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Onlinekurse für Flüchtlinge : Studenten aus der Ferne

Grundlagen lernen: Online-Deutschkurs an der FH Lübeck Bild: FH Lübeck

Wenn Flüchtlinge in Deutschland studieren wollen, gibt es hohe Hürden. Beim Fern- oder Online-Studium sieht das oft anders aus - aber die Chance hat ihren Preis.

          Sie haben sich richtig Mühe gemacht dort in Lübeck. Das kann jeder sehen, der die neue Homepage „Integration.oncampus.de“ öffnet: Rolf Granow lächelt den Internetnutzern entgegen und begrüßt sie persönlich per Videobotschaft. Granow ist eigentlich Maschinenbau-Professor an der Fachhochschule Lübeck. Aber er ist auch E-Learning-Beauftragter, verantwortlich für die Fernstudiengänge, die seine Hochschule ebenfalls anbietet. Granow hat eine ganz aktuelle Mission: Er will akademisch interessierte Flüchtlinge unter seine Fittiche nehmen. Er hat sein etwas deutsch akzentuiertes Englisch ausgepackt, sich vor die Kamera gesetzt und auch noch einen Arabisch-Übersetzer hinzugeholt, um seine Botschaft rüberzubringen: Herzlich willkommen!

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Hinter Bemühungen wie dieser steht eine Erkenntnis, die sich derzeit nicht nur in Lübeck verbreitet: Fernstudiengänge können für studierwillige Flüchtlinge eine gute Alternative sein. „Offene, niederschwellige Formate, ein flexibles Lerntempo, flexible Lernzeiten und -orte und Kurse, die sich zum Teil sogar auf dem Smartphone abrufen lassen - all das kommt der Zielgruppe entgegen“, sagt der Fernstudienexperte Markus Jung, der eine Ratgeber-Plattform zum Thema betreibt. „Viele Flüchtlinge, die derzeit ins Land kommen, wollen studieren. Aber für sie gibt es hohe Hürden.“

          Die gelten zwar zum Teil für Fern- und Präsenzstudium gleichermaßen. Um sich einzuschreiben, braucht es meist übersetzte und anerkannte Zeugnisse; außerdem müssen die jungen Leute in der Regel ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen und eine vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geprüfte Schutzwürdigkeit. Das Präsenzstudium ist für Flüchtlinge aber noch mit weiteren Hürden verbunden - und die kann ein Fernstudium abmildern: Viele Neuankömmlinge haben nur vorübergehende Unterkünfte in Deutschland, Umzüge stehen ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit bevor. Manche wissen nicht, ob Deutschland für sie nur ein Transitland sein wird, ob ihr Asylverfahren positiv ausgeht oder sie wieder abgeschoben werden. Ein geregelter Alltag ist für Flüchtlinge oft noch schwierig, sie müssen Behördengänge machen und Deutschkurse absolvieren, kurz: ihr tägliches Leben organisieren. „Da ist nicht immer Platz für feste Stunden im Hörsaal und strikte Abgabetermine“, sagt Markus Jung. Hinzu komme: „Ein begonnenes Fernstudium lässt sich häufig von überall auf der Welt fortsetzen. Selbst die Prüfungen kann man meist an Goethe-Instituten, Auslandshandelskammern oder Botschaften ablegen.“

          Wenig Papierkram

          Die Fernhochschulen werden sich ihrer Vorteile zunehmend bewusst und beginnen sich auf die neue Klientel einzustellen. An der FH Lübeck etwa gibt es nun zwei betreute Online-Fernkurse, die sich explizit an die Zielgruppe der Flüchtlinge richten. „Marketing und empirische Sozialforschung“ heißt der eine Kurs, „Start-up Management“ der andere. Die Studiensprache ist Englisch, der Zugang denkbar einfach: Wer auf die Website geht, registriert sich selbst online, ein Nachweis von Zeugnissen oder Aufenthaltsgenehmigungen ist nicht erforderlich. Die Angebote starten beide im neuen Jahr, eines im Januar, eines im April, weitere Kurse sollen folgen. „Studiengebühren gibt es nicht, die Anzahl der Studenten in den Kursen ist auch nicht nach oben begrenzt“, sagt die für die Lernplattform zuständige Koordinatorin Linda Wulff. Am Ende können Flüchtlinge eine Prüfung machen und ECTS-Punkte erwerben, die sich für Bachelor-Studiengänge nutzen lassen, etwa für BWL oder Wirtschaftsingenieurwesen.

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