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Pause vor dem Masterstudium Durchatmen - bevor es ernst wird

 ·  Nicht nur nach dem Abitur lohnt sich eine Auszeit. Auch zwischen Bachelor und Master profitieren Studenten von einer Pause - egal ob Surfkurs oder Kellnerjob.

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© Peter von Tresckow

Bis vor kurzem hat sich Alexander Maaßen keine Pausen gegönnt: in der Schule eine Klasse übersprungen, Abitur und Zivildienst. Dann schrieb er sich für das duale Studium Logistikmanagement an der Europäischen Fachhochschule in Brühl ein, arbeitete studienbegleitend in einem Spin-off der Deutschen Post, baute ein Auslandssemester ein und engagierte sich ehrenamtlich. Nun, mit 23 Jahren, ist Maaßen in der Regelstudienzeit fertig. Doch anstatt wie der Großteil seiner Kommilitonen direkt den Master anzuschließen, macht er einen Schnitt und setzt ein Jahr aus. „Warum muss ich mich weiter hetzen, nur um mit 25 vor einem Personaler zu sitzen?“, hat er sich irgendwann gefragt. Ihn zieht es nach Australien, mindestens sechs Monate möchte er möglichst wenig arbeiten und viel reisen. Im Herbst nächsten Jahres will Maaßen mit dem Master beginnen.

Druck und Stress - auch das sind Konsequenzen des Bologna-Prozesses. Junge Menschen, die durch den Lehrplan hetzen, um das Studium in Regelstudienzeit zu bewältigen. Dank sogenanntem „Bulimie-Lernen“ nehmen sie in kurzer Zeit viel Wissen auf - allerdings nur, um es nach den Prüfungen schnell wieder zu vergessen. Wer nicht viele Praktika und ehrenamtliches Engagement vorweisen kann, hat auf dem Arbeitsmarkt ohnehin keine Chance, raunt es durch die Hörsäle der Republik. 14 Prozent mehr Studenten als im Vorjahr ließen sich 2010 beim Studentenwerk beraten. Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, fällt auf, dass der subjektiv im Studium empfundene Druck wächst: „Die Studierenden von heute sehen sich einem starken gesellschaftlichen Erwartungs- und Leistungsdruck ausgesetzt.“

Weniger Mobilität

Das Paradoxe an der Bologna-Reform ist, dass sie die Studenten eher hemmt, ins Ausland zu gehen, als die Mobilität zu fördern - was eigentlich ein Ziel war. Eine Studie des Hochschul-Informations-Systems im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zeigt, dass 2011 nur ein Zehntel aller Bachelor-Studenten an Universitäten im 3./4. Semester eine Auslandsphase im Lebenslauf hatten. Dieser Anteil steigt im 5./6. Semester auf 22 Prozent. Im Jahr 2009 lag der Wert noch bei 25 Prozent. Etwa ein Zehntel aller Studenten überschreitet die reguläre Studiendauer in Bachelor-Studiengängen an Unis von sechs Semestern und studiert im 7./8. Semester. Für sie ist ein besonders hoher Anteil von 34 Prozent Auslandserfahrung bezeichnend. Deshalb schließen die Statistiker daraus, dass die höhere Auslandsmobilität erst durch den Preis einer Verlängerung der Studiendauer ermöglicht wird.

Das neue System bringt allerdings auch Vorteile mit sich, man muss sie nur erkennen. Studenten können einfacher als beim Diplom eine bewusste Pause einlegen zwischen dem Bachelor und Master. Das bietet sich besonders an, wenn ohnehin ein Hochschulwechsel und Umzug anstehen. In angelsächsischen Ländern gehört für viele ein „Gap Year“ in die Karriereplanung. Hochschulen erleichtern dies durch den „Deferred Entry“: Wer beispielsweise in Großbritannien für ein Masterprogramm angenommen ist, kann den Beginn um ein Jahr nach hinten verlegen. In Deutschland allerdings ist die Erkenntnis, dass Schnelligkeit allein nicht zählt, noch nicht in allen Köpfen angekommen. Seit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System herrscht vielerorts das Credo „jünger, schneller, anstrengender“. Wer im G8-System mit 18 Jahren sein Abi macht und zügig studiert, ist mit 21 Jahren mit dem Bachelor fertig. Aber ist er in dem Alter auch bereit für den Bürostuhl? „Nicht unbedingt“, sagt Michael Oswald von der Uni Passau. Er promoviert in Politikwissenschaft, unterrichtet und hat auch selbst Pausen eingelegt im Studium. „Ich würde auf jeden Fall eine Auszeit empfehlen. Nach dem Studium hat man die Zeit nicht mehr.“ Im Gespräch mit Studenten bekommt der 31-Jährige immer wieder mit, welchen Druck sich diese machen - völlig unbegründet, findet Oswald. Ihn habe seine Auszeit nach dem Studium weitergebracht: Praktika in einer PR-Agentur und bei einer Zeitung zeigten ihm nach dem Bachelor, dass er lieber wissenschaftlich arbeiten wollte. „Die Zeit zwischen Bachelor und Master können Studenten gut nutzen, um sich zu orientieren oder sie als Sprungbrett für die Karriere zu nutzen“, sagt Oswald.

