ist aber auch kein Tabuthema mehr.“ Hierfür könnten Arbeitsverträge bei gleichbleibenden Bezügen mitunter bis zum 68. Lebensjahr verlängert werden. Sparpotenzial ergebe sich andererseits, wenn das Berufungsverfahren mit befristeten Lehraufträgen hinausgezögert wird. Dann ist nicht nur die Entlohnung geringer, auch der Anspruch auf Ausstattungsmittel – etwa für ein Sekretariat oder wissenschaftliches Personal – fallen laut De Ridder in den meisten solchen Fällen weg.

„Ich höre erst auf, wenn kein Student mehr kommt“

Auch Peer Pasternack, der Forschungsdirektor des Instituts für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, kritisiert die Hochschulleitungen für ihre Berufungstaktik. Die Hürden für Nachwuchswissenschaftler seien nicht Emeriti, die an ihren Professuren kleben, sondern vielmehr die langen Berufungszeiten. Durchschnittlich brauche eine Hochschule für die Neubesetzung anderthalb Jahre; macht der scheidende Hochschullehrer bis zum 68. Lebensjahr weiter, dauere das Verfahren dagegen bis zu drei Jahre. Die meisten Universitäten seien grundsätzlich allerdings eher froh, wenn Professoren ihren Ruhestand auch tatsächlich antreten, berichtet Pasternack. „Hierdurch ergeben sich erweiterte Spielräume bei neuen Stellenausweisungen.“ Fachbereiche hätten dann die Gelegenheit, inhaltliche Schwerpunkte zeitgemäß anzupassen; außerdem brächten jüngere Wissenschaftler oft Dynamik und neue Ansätze mit.

Wie lange Kersten Krüger in Rostock noch am Pult stehen wird, wagt er selbst nicht vorauszusagen. Das Historische Institut der Universität setzt weiterhin auf ihn. Seine eigene Professur hat er zwei Semester lang vertreten, inzwischen ist sie neu besetzt; Krüger lehrt honorarfrei weiter. In der Finanzabteilung wird man seine Worte deshalb gerne hören. „Ich höre erst auf“, kündigt Krüger an, „wenn kein Student mehr kommt – oder meine Gesundheit dagegen spricht.“

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