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Offene Onlinekurse Die Avatare rechnen mit

 ·  Offene Online-Kurse bieten Zugang zu Wissen, das sonst nur in Stanford oder Harvard gelehrt wird. Man braucht dafür nur einen Internetanschluss. Und Disziplin. Ein Selbstversuch.

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© Peter von Tresckow Vergrößern

Mein neuer Lehrer heißt Sebastian. Sein Avatar ist hellblau, einäugig mit rosa Beinen und roten Scherenhänden. Ständig sehe ich seine rechte Hand, vor allem den Zeigefinger und den Daumen, die den obligatorischen schwarz-grauen Folienstift halten. Und natürlich kenne ich seine Stimme mittlerweile sehr gut, das schnelle, manchmal sich verhaspelnde Englisch mit der kleinen Nuance deutschem Akzent im Hintergrund.

Sebastian hat mir beigebracht, was lineare und nichtlineare Daten sind und wie ein Scatterplot funktioniert. Gerade erklärt er mir das Bayes-Theorem. Wir sind in Lektion zehn des Kurses „Einführung in die Statistik“. Sebastian ist Sebastian Thrun, ein bekannter Professor der Stanford-Universität. Berühmt wurde der in Deutschland geborene Informatiker vor allem durch seine Gründung des Forschungslabors Google X und durch seine Entwicklung eines fahrerlosen Autos. Jetzt hat er das Thema Bildung für sich entdeckt. Gerade zeichnet seine Hand schnelle Diagramme auf diverse Unterrichtsfolien. Nicht etwa auf einem Overheadprojektor in einem amerikanischen Hörsaal. Sondern direkt bei mir zu Hause auf dem Bildschirm meines Laptops, abends auf dem Sofa, während nebenher die Tagesschau läuft.

160.000 Studenten aus 200 Ländern der Welt

Sebastian Thrun, mein berühmter Professor, ist so etwas wie der Vater eines Phänomens, das sich „MOOCs“ nennt. Besser gesagt: einer von mehreren Vätern und der wohl bekannteste. MOOCs - das ist die Abkürzung für „Massive Open Online Courses“. Das Prinzip: Hochschullehrer stellen mit Hilfe von Videos, Quiz, Foren und Blogs die Inhalte von Vorlesungen online, diskutieren sie im Netz mit ihren Studenten und bieten eine Ausgangsplattform, damit Kommilitonen über die Inhalte sprechen und gemeinsam lernen können. Statt hohe Studiengebühren zu zahlen, harte Auswahltests zu bestehen und hinterher zu fester Zeit an festem Ort zu lernen, öffnen MOOCs jedem Interessierten die Tür zu einem Teil des Wissens, das ansonsten nur den Studenten von Eliteuniversitäten vorbehalten ist. Einzige Voraussetzung: ein Internetanschluss.

Offene Online-Kurse gibt es eigentlich schon lange, doch waren sie in der Vergangenheit oft Computerfreaks und Fans von Spezialwissen vorbehalten. Erst Sebastian Thruns Geschichte sorgte für einen regelrechten Hype: Thrun, damals noch als lehrender Stanford-Professor aktiv, stellte im Herbst 2011 seine Vorlesung über künstliche Intelligenz ins Internet. Nach und nach erschienen immer weniger seiner 200 Studenten zur Vorlesung. Der Kurs im Netz sei praktischer, so lautete die Rückmeldung, die Videos könne man mehrfach ansehen und die Aufgaben in Zusammenarbeit mit der Netzgemeinde besser lösen. Warum noch im Hörsaal aufkreuzen? Stattdessen explodierte die Zahl der Online-Hörer: 160.000 waren es schließlich, aus 200 Ländern auf der ganzen Welt. So motiviert, gründete Thrun gemeinsam mit drei Kollegen „Udacity“, eine virtuelle Lernplattform, die mittlerweile 18 verschiedene Kurse anbietet - und immer mehr Konkurrenten auf den Plan ruft.

Handgeschriebene Rechnungen und ungelenke Zeichnungen

Dabei ist es keineswegs hohe Videokunst, die Udacity im Netz vollführt. In meiner Statistikvorlesung kommt nicht viel mehr vor als handgeschriebene Rechnungen und ungelenk gezeichnete Skizzen von X- und Y-Achsen. Das Ganze begleitet von Worten und garniert mit einer anklickbaren Übung. Die Beispiele sind anschaulich: Wir berechnen, wie viel man bei bestehenden Häuserpreisen für ein Eigenheim investieren sollte, oder schauen uns an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Mensch an Krebs erkrankt, falls ein bestimmter Test positiv ausfällt. Das können gute Statistiklehrbücher auch. Was sie nicht können: Zwischendurch fragt uns der einäugige blaue Dozenten-Avatar: Was denkt Ihr über die Lektion zum Bayes-Theorem? Zu schwer? Zu leicht? Während der Professor offen über den eigenen Unterricht sinniert, liefert die Netzgemeinde Dutzende Anregungen. Für die meisten inhaltlichen Fragen im Forum wird der Dozent gar nicht erst gebraucht: Die Studenten helfen sich gegenseitig. „Ihre Beiträge sind oft besser als meine Lektionen“, sagt Thrun.

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