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Notenvergabe In beiderseitigem Einvernehmen

 ·  Sind Biologiestudenten schlauer als ihre Kommilitonen in Jura? Oder sind ihre deutlich besseren Noten einfach ungerecht? Eine Studie fand viele verschiedene Einflüsse auf die Notenvergabe in deutschen Universitätsprüfungen.

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© ddp Freude über den Abschluss. Aber sind die Noten deutscher Studenten gerecht?

Mit den politischen Erwartungen an die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems wächst das gesellschaftliche Misstrauen, dass es diesen nicht gerecht wird. Die Gewissheit, dass man ohne Bildung nichts erreicht, wird von zu wenig Sicherheit aufgefangen, es mit Bildung auf jeden Fall zu schaffen. Diese ständige Unzufriedenheit wird genährt von Bildungsexperten, die stets und überall das unheilvolle Hineinspielen sozialer Kräfte in Schule und Hochschule bemängeln.

Zur Stützung dieser Überzeugung wird bevorzugt die Bildung als ein sozusagen „kontextfreier Reinraum“ imaginiert, um dann mit Entsetzen festzustellen, dass auch dieser mit „Sozialem“ kontaminiert ist. Natürlich gibt es in der Gesellschaft Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unvernunft jeder Art, aber doch um Gottes willen nicht in den Betrieben der öffentlichen Wissensvermittlung!

Die Utopie von einer Note, die exakt der Leistung entspricht

Etwa ein Hochschulabschluss: Dieses Spitzenprodukt unserer Bildungsanstalten sollte doch das Ergebnis einer gänzlich kontextfreien Notenvergabe und damit ein Musterbeispiel an Transparenz und Gerechtigkeit sein. Entspräche die Note exakt der Leistung, gäbe es keinen Einfluss eines sozialen Kontextes. Gewahrt blieben damit in der Notenvergabe auch die Gebote von Zusammenhang und Abstand. Zusammenhängen müssen Note und Leistung, gewahrt werden muss in der Notenvergabe aber auch der Abstand zwischen dem Leistungsfähigen und den Schwächeren.

Der Wissenschaftsrat klagte 2007 wie schon in den Jahren davor, dass an den deutschen Hochschulen weder das eine noch das andere gelänge. Der Ruf des Gremiums nach mehr Transparenz und Differenzierung bei der Notenvergabe erhielt seine Dringlichkeit vor dem Verdacht, die beanstandete Inflation der guten Noten habe weniger mit der tatsächlichen Leistungsfähigkeit der Studenten als mehr mit der Großzügigkeit des Lehrpersonals zu tun.

Die Noten werden vom „Kontext“ bestimmt

Jedenfalls legt eine Studie der Soziologen Volker Müller-Benedict und Elena Tsarouha zur Notenvergabe an deutschen Unis nahe, dass der Zusammenhang von Note und Leistung selbst überprüft werden muss (“Können Examensnoten verglichen werden? Eine Analyse von Einflüssen des sozialen Kontextes auf Hochschulprüfungen“, Zeitschrift für Soziologie, Heft 5,/2011). Die Zahlen für diesen Verdacht entstammen der seit 1992 erhobenen Hochschulprüfungsstatistik, in der jedes Examen an einer deutschen Universität erfasst wird.

Die Studie untersuchte daraus den Zeitraum 1995 bis 2007, also insgesamt 24 Semester. Tatsächlich sind die Einflüsse dieses „Kontextes“ zahlreich: Da gibt es andere Noten je nach Zusammensetzung des prüfenden Gremiums – Staatsexamina fallen durchweg schlechter aus als Diplomprüfungen. Manche Fächer neigen teils zu merkwürdig guten Noten (Biologie), teils zu notorisch schlechten (Jura). Und selbst zwischen den Universitäten zeigen sich hartnäckige Unterschiede der Notenvergabe im gleichen Fach.

Diplomprüflinge werden härter benotet als Examenskandidaten

Man kann bei diesen „Notenkulturen“ wohl ausschließen, dass deren Unterschiede etwas mit ebenfalls systematischen Begabungsunterschieden der Studenten zu tun haben. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass etwa in Biologie im Gegensatz zur Medizin die weniger guten Studenten schon alle vor dem Examen aufgeben und darum nur die Besten übrigbleiben.

Aufschlussreicher sind da schon die besagten Differenzen zwischen Staatsexamen und Diplomprüfungen. Die Daten zeigen, dass Diplomprüfungen zu besseren Noten führen als ein Staatsexamen im gleichen Fach. Externe Prüfer, wie sie bei Letzteren Vorschrift sind, prüfen anscheinend objektiver als das Personal der eigenen Fakultät. Könnte man das schon als ein Indiz werten für eine Praxis der Wiedergutmachungsprüfungen?

Es regiert der „disengagement contract“

Es ist, wie gesagt, nur eine These dieser Studie, die sich anhand dieser Daten nicht endgültig belegen lässt. Aber es ist nicht auszuschließen, dass Lehrende und Lernende unter dem Dauerdruck von Evaluation, Überfüllung und Zeitmangel zum Abschluss eines heimlichen „disengagement contract“ getrieben werden. Man kommt intern überein, voneinander weniger zu erwarten, als man müsste, nähme man die Erwartungen tatsächlich ernst, die von außen gestellt werden. Also etwa vom Wissenschaftsrat.

Ergänzt man aber dessen Forderung nach der Ausnutzung der gesamten Notenskala um den politischen Ruf nach immer mehr Hochschulabsolventen, dann sollte man auch zugeben, dass man mehr schlechte Abschlüsse und damit auch immer mehr Hochschullehrer mit schlechten Schülern will.

Das ließe sich intern vielleicht noch durchhalten, wenn wirklich jeder akademische Abschluss wertvoller wäre als alle anderen berufsqualifizierenden Zeugnisse. Es braucht aber nicht viel Soziologie für die Vermutung, dass sich das überforderte Personal der deutschen Hochschulen vor diesem Schwur lieber in den Entlastungsvertrag der guten Noten flüchtet. Man muss es dann aber auch den Methoden der Wirtschaft überlassen, die Fußnoten zu den Noten zu entziffern und so vielleicht den wahren Wert eines Zeugnisses und damit vielleicht sogar der Leistungsfähigkeit seines Besitzers zu entdecken.

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