So harmlos können Revoluzzer aussehen. Mit seinen sorgsam gescheitelten grauen Haaren, seiner schmucklosen Brille und dem bodenständig nordrhein-westfälischen Ton in der Stimme ginge Oliver Vornberger glatt als unverdächtiger Studienrat auf dem routinierten Weg zur Pension durch. In Wirklichkeit aber ist er Professor am Institut für Informatik der Universität Osnabrück - und seine Ideen für eine bessere Lehre dürften viele Hochschullehrer in Deutschland vor den Kopf stoßen. Denn anstatt über den ausufernden Gebrauch von Facebook und Twitter seitens der Studenten zu klagen, die sich dank drahtloser Netzwerke in vielen Hörsälen gerne während trockener Vorlesungen im Internet tummeln, macht sich Vornberger das Netz zunutze. Und anstatt mit bedauerndem Kopfschütteln über gesunkene Aufmerksamkeitsspannen und Lesefähigkeiten zu jammern, liefert er seinen Studenten den Lehrstoff häppchenweise als Video auf ihr iPhone oder auf eine Facebook-Seite, wo sie mit Gleichgesinnten in Echtzeit darüber chatten können.
Drei Bausteine hat Vornberger zusammen mit den Technik- und Didaktikprofis vom Osnabrücker Zentrum für Informationsmanagement und virtuelle Lehre, das unter dem schönen Namen „Virtuos“ firmiert, entwickelt. Als „Autorensystem zur Erstellung von multimedial angereicherten Lehrmaterialien“ bezeichnen sie das Programm Media-2-Mult, das Kernstück der Osnabrücker Lehrrevolution. Hinzu kommen das Programm Virt-Presenter, ein System zur Aufzeichnung von Vorlesungen, und ein sogenanntes Classroom-Quiz, mit dem Dozenten spielerisch überprüfen können, ob ihre Studenten in der Vorlesung mitkommen oder nicht: Nach dem Mutiple-Choice-Prinzip von „Wer wird Millionär?“ stehen vier mögliche Antworten auf eine Frage zum Lehrstoff zur Auswahl, mit dem Mobiltelefon können die Studenten im Hörsaal auf A, B, C oder D setzen. Die Daten werden per Bluetooth übermittelt, im Handumdrehen ist ein Säulendiagramm berechnet, das die Verteilung der Antworten auf die mehr oder weniger sinnvollen Optionen zeigt. „Das kann man als Spielerei abtun oder nicht“, sagt Vornberger. „Aber jedenfalls sind zumindest für ein paar Minuten alle im Hörsaal bei der Sache.“ Dieser Pragmatismus ist typisch für seinen Ansatz, und er hat ihm den mit 50.000 Euro dotierten „Ars legendi“-Preis eingebracht, mit dem der Stifterverband für die Wissenschaft jedes Jahr einen didaktisch besonders engagierten Hochschullehrer auszeichnet.
Zentraler Kritikpunkt ist das Betreuungsverhältnis
Der Stifterverband verleiht diesen Preis seit dem Jahr 2006, die Diskussion über die mangelnde Qualität der Lehre an Deutschlands Hochschulen wird schon länger geführt. Zentraler Kritikpunkt ist dabei das Betreuungsverhältnis: Auf einen Professor kommen in Deutschland im Durchschnitt fast 65 Studenten. Nicht einmal die Hälfte der Dozenten wiederum wirken nach dem Eindruck der von der Konstanzer AG Hochschulforschung befragten Studenten in ihren Vorlesungen und Seminaren gut auf ihr Thema und ihre Zuhörer vorbereitet. Manche Professoren lesen in ihren Veranstaltungen immer noch wie in alten Zeiten Skripte oder gar Bücher vor. Solange die Hochschule ein Refugium für privilegierte Sprösslinge bildungsbürgerlicher Familien war, hatte das keine schwerwiegenden Folgen. Inzwischen aber lautet das bildungspolitische Ziel, 40 Prozent eines jeden Jahrgangs an Universitäten und Fachhochschulen zu lotsen. Damit möglichst viele von ihnen auch einen Abschluss machen und die Abbrecherquote von derzeit durchschnittlich 20 Prozent - in manchen Fächern sogar knapp 40 Prozent - sinkt, sind nach Ansicht vieler Experten andere Lehrformen nötig.
Aber kann der Einsatz der neuen Medien, wie Oliver Vornberger ihn praktiziert, die Lage wirklich verbessern? Als der Professor aus Osnabrück seine Methoden vor kurzem auf einer Tagung des Deutschen Hochschulverbandes über Lern- und Lehrformen vorstellte, reagierte das Publikum mit einer Mischung aus Faszination und Skepsis. Vornberger hat selbst zwei Söhne im studierfähigen Alter und kann deshalb aus eigener Anschauung berichten, um den Unterschied zwischen den Generationen möglichst sanft zu überbrücken. „Den iTunes-Store kennen Sie vermutlich nicht“, kommt er seinen Zuhörern entgegen. „Ihre Kinder aber umso besser. Die können sich dort unsere Daten herunterladen, Pudelmütze und Kopfhörer aufsetzen und die Informatik-Vorlesung dann im Zug anschauen.“ Die Nachfrage ist groß: Zur Premiere dieses Angebots im vergangenen Wintersemester war der Osnabrücker Uni-Server überfordert, weil nicht nur die 200 Hörer aus dem Informatikstudium, sondern auch noch 1000 weitere Nutzer aus ganz Deutschland darauf zugriffen.
Geänderte Lerngewohnheiten
Vornberger hat noch Erstaunlicheres zu berichten. „Statt am Samstagabend vor einer Prüfung ,Wetten, dass...' zu schauen, liegen die Studenten auf dem Sofa und spielen auf ihrem iPhone zur Vorbereitung noch einmal die einschlägigen Vorlesungen ab.“ Die Zwanzigjährigen seien eben von klein auf daran gewöhnt, einen großen Teil ihres Wissens visuell, über das Fernsehen, zu beziehen, und auf diese geänderten Lerngewohnheiten gehe er ein. Eigentlich, findet er, sei das eine Selbstverständlichkeit - weil Studenten die Kunden der Hochschule seien, die von ihr die Dienstleistung Bildung abrufen.
Den Streit darüber, ob das tatsächlich die richtige Auffassung von akademischer Bildung ist, überlässt Vornberger anderen. Lieber arbeitet er daran, Media-2-Mult einfacher bedienbar zu machen. „Das Programm baut Grafiken, Videos und Formeln in Internetseiten ein und stellt automatisch sowohl PDF- als auch HTML-Dateien her; alles, was die Dozenten brauchen, ist ein Laptop mit einem Internetbrowser.“ Die Software ist als Open-Source-Anwendung frei verfügbar und inzwischen sogar schon an mehr als 30 Schulen im Landkreis Osnabrück im Einsatz. Aber auch darüber hinaus ist das Projekt schon aufgefallen: Für ihre Initiative zum Einsatz neuer Medien in der Lehre hat sich die amerikanische Renommieruniversität Berkeley neben großen Namen wie Cambridge und der ETH Zürich auch einen deutschen Partner ausgesucht - die Uni Osnabrück.
Nicht nur die 20 jährigen...
Howard Solo (HS76)
- 04.12.2009, 11:58 Uhr
