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Veröffentlicht: 19.07.2017, 15:21 Uhr

Neuer Forschunsschwerpunkt Mit religiösen Differenzen umgehen

Ein neuer Forschungsschwerpunkt an der Frankfurter Goethe-Uni untersucht das Verhältnis von Judentum, Christentum und Islam zu religiöser Vielfalt. In Zeiten ständiger Meldungen über Terror und Anschläge ist das so aktuell wie selten.

von Astrid Ludwig
© Klein, Nora Christian Wiese

Plötzlich ist Religion auch in Europa gelegentlich wieder eine Frage auf Leben und Tod. Kaum ein Monat vergeht ohne Meldung über Terror und Anschläge radikalisierter Gruppen oder Einzeltäter auf dem Kontinent. In welcher Form akzeptieren die großen Weltreligionen die Meinungen Andersgläubiger, sind sie überhaupt fähig zu Dialog und Konsens, oder führt Monotheismus unweigerlich zu Gewalt? „Religiöse Positionierung“ im Judentum, Christentum und Islam, darum geht es im neuen interdisziplinären Forschungsschwerpunkt an der Frankfurter Goethe-Uni, wo fast 40 internationale Wissenschaftler im Juli ihre Arbeit aufgenommen haben.

Der Verbund der Frankfurter und Gießener Universität wird vom Land Hessen im Rahmen seiner Exzellenzinitiative „Loewe“ für vier Jahre mit rund 4,5 Millionen Euro finanziert. Beteiligt sind zahlreiche Institutionen wie der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Jüdische Gemeinde Frankfurt, das Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt, das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und das Zentrum für Islamische Studien.

Die Forscher nehmen das Thema von einer neuen Seite in den Blick. Nicht die Suche nach der harmonisierenden Überwindung von Gegensätzen steht im Fokus. Vielmehr gehen die Wissenschaftler davon aus, dass Religionen grundsätzlich Position beziehen und somit konfliktträchtig sind. „Einwanderungsländer müssen sich auf mehr Pluralität, religiöse Differenzen und auch Ängste einstellen, aber das muss nicht immer grundsätzlich negativ sein“, sagt Christian Wiese, Sprecher des Forschungsverbundes und Inhaber der Martin-Buber-Professur für jüdische Religionsphilosophie an der Goethe-Uni.

„Mehr als ein Projekt im Elfenbeinturm“

Welche Chancen, welche Vielfalt oder welche Widerstände bergen diese religiösen Positionierungen? „Das wollen wir in verschiedenen interdisziplinären Projekten durchspielen“, sagt Wiese. Beteiligt daran sind Philosophen, Theologen, Religionswissenschaftler, Ethnologen, aber auch die Soziologen und Erziehungswissenschaftler. 20 neue Forscher, darunter auch Post-Docs oder Promovierende aus Israel, Syrien und den Vereinigten Staaten, werden an dem Forschungsverbund bis 2020 mitarbeiten.

„Das ist mehr als ein Projekt im Elfenbeinturm“, sagte Melanie Köhlmoos, Professorin für Evangelische Theologie, während der Auftaktveranstaltung des Loewe-Schwerpunktes an der Goethe-Universität. „Wir wollen öffentliche Debatten anstoßen, ein Forum für Diskussionen bieten“, ergänzt Wiese. Geplant sind 13 Projekte mit teils historisch-kulturwissenschaftlichen Bezügen, aber auch aktuellen sozialwissenschaftlichen Aspekten. „Unsere Forschung ist sehr nach außen gerichtet. Wir sind nicht nur Bücherschreiber“, betont der Professor für jüdische Religionsphilosophie. Ein Projekt wird sich beispielsweise mit den Möglichkeiten und Grenzen des Dialogs mit Salafisten befassen.

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Dabei geht es insbesondere um Fragen der Radikalisierung und die ausgeprägte Salafistenszene in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet. Ein anderes Vorhaben thematisiert den Islamunterricht und die Identität junger Musliminnen. Christian Wiese selbst will sich Fragen der innerjüdischen Pluralität widmen und der Frage nachgehen, wie mit den unterschiedlichen Strömungen im Judentum umgegangen wird.

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Ein weiteres Thema wird die religiöse Kritik am Kapitalismus sein, die Emotionsforschung, und wie etwa christliche Missionare durch andere Kulturen oder Begegnungen in ihrer Positionierung beeinflusst wurden. „Die Vielfalt ist unsere Stärke“, sagt der Sprecher des Forschungsverbundes.

Für jedes Jahr sind Themenschwerpunkte geplant. 2018 wird das der religiöse Pluralismus sein, 2019 soll es um Religion und Gewalt gehen. „Das interessiert die meisten“, vermutet Wiese. Vorgesehen sind Konferenzen, Ringvorlesungen, Ausstellungen sowie Podiumsdiskussionen und Tagungen. Gleichgewichtig soll für alle drei Religionen ein öffentliches Forum geschaffen werden. „Wir stehen in engem Kontakt mit den jeweiligen Gemeinden, mit jüdischen, evangelischen oder katholischen Akademien, mit islamischen Wissenschaftlern oder auch der Universität in Tel Aviv“, so Wiese.

„Dabei wird nach vier Jahren sicherlich nicht das eine eindeutige, exemplarische Modell zum Dialog als Ergebnis herauskommen. Das gibt es nicht.“ Aber der Forschungsverbund will das Potential der Religionen und deren Möglichkeiten aufzeigen, mit Vielfalt und Differenzen umzugehen. Ganz konkret wird es dazu Unterrichtsmaterial für den Schulunterricht und auch Stoff für Vorlesungen geben. „Wir wollen Orientierung bieten“, sagt Wiese.

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