Der Aufsatz für die Hausarbeit in Politikwissenschaft kommt innerhalb weniger Stunden als E-Mail, per Fernleihe vom anderen Ende der Republik versandt. Wer die letzte Vorlesung vor der Klausur verpasst hat, holt sich das Material samt Videomitschnitt auf der Homepage des Instituts. Und innerhalb kurzer Zeit ist ein Exemplar des Buches da, das leider nur Bibliotheken in Amerika haben. Schöne neue Welt. Theoretisch könnte das Internet die Kultur des Lesens und Lernens an deutschen Hochschulen revolutionär verändern, mehr Wissen und Literatur zugänglich machen, den Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden verbessern (Wer hat Angst vor Open Access?). Könnte. Doch der Ist-Zustand sieht anders aus.
Das beste Beispiel: der Versand von wissenschaftlichen Aufsätzen per E-Mail. Was technisch seit einigen Jahren möglich ist, hat die Novelle des Urheberrechts im Januar 2008 verboten. Aufsatzkopien dürfen nun nicht mehr als elektronische Post versandt werden, sondern müssen als Papierkopie oder per Fax verschickt werden - egal, ob die Studenten sie in ihrer Universitätsbibliothek über den sogenannten innerbibliothekarischen Leihverkehr bestellen oder bei einem kommerziellen Dokumentenlieferdienst wie Subito. Der E-Mail-Versand ist nur dann erlaubt, wenn die Bibliothek eine Lizenz bei dem Zeitschriftenverlag erworben hat oder wenn dieser keine Online-Version des Aufsatzes zugänglich macht - eine ungenau formulierte Ausnahme, die die Unsicherheit der Bibliothekare eher verstärkt als verringert.
NRW genießt elektronisch versandte Texte
In den meisten Bundesländern sind die Studenten freilich nie in den Genuss des elektronischen Versands gekommen; wohl aber in Nordrhein-Westfalen, dem Land mit der größten Hochschuldichte in der Republik. "Das neue Urheberrecht bedeutet für uns eine totale Veränderung der Lieferbedingungen", sagt Hans Ollig, der Leiter des Hochschulbibliothekszentrums des Landes. Von den rund 200.000 Aufsätzen, die die nordrhein-westfälischen Hochschulen im Jahr durchschnittlich verschicken, wurden vorübergehend knapp 90 Prozent den Bestellern als PDF-Dokumente direkt in ihre elektronischen Postfächer geliefert.
Vier Jahre ersparten die Hochschulen auf diese Weise nicht nur sich selbst viel Mühe und Kosten. Auch die Studenten sparten Zeit: Sie mussten nicht mehr in die Bibliothek gehen und die Aufsätze abholen, auf die sie statt drei oder vier Tagen nur noch drei bis vier Stunden warten mussten. "Die Lieferzeit verzögert sich jetzt enorm", sagt Hans Ollig. Denn alle Bibliotheken des Landes haben den E-Mail-Versand eingestellt. Ordert ein Student in Köln per Fernleihe einen Aufsatz aus einer Zeitschrift, die nur in Münster im Regal steht, muss nun dort wieder wie früher eine Papierkopie gemacht werden, die als Fax an die Universitätsbibliothek in der Domstadt verschickt wird. Dort sind Mitarbeiter abgestellt worden, die das Faxgerät bewachen, den Dokumentenschwall sortieren und den Nutzern des Fernleihsystems zuordnen.
"Das ist ein technischer Rückschritt. Wegen des neuen Urheberrechts müssen wir zehn Jahre zurückdenken", klagt Albert Bilo, der Direktor der Universitätsbibliothek Duisburg-Essen. Dieser Rückschritt vergällt den Studenten offenbar auch das Interesse an den in etwas entfernter liegenden Zeitschriften publizierten Inhalten: Um fast ein Viertel ist der nordrhein-westfälische Fernleihverkehr von Aufsätzen im Vergleich zu den Vorjahren geschrumpft. Kein Wunder, schließlich sind Texte und Grafiken auf einer Faxkopie oft deutlich schlechter zu lesen als auf einem PDF-Dokument. Sogar um 30 Prozent sind die Bestellungen nach Auskunft der Geschäftsführerin Traute Braun-Gorgon beim Dokumentenlieferdienst Subito zurückgegangen.
Studentischer Protest bleibt aus
Der erwartete Protest der Studenten gegen die Abstriche bei Qualität und Komfort blieb jedoch an vielen Hochschulen aus. "Die haben einige Tage gemeckert und sich dann gefügt", berichtet Albert Bilo über seine Kunden in Duisburg-Essen. Auch Hans Ollig vom Hochschulbibliothekszentrum sagt, er spüre statt Widerstand in erster Linie Resignation und Gleichgültigkeit.
