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Ökologisches Jahr Grünes Sprungbrett

 ·  In den Wald statt in die Universität: Viele Jugendliche entscheiden sich nach der Schule erst einmal für das freiwillige ökologische Jahr. Das verschafft Zeit und hilft später der Karriere.

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© Cornelia Sick / F.A.Z. Vergrößern Waldschulen: Beliebt bei Kindern und Freiwilligen

Noch ist es kalt. Schnee liegt zwischen den Kiefern am Forsthaus Dreilinden, unweit des ehemaligen „Checkpoints Bravo“, des alten Grenzkontrollpunkts Drewitz/Dreilinden. Hier steht die kleine Waldschule, ein uriges Holzhaus mit Bollerofen, in dem Malin Oser ihr freiwilliges ökologisches Jahr absolviert. Täglich kommen Schulklassen aus der Stadt und wollen etwas über den Wald und seine Bewohner wissen. Drei Freiwillige und eine Umweltpädagogin haben alle Hände voll zu tun. „Der Winter ist da gar nicht so schlecht“, sagt Malin Oser. Man könne sehr gut die Spuren der Tiere im Schnee erkennen oder einfach eine Schneeballschlacht machen. Wichtig sei, dass die Kinder ein Gefühl für die Natur entwickelten. Rehe, Wildschweine, Dachse, sogar Mufflons leben im Zehlendorfer Wald. „Die Kinder finden es toll, draußen zu sein und durch den Wald zu pirschen“, sagt die 19 Jahre alte Oser, die selbst sehr gern wandert. Als sie nach dem Abitur nicht so recht wusste, wo es langgehen sollte, hat sie sich in der Waldschule beworben. Ein bisschen war sie auch müde von all der Theorie, und ehe es damit weitergehen sollte, hatte sie Lust auf etwas Praktisches.

Das freiwillige ökologische Jahr (FÖJ) bietet den Jugendlichen viele Möglichkeiten und wird immer beliebter. Gerade laufen die Bewerbungen für das Projektjahr ab 1. September. „Wir haben in Berlin drei Träger mit gut dreihundert Stellen, aber die Anzahl der Bewerber ist sechs- bis achtfach so hoch“, erklärt Bernd Kuhlmann, Projektleiter der Stiftung Naturschutz in Berlin. Doch wer großes Interesse habe, für den finde sich eine Möglichkeit.

Breit gefächertes Angebot

Bundesweit sind es jährlich 2700 Plätze, wo Jugendliche im FÖJ tätig sein können. Einsatzmöglichkeiten gibt es rund um die Tier-, Pflanzen- und Landschaftspflege, in der Umweltpädagogik, im technischen Umweltschutz, aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit und der Analyse. Das Angebot ist breit gefächert. So können die Freiwilligen in einer Fahrradwerkstatt arbeiten, im Institut für Meteorologie oder in der Redaktion einer Umweltzeitung. „Beliebt sind bei uns auch immer die Einsatzstellen mit Tieren. Wir haben Plätze im Tierpark Neukölln oder im Tierhof Marzahn“, sagt Andrea Köcher, Geschäftsführerin der Vereinigung Junger Freiwilliger. Hoch im Kurs stehen auch die Waldschulen. Die Umweltbildung, Arbeit mit Kindern, stehe ganz weit oben auf der Beliebtheitsskala. Wer später in einem pädagogischen Beruf arbeiten möchte, erwirbt dabei beste Voraussetzungen. 90 Prozent der Teilnehmer werden danach sofort in ein Studium oder einen Arbeitsplatz vermittelt.

Das FÖJ ist Ländersache, man bewirbt sich direkt bei den Trägern, möglichst im ersten Quartal des Jahres. Ein späterer Einstieg ist jedoch nicht ausgeschlossen: Man kann sich auf eine Warteliste setzen lassen, da manche Bewerber im Sommer die Zusage für einen Studienplatz erhalten. Dann werden Plätze für Nachrücker frei. Zu den Bewerbungsunterlagen gehören: ein Bewerbungsanschreiben, der tabellarische Lebenslauf und eine Kopie des letzten Zeugnisses. Schon im Vorfeld sollte man sich mehrere Stellen aussuchen. „Wer drei bis vier konkrete Einsatzstellen nennt oder sich bei mehreren Trägern bewirbt, hat natürlich eine bessere Chance“, sagt Bernd Kuhlmann. Auf der Internetseite des Bundesarbeitskreises Freiwilliges Ökologisches Jahr sind alle Träger nach Bundesländern aufgelistet, dort kann man sich direkt bewerben: www.foej.de

Etwa vierzig Stellen gibt es auch im Ausland, sie werden vom Bund Rheinland-Pfalz, FÖJ Wattenmeer und von den Ökologischen Freiwilligen Diensten Koppelberg betreut. Die Teilnehmer müssen zwischen 16 und 26 Jahre alt sein. „Wichtiger als die Schulnoten sind uns Motivation und Zuverlässigkeit“, sagt Köcher. Wer lediglich von seinen Eltern geschickt werde oder in der Schule 30 unentschuldigte Fehltage habe, bleibe chancenlos. 70 Prozent der Bewerber sind Abiturienten. Es werden aber Teilnehmer aller Abschlüsse ausdrücklich aufgefordert, sich zu melden.

Was viele Realschüler nicht wissen: Auch ohne Supernoten ist es mit einem freiwilligen ökologischen Jahr später möglich, einen Ausbildungsplatz in den Traumberufen wie Pferdewirt, Tierpfleger oder tiermedizinische Fachangestellte zu bekommen. Bei der Stiftung Naturschutz Berlin wird sogar auf eine Quotenregelung geachtet. „Wir bemühen uns, besonders Kinder aus Zuwandererfamilien mit ins Boot zu holen“, sagt der Projektleiter. Wer schon vorher irgendwo ehrenamtlich tätig war, in einer Sportgruppe oder im Chor, hat bessere Chancen.

Taschengeld für Unterkunft und Verpflegung

Das Programm umfasst zwölf Monate, mindestens jedoch sechs Monate. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 39 Stunden. Der jeweilige Träger übernimmt die Sozialversicherung und zahlt ein Taschengeld für Unterkunft und Verpflegung von insgesamt 355 Euro, dabei wird das Kindergeld weiterhin gewährt.

Außer der praktischen Arbeit gibt es noch fünf einwöchige Seminare. Dabei können sich die Teilnehmer mit anderen Freiwilligen über Themen wie Globalisierung und Umwelt, Klimaschutz oder Meeresökologie austauschen. Es werden Workshops, aber auch Exkursionen angeboten. Unter dem Motto „Outdoor statt Online“ geht es mit dem Paddelboot nach Polen oder auf eine Wanderung ins Wattenmeer.

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