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Dienstag, 18. Juni 2013
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Open Access Mein Haus, mein Auto - mein erster Artikel

 ·  Wer in Internet-Journalen seine wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, zahlt Tausende Euro drauf. Was bringt das? Den Verlagen auf jeden Fall ein gutes Geschäft.

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So viel Geld, nur damit jemand einen 20 Seiten langen Text ins Internet stellt? Anfang Dezember hat Jenny Riecke ihren ersten eigenen Artikel bei einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift eingereicht. 1350 Euro muss ihr Institut für die Veröffentlichung zahlen - sofern der Text von der Zeitschrift angenommen würde. „Seltsam“, sagt die Doktorandin. Denn bislang dachte sie, dass eine Veröffentlichung zumindest kostenlos sei, da doch der Verlag später Geld mit seinen Zeitschriften verdiene.

Fast zwei Jahre arbeitete sie an dem Artikel, die erste Etappe auf dem Weg zur Promotion. Riecke promoviert im Fach Psychologie an der Universität Marburg Dort sind, wie an den meisten naturwissenschaftlichen Fakultäten, kumulative Dissertationen die Regel. Den Doktortitel gibt es nach zwei oder drei publizierten Artikeln, die eine konventionelle Monographie ersetzen.

Bis zu 3000 Euro für einen Artikel

Rieckes Institut kam sogar günstig davon. Bis zu 3000 Euro pro Artikel müssen Forscher löhnen, wenn sie ihre Ergebnisse in so genannten „Open-Access“-Journalen veröffentlichen (siehe Kasten). Open Access stellt die bisher übliche Publikationspraxis in der Wissenschaft auf den Kopf, denn jahrzehntelang mussten nicht die Autoren, sondern die Universitätsbibliotheken zahlen. Wie erfolgreich ein Journal war, bemaß sich an der Nachfrage durch Bibliothekare. Sie schlossen teure Abonnements ab, damit die Institute Zugang zu neuesten Forschungsergebnissen hatten. Hatte die Bibliothek kein Abo, mussten Wissenschaftler für Artikel etwa 30 Euro hinlegen.

Die meisten Zeitschriften, wie etwa das berühmte Naturwissenschaftsjournal „Nature“, verdienen ihr Geld auch heute noch mit Abos und Einzelverkäufen. Aber der Anteil der „Open Access“ -Titel wächst: Laut einer finnischen Studie wurden 17 Prozent der 1,66 Millionen Artikel, die 2011 auf den Markt kamen, in „Open-Access“-Journals veröffentlicht. Besonders in den Naturwissenschaften ist das Modell beliebt, da hier die Verbreitung neuer Ergebnisse, anders als in den Geisteswissenschaften, hauptsächlich über Artikel und nicht über Monographien geschieht. Und die Doktorarbeit als Buch zu veröffentlichen war auch schon früher teuer: Veröffentlichungskosten von 3000 Euro und mehr sind die Regel, da sich Dissertationen schlecht verkaufen.

Intressant ist, wie oft der Artikel zitiert wird

Doktoranden interessiert vor allem, wie oft ihr Artikel zitiert wird. Sie wollen sich einen Namen machen. Auch für Jenny Riecke gab letztendlich der sogenannte Impact-Factor den Ausschlag, der bei dem von ihr gewählten „Open-Access“-Journal „Trials“ relativ hoch war. Er gibt an, wie oft ein Artikel von Kollegen durchschnittlich zitiert wird. Einige Open-Access-Zeitschriften, wie das Physik-Journal „Living Reviews in Relativity“, sind ihren auf klassischem Weg vertriebenen Konkurrenten hier bereits überlegen.

“Qualität und Renommee einer Zeitschrift sind gerade für junge Forscher noch immer am wichtigsten“, sagt Johannes Fournier, der bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für das Thema Open Access zuständig ist. Die Autoren profitierten dank Open Access von einer besseren Sichtbarkeit - „auch außerhalb der Wissenschaftscommunity, da zum Beispiel mittelständische Unternehmen auf den Artikel zugreifen“. So werde der Artikel zu einer Visitenkarte gegenüber potentiellen Förderern. Norman Weiss von der Doktorandenvereinigung Thesis hingegen ist skeptisch. Er sagt, die Reputation von traditionsreichen, herkömmlichen Journalen sei in vielen Disziplinen besser. Der Impact-Factor sei ein Indiz unter vielen, der Ruf der Zeitschrift sei entscheidend.

