05.06.2011 · Gleichheit der Forschungsverhältnisse: In Kürze wird der Öffentlichkeit eine Deklaration europäischer Spitzenuniversitäten zu „Open Access“ vorgestellt. Es gibt Forderungen, die unbedingt einzulösen sind.
Von Hans-Jochen SchiewerDie Open-Access-Debatte ist im Kreis der europäischen Forschungsuniversitäten nicht nur angekommen: Sie ist jetzt auch Thema eines Strategiepapiers (LERU Roadmap Towards Open Access), das in Kürze der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird. Einundzwanzig europäische Spitzenuniversitäten haben sich 2002 zur League of European Research Universities (kurz LERU) verbunden. Hierzu gehören Universitäten wie Oxford und Cambridge, Leiden, Leuven und Lund, aber auch drei deutsche Universitäten: Freiburg, Heidelberg und München. Es geht dabei nicht vorrangig um Urheber- und Verwertungsrechte oder vermeintliche Verlagsmonopole, sondern um den unbeschränkten, ortsunabhängigen Zugang zu wissenschaftlicher Erkenntnis weltweit.
Open Access wird als die neue Publikationsform des digitalen Zeitalters in Verbindung mit der Hauptaufgabe forschungsintensiver Universitäten gesehen, Wissen und Innovation zu erzeugen und zu verbreiten. Eine Aufgabe dabei ist es auch, auf Hürden aufmerksam zu machen, die der Verbreitung von Wissen hinderlich sind. Hürden dieser Art sind gerade auch in den traditionellen Publikationsformen wissenschaftlicher Ergebnisse zu sehen. Eine zentrale Aufgabe forschungsintensiver Universitäten besteht darin, diese Hürden abzubauen.
Keine „provinzielle“ Perspektive
Die Idee des Open Access entspricht ganz den traditionellen Werten und Zielen akademischen Arbeitens, das auf Kollegialität, dem Austausch von Ideen und Ergebnissen, der gemeinsamen Suche nach Erkenntnis und der Verbreitung von Wissen zum Wohle der Gesellschaft insgesamt beruhen. Erst das digitale Zeitalter ermöglicht einen gemeinsamen freien Zugang zu wissenschaftlicher Erkenntnis und zu Forschungsdaten, wie er zuvor unter den Bedingungen des Druckzeitalters nicht denkbar war. Entscheidend dabei ist die Auswirkung dieses neuen Instruments auf die Entwicklung einer Gesellschaft, die den Leitbegriffen von Open Scholarship und Open Knowledge verpflichtet ist.
Wenn es um die gesellschaftliche Rolle der Spitzenuniversitäten und deren globale Verantwortung geht, darf keine „provinzielle“ Perspektive die Open-Access-Debatte bestimmen: Die Reduzierung dieses Themas auf Verwertungsrechte, Publikationskosten, Verlagsmonopole und Fremdsteuerung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen geht an der Bedeutung des Themas vorbei. Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit verfügen historisch erstmals über die Option, Wissensbestände und Erkenntnisfortschrift nicht nur abhängig vom Bücherbestand und Budget wissenschaftlicher Bibliotheken zugänglich zu machen, sondern barrierefrei, ortsunabhängig, weltweit.
Kosten ungleich verteilt
Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen ist nicht mehr privilegiert, ist nicht mehr wohlstandsabhängig, sondern nur noch abhängig von den individuellen Kompetenzen der Nutzer. Die WHO verweist nicht umsonst darauf, dass in den Entwicklungs- und Schwellenländern mehr als die Hälfte der Universitäten und Forschungseinrichtungen aus Kostengründen nicht über die führenden internationalen Fachzeitschriften verfügen. Volkswirtschaftlich dürfte der freie Zugang zu aktuellen Forschungsergebnissen - in Europa und weltweit - daher zweifelsohne einen Mehrwert erbringen, der die Kosten weit übersteigt.