Aber nicht alle Akteure resignieren. Im Gegenteil: Der Streit um den E-Mail-Versand hat die Open-Access-Bewegung, deren Anhängerschaft in Deutschland zusehends wächst, nachdrücklich gestärkt. Ihre Idee wird in Amerika und Großbritannien schon längst praktiziert: Viele wissenschaftliche Zeitschriften werden dort überhaupt nicht mehr als Papierversionen verlegt, sondern erscheinen ausschließlich als digitale Veröffentlichungen im Netz. Allerdings ist Open Access, der "freie Zugang", nicht umsonst: Die Universitätsbibliotheken zahlen zwar nicht mehr das Abonnement, beteiligen sich aber an der Verlegung im Internet. Die digitale Zeitschrift kostet also weiterhin Geld, auch wenn sie nie als gedrucktes Heft erscheint. Gewinner dieses Modells sind die Studenten: Kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr von meist weniger als 10 Euro können sie Dokumente aus dem Internet herunterladen und direkt damit arbeiten. So lässt sich die Literaturrecherche mit wenigen Klicks bewältigen.
"Open Access nützt dem Wissenschaftler und der Universität", fasst Gabriele Beger vom Deutschen Bibliotheksverband ihre Sicht der Dinge zusammen. Ein Vorzeigeprojekt der Bewegung ist die Public Library of Science, die Wissenschaftler der amerikanischen Eliteuniversitäten Berkeley und Stanford ins Leben gerufen haben. Sie veröffentlicht wissenschaftliche Aufsätze ein halbes Jahr nach ihrem Erscheinen frei zugänglich im Netz. Ob das Beispiel Schule macht? "Es gibt sehr renommierte Köpfe, die inzwischen den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur fordern", sagt zumindest Norbert Lossau, der Leiter der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. "Die Open-Acess-Bewegung ist klar auf dem Vormarsch", fügt Gabriele Beger vom Bibliothekenverband hinzu. Ihre Prognose ist deutlich: "Kopien sind ein sterbender Datenträger. Digitale Publikationen sind die Zukunft."
Doch das sehen nicht alle wissenschaftlichen Verlage so (FAZ.NET-Spezial: Die Debatte über Open Access). Zwar hat zum Beispiel der Springer-Verlag inzwischen einschlägige Pilotprojekte gestartet, viele kleine und mittelständische Verlage scheuen den Schritt zur Online-Veröffentlichung bislang aber. "Es bestehen erhebliche Zweifel, wo das Geld herkommen soll", erklärt Christian Sprang, der Justitiar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die Zurückhaltung der Verleger.
Die Verfechter der Open-Access-Idee halten dem entgegen, dass für Online-Publikationen genauso Verdienstmöglichkeiten bestehen wie für herkömmliche Drucksachen. Auch digitale Werke müssten schließlich in Form gebracht, korrigiert und redigiert und beworben werden. "Ein fünfzigseitiger Aufsatz kostet auch bei Open Access 1500 bis 2000 Euro", sagt Gabriele Beger, die auch die Universitätsbibliothek Hamburg leitet. Fünf Prozent der wissenschaftlichen Literatur sind nach ihrer Schätzung derzeit offen zugänglich. Wie sehr die Studenten von morgen tatsächlich von der Open-Access-Bewegung profitieren, hängt davon ab, ob namhafte wissenschaftliche Zeitschriften ins Netz wandern oder ob ihre Herausgeber sich weiter auf die Papierversion verlassen. Für die deutsche Hochschullandschaft ist der Streit um den E-Mail-Versand und Open Access allerdings symptomatisch. "Das sind beides Belege für ein grundsätzliches Problem: Es dauert viel zu lange, bis deutsche Bildungseinrichtungen auf technische Neuerungen reagieren", sagt Walter Kugemann, der das Institut für Lern-Innovation in Erlangen leitet.
Vorlesungen selten als Online-Video zugänglich
Für den allgemeinen Befund lassen sich viele konkrete Beispiele finden: Vorlesungen sind nur an wenigen deutschen Hochschulen auch als Online-Video zugänglich. Projekte wie der "Virtual Linguistics Campus" der Universität Marburg, wo Studenten über das Internet Scheine für ihr Studium erwerben können, ohne in eine einzige Veranstaltung gehen zu müssen, sind bislang die Ausnahme. Blogs und Wikis gelten als "nicht zitierfähig", virtuell betreut werden Studenten fast ausschließlich in einigen technischen Studiengängen.
Die Zugänglichkeit von Literatur aber könnte sich dank Open Access demnächst verbessern. Auch Subito wird womöglich bald wieder Dokumente online versenden: In diesem Frühjahr soll eine Vereinbarung mit der Verwertungsgesellschaft Wort getroffen werden, die die Lizenzverträge mit den einzelnen Verlagen ersetzen soll. Und für den E-Mail-Versand im innerbibliothekarischen Leihverkehr ringt die Kultusministerkonferenz mit der VG Wort. Die Studenten müssen sich gedulden: Die schöne neue Welt lässt noch ein wenig auf sich warten.
Freie Bildung
In Deutschland sind die Universitäten Konstanz, Bielefeld und Göttingen und die FU Berlin Vorkämpfer der „Open-Access“-Idee. Unterstützt wird ihr Projekt von allen großen deutschen Forschungsgesellschaften. Im Internet stellen sie ihr gemeinsames Projekt vor unter: www.open-access.net
