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Outdoor-Training für Studenten Vier Wassertonnen und eine rote Unterhose

20.08.2008 ·  Viel Stress, viel Regen, wenig Schlaf: Einmal im Jahr lädt die Fachhochschule Osnabrück ihre Studenten zum Outdoor-Training ein. In vier Tagen sollen sie lernen, was in der Wirtschaft immer wichtiger wird – erfolgreiche Teamarbeit.

Von Hendrik Steinkuhl
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Einen schönen Tag für eine Floßtour stellt man sich anders vor. Dichte Wolken hängen über dem Münsterland. Ein starker Wind weht, jeden Moment könnte ein Schauer herunterkommen. Am Ufer des Dortmund-Ems-Kanals kauert eine Gruppe junger Leute. Es sind Studenten der Fachhochschule Osnabrück. 48 Frauen und 6 Männer, deren Mittagessen heute etwas spärlich ausfällt; statt Mensa-Menü müssen sie sich mit Äpfeln und Broten begnügen.

Die Studenten scheint das nicht zu stören. Sie kauen still vor sich hin, einige sitzen Rücken an Rücken, andere liegen im Gras. „Die sind alle vollkommen fertig“, sagt Gerlinde Buddrick. Man merkt der Dozentin für Kommunikationswissenschaft an, dass sie es selbst auch ist. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Jost von Papen organisiert die Fünfundfünfzigjährige zum dritten Mal das Outdoor-Training für die Studenten des Fachbereichs Wirtschaft und Soziales. Während diese noch ihre Brote essen, zieht sich ein stämmiger Mann um die 40 seine Tarnfleck-Jacke aus und springt in den Kanal. Nach ein paar Delfin-Schlägen kommt er wieder heraus und brüllt, das Wasser sei überhaupt nicht kalt. „Das ist Burkhard, unser Kampfschwimmer“, sagt Jost von Papen und lacht. Im Hauptberuf arbeitet der Kampfschwimmer als Erlebnispädagoge für das Unternehmen Beverland, den Veranstalter des das Outdoor-Trainings.

Eine Pyramide aus Gläsern, ein Floß aus Sisalband

Drinnen wie draußen sollten die Fachhochschüler von Montag bis Donnerstag vor allem eines lernen: wie man mit ganz unterschiedlichen und meist unbekannten Personen erfolgreich im Team zusammenarbeitet. Vier Tage, viel Regen, wenig Schlaf - und ständig neue Fragen: Wie baut man zu sechst eine möglichst hohe Pyramide aus Gläsern? Wie verteilt man sich am besten, um nur mit Hilfe eines Seils den Inhalt einer Plastikflasche in ein Glas zu gießen? Schließlich die komplizierteste Aufgabe: Wie baut man aus Sisalband, vier Dachlatten, vier Wassertonnen und vier Euro-Paletten ein schiffbares Floß, mit dem man möglichst noch ein Rennen gewinnt?

Nach der Besprechung haben die Gruppen 15 Minuten Zeit, um zu planen - und danach noch 45 Minuten, um das Floß zu bauen. Die sechs Teams bestehen aus jeweils sechs oder sieben Studenten, von Gerlinde Buddrick zu gleichen Teilen aus Fühlern, Denkern, Arbeitern und Spielern zusammengesetzt. Die Fragebogen-Methode, die dieser Einteilung zu Grunde liegt, nennt sich „Keirsey-Temperament-Test.“ Gerlinde Buddrick schwört darauf: „Ich arbeite schon seit zwanzig Jahren mit dem System.“

Der Macho aus der Gruppe „Jaaaaaa“

Da sich für das Outdoor-Training nur eine Handvoll Männer angemeldet hat, gibt es in jeder Gruppe nur einen männlichen Studenten. In der Gruppe „Jaaaaaa“ ist das Jörg, der Öffentliches Management studiert. Müsste man raten, welches Temperament Jörg in der Einteilung nach Keirsey hat, man würde auf „Arbeiter“ tippen. „Wir binden einfach die Dachlatten mit dem Band um die Tonnen. Aber richtig, nicht mit Schleife!“

