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Kleine Fächer : Orchideen auf der Roten Liste

120 Orchideenfächer sind vom Aussterben bedroht Bild: F.A.Z.-Rainer Wohlfahrt

Afrikanistik, Byzantinistik oder Kristallographie: Kleine Fächer machen die Universitäten bunt. Aber sie müssen mehr denn je ihre Existenz rechtfertigen. Studienreform und Akkreditierungspraxis gefährden ihre Zukunft.

          Cornelia Soldat hatte es in den vergangenen Monaten nicht einfach. Tausende Vorlesungsverzeichnisse stapelten sich auf ihrem Schreibtisch und wollten durchgearbeitet werden. Soldat war auf der Suche nach den so genannten „kleinen Fächern“. Dafür zählte sie in sämtlichen Vorlesungsverzeichnissen der deutschen Hochschulen die Zahl der Professuren. Ein mühsamer Job, denn was in Hochschule A Verhaltensforschung heißt, fällt an Hochschule B unter Zoologie. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Potsdamer Arbeitsstelle Kleine Fächer fand viele Disziplinen, die nur noch von einer Handvoll Professoren in Deutschland vertreten werden.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rund 120 Einträge hat die Rote Liste dieser vom Aussterben bedrohten Disziplinen, die 2007 von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in ihrer „Kartierung der Kleinen Fächer“ erfasst wurden. Rund die Hälfte von ihnen gehört zu den ganz Kleinen mit nur bis zu zehn Lehrstühlen bundesweit. In ihren Anfängen in den siebziger Jahren wäre auch die heute zu den Schwergewichten gehörende Informatik darunter gewesen. Umgekehrt entwickelten sich Fächer wie die Arabistik, Byzantinistik, Iranistik, Latinistik oder klassische Archäologie, die Lehrstühle verloren haben. Einige Fächer sind angesichts des großen Gebiets, das sie umfassen, erstaunlich klein besetzt, etwa Afrikanistik oder Indologie.

          Verschwundene Fächer, gekürzte Etats

          Andere Fächerstandorte sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten ganz verschwunden, wie HRK-Generalsekretärin Christiane Gaethgens erläutert: Medizingeschichte etwa gibt es in Kiel, Rostock und Greifswald nicht mehr, Metallurgie wird nicht mehr in München gelehrt, Logik und Wissenschaftstheorie nicht mehr in Oldenburg. Für Kaukasiologie und Papyrologie gibt es in ganz Deutschland nur noch eine einzige Professur; die Keltologie, die islamische und die indische Kunstgeschichte stehen mit jeweils zwei Professuren auch nicht viel besser da. „Wir ziehen ein gemischtes Resümee“, kommentiert Gaethgens die Kartierung deshalb. Viele Hochschulen nähmen die kleinen Fächer nicht als schmückende Orchideen, sondern in erster Linie als Einsparmöglichkeit wahr, sagt sie.

          Auslöser – Kritiker sagen: Vorwand – für manche Einsparungen ist zuletzt die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor- und Master-Programme gewesen (Kommentar: Entwurzelt). Denn die Bachelor-Studiengänge sind oft Kombinationen aus früher eigenständigen Studiengängen. „Unsere Fächer werden zu Modullieferanten für synthetische Studiengänge“, mokiert sich beispielsweise Norbert Franz, Professor für Slawische Literatur und zugleich Leiter der Arbeitsgruppe Kleine Fächer an der Universität Potsdam. Die HRK ihrerseits sieht das größere Problem für die kleinen Fächer in der Struktur der Master-Studiengänge. Denn nur die Fächer, in denen man auch einen Master-Abschluss machen kann, werden auf Dauer überleben, prognostiziert Christiane Gaethgens.

          Entscheidung am runden Tisch

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