Gleichwohl sind die Kosten ungleich verteilt. Wissenschaftliche Informationssysteme und Universitätsbibliotheken auf Open Access umzustellen ist vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Vorteile eine politische Aufgabe. Es geht um die Transformationskosten, es geht um Qualitätssicherung, und es geht um die Anerkennung der neuen Publikationsform im wissenschaftlichen Wettbewerb. Wenn nur europäische Spitzenuniversitäten die Forschungsergebnisse frei zugänglich in digitalen Bibliotheken zur Verfügung stellen (Grüner Weg) oder dafür bezahlen, dass ihre Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihre Forschungen für jedermann frei zugänglich publizieren können (Goldener Weg), dann müssen gleichzeitig alle Fachzeitschriften weiterhin abonniert bleiben und teuer bezahlt und verwaltet werden. Die Universitäten dürfen damit nicht allein gelassen werden.
Daraus leiten sich notwendige Forderungen ab, die einzulösen sind:
1. Die offensive Etablierung von Strategien der Open-Access-Publikation darf seitens der großen europäischen Wissenschaftsorganisationen nicht nur gefordert werden, sondern muss auch in den wettbewerblichen Verfahren um Forschungsgelder als gleichwertig anerkannt werden. Die Wissenschaftsorganisationen, die Forschungsförderung mit der Forderung nach Open Access verbinden, sind aufgerufen, bei Bewertung von Anträgen und Forscherpersönlichkeiten Publikationen im Open-Access-Format die gleiche Anerkennung zukommen zu lassen wie traditionellen Publikationsformen in traditionell hochrangigen Zeitschriften - solange die Qualitätssicherung (Peer Review) gegeben ist.
2. Die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung in unterschiedlichen Wissenschaftskulturen (Geistes- vs. Natur- und Technikwissenschaften) bedarf der Beachtung: Das Nebeneinander bedeutet aber auch höhere Kosten, die systemimmanent so lange bereitgestellt werden müssen, bis der Umstellungsprozess vollzogen ist.
3. Es geht nicht um das Verschwinden des Verlagssystems, sondern um die Garantie, dass Wissen und Innovation, das in öffentlich-rechtlich und/ oder gemeinnützig geförderten Wissenschaftsinstitutionen erarbeitet wird, auch barrierefrei zugänglich gemacht wird. Dazu bedarf es der Kooperation mit den Verlagen, deren verlegerische Kompetenz unverzichtbar ist.
4. Deshalb unterstützen die europäischen Spitzenuniversitäten generell die Politik, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Mittel an die Hand zu geben, um im qualitätsgesicherten und verlegerisch besetzten Umfeld Open Access zu publizieren. Zeitgleich bedarf es des Betriebs digitaler Bibliotheken in den Universitäten, in denen Forschungsergebnisse nach Qualitätsprüfung frei verfügbar gemacht werden. Der Aufbau dieser Strukturen bedarf zusätzlicher, substantieller finanzieller Förderung.
Richtig bleibt und ist, dass aus Sicht der führenden europäischen Forschungsuniversitäten Open Access der richtige Schritt zu einem wirklich offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen und wissenschaftlicher Erkenntnis ist. Wissenschaftliche Bibliotheken im traditionellen Sinn sind zwar frei zugänglich, bieten aber keinen offenen, ortsunabhängigen und jeder Zeit möglichen Zugang. Gäbe es Open Access nicht nur als Forderung, sondern auch als realisierte Struktur des Wissenstransfers weltweit, bestünde Chancengleichheit für alle Forscherinnen und Forscher im Wettbewerb um die Lösung der wissenschaftlichen Probleme der Gegenwart und Zukunft. Allerdings besteht eine gesamtpolitische Verantwortung, die Open-Access-Publikation mit entsprechenden Investitionen und Subventionen zu verbinden, damit die Universitäten in die Lage versetzt werden, tatsächlich einen Paradigmenwechsel vollziehen und finanziell realisieren zu können. Die europäischen Spitzenuniversitäten sind bereit dazu: Es geht um die Vision einer neuen Qualität wissenschaftlicher Kommunikation, nicht um Stereotypien des Open Access.