„Studenten stehen auch in der vorlesungsfreien Zeit unter Druck“

Denn oftmals lassen sich intensive Praktika oder längere Auslandsaufenthalte nicht während des Studiums einbauen, argumentiert Tanja Kuntz von der Organisation Travel Works, die unter anderem Freiwilligendienste vermittelt. „Im Diplom konnte man die Semesterferien noch besser für solche Auszeiten nutzen. Mit dem Bachelor dagegen stehen die Studenten durch Prüfungen auch in der vorlesungsfreien Zeit unter Druck.“ Ein Gap Year zwischen Bachelor und Master hält Kuntz für sinnvoll. „Auch Surfkurs und Kellnern sind legitim, wenn man dafür eine gute Begründung hat.“

Die hat Alexander Maaßen für seine Australienreise. „Vor einem halben Jahr war mir mein Lebenslauf noch wichtiger“, sagt Maaßen. „Damals hätte ich befürchtet, dass die Unterbrechung bei Arbeitgebern schlecht ankommt.“ Der Sinneswandel kam während seines Auslandssemesters in San Francisco: „Ich habe mich gefragt, ob ich das für mich mache oder um die Personalabteilung zu beeindrucken.“ Ob zukünftigen Arbeitgebern dieser Knick im Karrieresprint negativ aufstoßen könnte, ist ihm recht gleichgültig. „Wenn die etwas gegen die Auszeit haben, dann möchte ich in so einem Unternehmen auch nicht arbeiten.“

So selbstbewusst sieht das auch Risikoanalystin Uta Reichardt. Sie hat sich während des Studiums mehrere Pausen gegönnt. „Ich war ziemlich sicher, dass ich eine Stelle bekommen würde, und deswegen auch sehr entspannt“, sagt Reichardt. Nach Abschluss des Geographie-Studiums in Bern verschob sie ihren Master in Risikoanalyse in London um ein Jahr nach hinten und machte in Kuba einen Spanischkurs. Nach ihrem Master besichtigte sie eine amerikanische Universität, die ihr einen PhD-Platz angeboten hatte, und besuchte Familie und Freunde in Europa. Schließlich ging sie sechs Wochen nach Madrid. Von dort machte sie sich online auf Stellensuche und fand ihre aktuelle Stelle bei der Swiss Re in Zürich, wo sie seit Juni erst einmal befristet arbeitet. Bevor sie eine feste Stelle bekommt, möchte sie sich wieder eine kurze Auszeit gönnen. Ihr Privatleben will die 26-Jährige nicht hintenan stellen.

Immer mehr Arbeitgeber haben erkannt, dass sie nicht nur jugendliche Marathonläufer, sondern auch Menschen bei sich haben möchten, die etwas erlebt haben. „Manche Biographien sind gerade aufgrund ihrer Brüche interessant“, sagt Michael Friedrich von Siemens. Allerdings müsse der Lebenslauf stimmig sein, generell begrüße das Unternehmen Auslandserfahrungen. Auch bei Bayer freut man sich über solche Bewerbungen. „Wir brauchen Mitarbeiter, die offen für neue Wege und anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen sind“, sagt Georg Müller, Personalleiter Deutschland bei Bayer.

Ein weiteres Beispiel liefert das Programm Gapyear, eine Kooperation von Henkel, McKinsey, Allianz und Bertelsmann, das sich an Bachelorabsolventen richtet. Diese absolvieren drei bezahlte Praktika bei einem der Unternehmen. Die Zeit nach dem letzten Praktikum bis zum Masterstudium nutzen sie für eine Auszeit, seien es Weltreise, Sprachkurs oder soziales Engagement. „Wir suchen Persönlichkeiten mit vielfältigen fachlichen, aber eben auch persönlichen Erfahrungen“, sagt Thomas Fritz von McKinsey. „Das ist uns wichtiger als ein im Höchsttempo abgeschlossenes Studium.“

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