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Open Access Zurück in die Faxzeit

Von moderner Technik profitieren deutsche Studenten spät oder nie. Der Streit um den elektronischen Versand von Aufsätzen und den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur belegt das.

© Konstantin Shevtsov Vergrößern Die neue Zukunft der Fernleihe?

Der Aufsatz für die Hausarbeit in Politikwissenschaft kommt innerhalb weniger Stunden als E-Mail, per Fernleihe vom anderen Ende der Republik versandt. Wer die letzte Vorlesung vor der Klausur verpasst hat, holt sich das Material samt Videomitschnitt auf der Homepage des Instituts. Und innerhalb kurzer Zeit ist ein Exemplar des Buches da, das leider nur Bibliotheken in Amerika haben. Schöne neue Welt. Theoretisch könnte das Internet die Kultur des Lesens und Lernens an deutschen Hochschulen revolutionär verändern, mehr Wissen und Literatur zugänglich machen, den Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden verbessern (Wer hat Angst vor Open Access?). Könnte. Doch der Ist-Zustand sieht anders aus.

Das beste Beispiel: der Versand von wissenschaftlichen Aufsätzen per E-Mail. Was technisch seit einigen Jahren möglich ist, hat die Novelle des Urheberrechts im Januar 2008 verboten. Aufsatzkopien dürfen nun nicht mehr als elektronische Post versandt werden, sondern müssen als Papierkopie oder per Fax verschickt werden - egal, ob die Studenten sie in ihrer Universitätsbibliothek über den sogenannten innerbibliothekarischen Leihverkehr bestellen oder bei einem kommerziellen Dokumentenlieferdienst wie Subito. Der E-Mail-Versand ist nur dann erlaubt, wenn die Bibliothek eine Lizenz bei dem Zeitschriftenverlag erworben hat oder wenn dieser keine Online-Version des Aufsatzes zugänglich macht - eine ungenau formulierte Ausnahme, die die Unsicherheit der Bibliothekare eher verstärkt als verringert.

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NRW genießt elektronisch versandte Texte

In den meisten Bundesländern sind die Studenten freilich nie in den Genuss des elektronischen Versands gekommen; wohl aber in Nordrhein-Westfalen, dem Land mit der größten Hochschuldichte in der Republik. "Das neue Urheberrecht bedeutet für uns eine totale Veränderung der Lieferbedingungen", sagt Hans Ollig, der Leiter des Hochschulbibliothekszentrums des Landes. Von den rund 200.000 Aufsätzen, die die nordrhein-westfälischen Hochschulen im Jahr durchschnittlich verschicken, wurden vorübergehend knapp 90 Prozent den Bestellern als PDF-Dokumente direkt in ihre elektronischen Postfächer geliefert.

tresckow faxzeit © F.A.Z. - Tresckow Vergrößern

Vier Jahre ersparten die Hochschulen auf diese Weise nicht nur sich selbst viel Mühe und Kosten. Auch die Studenten sparten Zeit: Sie mussten nicht mehr in die Bibliothek gehen und die Aufsätze abholen, auf die sie statt drei oder vier Tagen nur noch drei bis vier Stunden warten mussten. "Die Lieferzeit verzögert sich jetzt enorm", sagt Hans Ollig. Denn alle Bibliotheken des Landes haben den E-Mail-Versand eingestellt. Ordert ein Student in Köln per Fernleihe einen Aufsatz aus einer Zeitschrift, die nur in Münster im Regal steht, muss nun dort wieder wie früher eine Papierkopie gemacht werden, die als Fax an die Universitätsbibliothek in der Domstadt verschickt wird. Dort sind Mitarbeiter abgestellt worden, die das Faxgerät bewachen, den Dokumentenschwall sortieren und den Nutzern des Fernleihsystems zuordnen.

"Das ist ein technischer Rückschritt. Wegen des neuen Urheberrechts müssen wir zehn Jahre zurückdenken", klagt Albert Bilo, der Direktor der Universitätsbibliothek Duisburg-Essen. Dieser Rückschritt vergällt den Studenten offenbar auch das Interesse an den in etwas entfernter liegenden Zeitschriften publizierten Inhalten: Um fast ein Viertel ist der nordrhein-westfälische Fernleihverkehr von Aufsätzen im Vergleich zu den Vorjahren geschrumpft. Kein Wunder, schließlich sind Texte und Grafiken auf einer Faxkopie oft deutlich schlechter zu lesen als auf einem PDF-Dokument. Sogar um 30 Prozent sind die Bestellungen nach Auskunft der Geschäftsführerin Traute Braun-Gorgon beim Dokumentenlieferdienst Subito zurückgegangen.

Studentischer Protest bleibt aus

Der erwartete Protest der Studenten gegen die Abstriche bei Qualität und Komfort blieb jedoch an vielen Hochschulen aus. "Die haben einige Tage gemeckert und sich dann gefügt", berichtet Albert Bilo über seine Kunden in Duisburg-Essen. Auch Hans Ollig vom Hochschulbibliothekszentrum sagt, er spüre statt Widerstand in erster Linie Resignation und Gleichgültigkeit.

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