Hätte es vor 20 Jahren schon Outdoor-Trainings geben, was hätten sechs Studentinnen wohl auf diese Anweisung geantwortet? Mit „Macho-Schwein“ wäre der Mann vermutlich noch gut davongekommen. Jörg muss sich nichts dergleichen anhören. Im Gegenteil: Die sechs Frauen im Team folgen der Anweisung und loben ihn später noch in den höchsten Tönen. Es sei, sagen sie, unheimlich hilfreich gewesen, einen kräftigen Mann wie ihn in der Gruppe gehabt zu haben.
Floß im Eigenbau, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Während die eine Gruppe die Tonnen aufsägt, bindet die andere sie wie Luftkissen neben die Paletten. In einem anderen Team wiederum befestigt man die Tonnen mit ganz viel Sisal-Band unter den Holzpaletten. „Das ist ja die pure Angst vorm Nasswerden“, spottet Dirk Boll und geht schelmisch grinsend weiter. Auf ein paar Studenten trifft seine Vermutung sicher zu. „Ey, wenn ich ins Wasser falle, dann bin ich heute Abend aggro“, kündigt die blonde Anna-Maria an, die BWL im Gesundheitswesen studiert.

Angst vorm Nasswerden, Spaß am Feiern

Nicht so deutlich wie sie, aber umso ernster meldet sich ihre Kommilitonin Annika zu Wort. „Müssen wir alle aufs Floß?“, fragt sie, während Erlebnispädagoge Stefan die Regeln für das Wettrennen erklärt. „Alle müssen aufs Floß“, antwortet Stefan. „Ich gehe aber nicht aufs Floß!“, erwidert Annika - ziemlich laut jetzt und offenbar verängstigt. „Warum soll ich hier etwas machen, was ich nicht will? Im Beruf mache ich auch nicht alles, und ich finde, das ist eine Stärke!“ Während Erlebnispädagoge Stefan weiterspricht, geht Jost von Papen zu Annika und fragt sie mit leiser Stimme, ob es einen Grund für ihre Haltung gebe. Sie habe Angst vorm Wasser, gibt Annika zu. Dann müsse sie nicht mit aufs Floß, sagt von Papen. Wenn es einen definitiven Grund gebe, dann habe er Verständnis.

Nass wird Annika aber trotzdem. Es hat wieder zu regnen begonnen. Anna-Maria setzt sich die Kapuze ihrer roten Regenjacke auf und arbeitet weiter. Während Jost von Papen den Floßbau filmt und die Erlebnispädagogen Witzchen über die Floßbauer machen, hält sich Gerlinde Buddrick im Hintergrund. Etwas versteckt lehnt sie am Material-Anhänger und beobachtet. Irgendwann läuft Annika an ihr vorbei, und Buddrick fragt sie, ob sie bei ihrer Entscheidung bleibe. Ja, sagt die Studentin. Sie habe einfach Angst. Gerlinde Buddrick erwidert, sie vertraue Annikas Team und sei sich sicher, dass sie nicht im Wasser lande.

Das wirkt. Zur Überraschung aller greift Annika sich Sekunden vor dem Start eine Schwimmweste, rennt zu ihrem Team. Ihr Vertrauen zahlt sich aus. Während die meisten Studenten rasch im Wasser landen, sitzt Annika in der Mitte ihres Floßes und bleibt trocken. Nach dem Rennen feiern sich die Teams - unabhängig vom Platz, den sie belegt haben. Und egal, wen man von den nassen Studenten fragt: Alle sind begeistert von den vier Tagen Outdoor-Training und von dem großen Zusammenhalt ihrer Teams. Bevor alle zum Duschen zurück ins Camp fahren, gehört der letzte Auftritt wieder Burkhard, dem Kampf- und Kanalschwimmer. „Ich habe hier noch eine rote Unterhose!“, ruft er in die Menge. „Wem gehört diese rote Unterhose?“

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