Forschungsfinanziers wie die DFG, die in Deutschland den Großteil der Fördermittel verteilt, oder Institute der Max-Planck-Gesellschaft schreiben Wissenschaftlern inzwischen immer öfter vor, ihre Ergebnisse in „Open-Access“-Zeitschriften zu veröffentlichen. Was mit Steuergeldern bezahlt wurde, solle der ganzen Gesellschaft frei zur Verfügung stehen. „Für uns ist das die Zukunft“, sagt Johannes Fournier.

Open Access hilft auch den Universitäten. Sie ächzen seit Jahren unter steigenden Abo-Gebühren, während sich die Verlage über Renditen von bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes freuen. Laut einer amerikanischen Studie stiegen die Ausgaben der Uni-Bibliotheken für Zeitschriften-Abos von 1986 bis 2008 um fast 400 Prozent. Firmen wie Elsevier, Springer oder Blackwell Publishing geben Tausende Zeitschriften heraus, haben aber nur relativ wenig Mühe mit ihnen. Die Autoren bekommen kein Honorar, reichen ihre Artikel fertig formatiert ein, und die Qualitätskontrolle durch andere Wissenschaftler, das so genannte Peer Review, ist ehrenamtlich organisiert.

Verlage profitieren von der Abhängigkeit

Die Verlage profitieren also davon, dass Forscher von Veröffentlichungen in renommierten Zeitschriften abhängig sind. Je mehr Artikel in möglichst angesehenen Journals ein Wissenschaftler vorweisen kann, desto höher die Karrierechancen. Wissenschaftler sind dazu verdammt, ständig neue Artikel und Bücher zu produzieren, und die Verlage sind die Türwächter. Manche kassieren sogar doppelt: Verlage wie Springer bieten ihren Autoren die Möglichkeit, auch in konventionellen Journals via Open Access zu publizieren. Das ist das so genannte hybride Modell: In vielen Disziplinen funktionieren die renommiertesten Journale nämlich noch immer nach dem herkömmlichen Abo-Prinzip. Dort erscheint der bezahlte „Open-Access“-Artikel dann zusammen mit den unbezahlten - ist aber zudem kostenlos online zu haben. Der Verlag streicht also die Abo- und zusätzlich die Publikationsgebühr ein.

Die Verlage langen also zweimal zu und machen sich den Zwang vieler Forscher zu nutze, ihre Arbeit gleichzeitig frei zugänglich und an renommierter Stelle zu publizieren. „Wir haben mit diesem Angebot einfach auf die Nachfrage reagiert“, sagt Bettina Goerner, die bei Springer für Open Access zuständig ist. Doppelt absahnen würde Springer jedoch nicht. Laut Goerner senkt der Verlag die Abogebühr für eine Zeitschrift im Folgejahr um den Anteil an „Open-Access“-Artikeln, die veröffentlicht wurden.

Es gibt mittlerweile auch Zeitschriften, die auf hohe Gebühren verzichten. In manchen Disziplinen gründen sich internationale Forschervereinigungen und organisieren selbst die Auswahl, Begutachtung und Veröffentlichung von Artikeln - wie in einer Genossenschaft. Auch dubiose Geschäftsleute treten derweil auf. Sie locken Autoren mit niedrigen Gebühren und kurzen Wartezeiten, in ihren eigens gegründeten Journalen online zu publizieren. Für etwa 300 Euro veröffentlichten diese Journale „alles“, sagt Norman Weiss von Thesis. Und viele Spam-E-Mails kriegt der Kunde noch gratis dazu.

Open Access
  •  “Open Access“-Journale erscheinen in der Regel nur online. Die Artikel sind frei zugänglich. Es gibt auch Wissenschaftsjournale, die gegen Gebühr zusätzlich eine „Open-Access“-Veröffentlichung anbieten.
  • Die Gebühren erstattet für junge Forscher meist das Institut, an dem sie beschäftigt sind.
  • Dahinter steckt auch eine edle Idee: Forschungsergebnisse sind so kostenlos und schnell auf der ganzen Welt verfügbar, etwa in Entwicklungsländern.
  • Schon mehr als 250 Online-Journale ohne klare Qualitätsstandards hätten Geschäftemacher inzwischen gegründet, behauptet Jeffrey Beal, ein Bibliothekar in Colorado, in seinem Blog.
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