Home
http://www.faz.net/-gyq-14rlf
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Night of the Profs Professor Dr. DJ

24.12.2009 ·  Mehr und mehr Professoren beteiligen sich an einer ganz besonderen Art von Studentenparty: In der so genannten „Night of the Profs“ stellen sich Hochschullehrer für ihre Studenten an den Plattenteller. Das soll gut für die Kommunikation sein. Ein bisschen Uni-Marketing ist auch dabei.

Von Nadine Bös
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Der Discjockey mit dem Künstlernamen „D. Jockey“ steht auf einem Podest hoch oben über der Tanzfläche. Genaugenommen steht er nicht, er bewegt sich wie ein Go-go-Girl im Takt der Musik. Die Lippen singen mit: „Ein Stern, der deinen Namen trägt ...“ Der halbkahle Kopf unter den riesigen Kopfhörern nickt und wippt, den Studenten auf der Tanzfläche gefällt's. In einem ausgelassenen Moment lupft D. Jockey seinen lila-weiß-geringelten Pulli und zeigt seinen nackten Bauch. Szenenapplaus.

DJ D. Jockey heißt mit bürgerlichem Namen Hans-Joachim Appell, ist 57 Jahre alt und hat zuvor noch nie aufgelegt. Zu seiner Premiere sind 1300 Partygäste in die Kölner Live Music Hall gekommen. Es ist Donnerstagabend, 22 Uhr, die Fete fängt gerade erst an. Bis vier Uhr nachts werden sie hier durchfeiern, in der Woche danach wird sich DJ D. Jockey zurückverwandeln in Prof. Dr. Dr. Appell. Dann wird er in der Kölner Sporthochschule Bücher und Brille auspacken und vor denselben Studenten, die jetzt unter ihm tanzen, seine Anatomie-vorlesung halten.

„In der Vorlesung ist der wer weiß wie trocken“

Dass sich Professoren für ihre Studenten an die Plattenteller stellen, ist kein allein auf Köln beschränktes Phänomen: Eine „Night of the Profs“ gibt es in diesem Semester in vielen Studentenstädten, unter anderem in Münster, Oldenburg, Rosenheim und Dresden. „Das soll die Beziehung zwischen Studenten und Professoren verbessern“, sagt Daniel Henle aus dem Allgemeinen Studierenden-Ausschuss der Kölner Sporthochschule, der die Veranstaltung in der Live Music Hall mit organisiert hat. „Wir wollen unsere Professoren mal außerhalb des Hörsaals sehen, mal über andere Dinge quatschen.“

Der Plan geht auf. „Ich finde das richtig cool“, sagt Partygast Martin Schlensker, der an einem Stehtisch lehnt, ein Kölsch trinkt und seine Profs beobachtet. „Endlich sieht man die mal außerhalb der Vorlesung“, sagt er. „Zu vielen hat man ja sonst gar keine persönliche Bindung. Und bei manchen bin ich echt überrascht, dass sie sich darauf eingelassen haben.“ Statistikdozent Uwe Hoffmann ist so eine Überraschung. „Ich hätte nie gedacht, dass der hierherkommt“, sagt Schlensker. „In der Vorlesung ist der wer weiß wie trocken.“ Ganz ablegen lässt sich das nicht: Wie Hoffmann an der Theke vor seinem Bier sitzt, auf seinen Auftritt wartet und immer wieder beteuert, dass er „ganz bestimmt kein Lampenfieber hat“ - man nähme es ihm kaum übel, ginge er wieder nach Hause.

Die Beatles und das knallrote Gummiboot

Warum sich mehr und mehr Professoren als Feten-DJs hergeben? Eventmanager Gerd Krohn, der die „Night of the Profs“ organisiert, gibt eine einfache Antwort. „Das ist Marketing für die Unis. Das macht schick, sympathisch, menschlich.“ Am Anfang habe er hauptsächlich mit Studentenvertretungen zusammengearbeitet. „Inzwischen treten immer öfter die Universitätsverwaltungen an mich heran, weil sie Interesse an solchen Veranstaltungen haben.“

Auf dem DJ-Podest hat inzwischen Wilhelm Schänzer Position bezogen. Der Chef des Instituts für Biochemie und Anti-Doping-Experte ist der wohl prominenteste Professor, der an diesem Abend hier auflegt. Passend zu seinem Fach hat er sich den Namen „DJ Epo“ verpasst. „Ich hab' zu Hause erst mal meinen Sohn um Rat gefragt“, bekennt er. „Der hat leider nur gesagt, dass man Leute über 40 gar nicht ans Pult lassen sollte.“ So kramte Schänzer selbst in seiner Sammlung, sortierte die Klassik-CDs aus und nahm alles mit, was er für halbwegs tanzbar hielt. Nach den Beatles und „Let's have a party“ lässt er „Ich hab ein knallrotes Gummiboot“ aus den Lautsprechern schallen. „Das Schlimmste was passieren kann, ist doch, dass sie mich auspfeifen“, sagt er, grinst und drückt erst mal den falschen Knopf. Es knackst und knarzt, aber irgendwann ist das knallrote Gummiboot wieder da. Die Studenten tanzen, als sei nichts gewesen. Niemand pfeift.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel