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Open-Topic-Lehrstühle : Ein Prof. für alle Fälle

  • -Aktualisiert am

Weit weg: Aus den hinteren Reihen im Audimax der TU Dresden betrachtet ist der Professor ein Zwerg. Die Uni geht jetzt neue Wege in der Berufung. Bild: dpa

Die Uni Dresden geht neue Wege: Sie schreibt Lehrstühle aus, die nicht an eine Disziplin gebunden sind. Was unspektakulär klingt, ist in Wahrheit eine Sensation in der deutschen Hochschullandschaft.

          Professoren-Stellen werden an deutschen Universitäten meist nach dem Prinzip „aus Alt mach Neu“ besetzt: Verlässt ein Professor die Hochschule, muss ein neuer mit demselben Schwerpunkt her. Die TU Dresden wirft dieses ungeschriebene Gesetz momentan mit einem Experiment über Bord. Ab dem Wintersemester werden dort zehn sogenannte Open-Topic-Professoren unterrichten, die sich völlig unabhängig von ihrem Fach an der TU bewerben konnten. Anders gesagt: Der Uni war zunächst egal, ob der Bewerber Jurist, Mathematiker, Biologe, Germanist oder Experte auf einem anderen Gebiet war. Hauptsache, er war in seinem Fachgebiet herausragend gut. Und jeder Bewerber sollte schon interdisziplinär, also mit Kollegen anderer Fachrichtungen, zusammengearbeitet haben.

          Was unspektakulär klingt, ist für eine deutsche Universität eine Sensation. Noch nie wurden Professuren völlig unabhängig vom Fach des Bewerbers besetzt. In den Vereinigten Staaten und Großbritannien gibt es offene Ausschreibungen dagegen häufiger. Zwei Mathematiker, ein Physiker, ein Bauingenieur, ein Maschinenbauer, ein Musikwissenschaftler, eine Juristin und ein Medienwissenschaftler lehren als Ergebnis dieses Berufungsverfahrens seit diesem Wintersemester an der TU Dresden.

          Zwei weitere Open-Topic-Professuren waren kurz vor Beginn noch nicht vergeben. „In Berufungsverfahren an deutschen Universitäten werden sehr qualifizierte Bewerber ausgesucht“, sagt Hans Müller-Steinhagen, der Rektor der TU Dresden. „Aber wenn immer nur Nachfolger für vorhandene Professuren gesucht werden, die seit Jahrzehnten existieren, erschließen wir keine neuen wissenschaftlichen Gebiete.“

          Was bringt das eigentlich?

          Lars Koch ist einer der Open-Topic-Professoren und leitet seit kurzem einen eigenen Lehrstuhl mit sechs Mitarbeitern an der TU. Der 40 Jahre alte Medienwissenschaftler erforscht, wie sich unsere Wahrnehmung von Gefahren durch aktuelle Filme und Fernsehserien verändert. „Professuren haben sonst oft einen sehr engen Fokus. Von mir wird aber explizit gefordert, über mein eigenes Fach hinaus zu denken“, sagt Koch. Er schätzt deshalb den Austausch mit den Kollegen. „Hätte ich meinen Lehrstuhl an einer anderen Universität, würden hier Germanisten und Medienwissenschaftler arbeiten“, sagt Koch. „Hier sind meine direkten Kollegen Kultursoziologen, Historiker und Musikwissenschaftler. Und ich kann jederzeit die Kollegen an den anderen Lehrstühlen ansprechen.“

          Wenn die Medien in diesen Tagen über die Ukraine-Krise oder den Konflikt zwischen Israel und Palästina berichten, dann sind das für Lars Koch nicht bloß Nachrichten. Er denkt bei jedem aktuellen Krisenszenario auch darüber nach, ob er es für seine Summer School im kommenden Jahr nutzen kann. „Ich will mit Studenten darüber diskutieren, wie Konflikte funktionieren und wie man aus ihnen wieder rauskommt“, erzählt Koch. Die Summer School plant er zusammen mit seiner Kollegin, der Juristin Sabine Müller-Mall. Sie ist ebenfalls Open-Topic-Professorin an der TU Dresden.

          Was bringt das? Der Uni zum Beispiel viele Bewerbungen: Als sie die zehn Stellen im vergangenen Jahr ausschrieb, wurde sie mit Bewerbungen überhäuft. 1350 Kandidaten aus der ganzen Welt bewarben sich. Knapp jeder Zweite kam aus dem Ausland, 26 Bewerbungen gab es allein von der amerikanischen Eliteuniversität Harvard. Im Unterschied zu einem normalen Berufungsverfahren entschied nicht ein Gremium der Uni über die Auswahl der Bewerber, sondern eine externe Kommission. Darin arbeiteten unter anderen die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Margret Wintermantel, und der heutige Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner, mit. Je nach Fach und Schwerpunkt gibt es bei gewöhnlichen Berufungsverfahren zwischen zehn und 20, in seltenen Fällen auch mal bis zu 100 Bewerbungen pro Stelle.

          Das spezielle Auswahlverfahren ist teuer

          Das Auswahlverfahren in Dresden war allerdings auch teuer. „Es hat uns fast doppelt so viel gekostet wie ein normales Berufungsverfahren“, erzählt der Rektor Hans Müller-Steinhagen. Leisten konnte es sich die Uni nur, weil sie seit zwei Jahren zu den elf deutschen Exzellenzuniversitäten zählt und dadurch im vergangenen Jahr ein Budget von mehr als 135 Millionen Euro zusätzlich erhielt. Für die Lehrstuhlausstattung der Open-Topic-Professuren stehen in den nächsten beiden Jahren allein 20 Millionen Euro zur Verfügung. Alle Kandidaten haben einen eigenen Lehrstuhl mit vier bis sechs Mitarbeitern.

          Nach einer Vorauswahl anhand der schriftlichen Unterlagen lud die Uni 50 Kandidaten aus der ganzen Welt nach Frankfurt ein. In einem Konferenzraum am Flughafen führten sie Gespräche mit der Auswahlkommission. „Die Mitglieder wussten extrem gut über mich und meinen Werdegang Bescheid“, erzählt Lars Koch. „Das ist nicht in jedem Berufungsverfahren selbstverständlich.“ Alle Bewerber, die in die Endrunde kamen, lud die Uni für drei bis fünf Tage nach Dresden ein. Lars Koch hielt in dieser Zeit einen Vortrag über die Frage, wie die Bedrohung durch Stromausfälle in der Gesellschaft wahrgenommen wird. „Unter meinen Zuhörern waren auch Soziologen, Musikwissenschaftler und Historiker. Die haben natürlich andere Fragen gestellt, als Medienwissenschaftler es normalerweise getan hätten. Dadurch habe ich einen ganz neuen Blickwinkel auf mein Thema bekommen.“

          Trotz der Möglichkeit, neue Forschungsgebiete zu erschließen, kann sich Rektor Hans Müller-Steinhagen nicht vorstellen, dass die Open-Topic-Professuren das gängige Berufungsmodell künftig ersetzen: „Wir müssen natürlich dafür sorgen, dass wir die klassischen Fachgebiete abdecken, sonst kann der Lehrbetrieb nicht funktionieren. Aber wenn wir in den nächsten Jahren gute Erfahrungen mit den Open-Topic-Stellen machen, werden wir sicher künftig wieder einzelne Professuren offen ausschreiben.“

          Quelle: F.A.Z.

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