Dem Dekan kam es seltsam vor. Trotzdem genehmigte er den Pilotversuch am Lehrstuhl für Kommunikationssysteme an der Uni Freiburg. „Er hat gesagt: ,Wenn Sie sich das zutrauen, dann machen Sie das doch'“, erzählt Konrad Meier, einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Lehrstuhls. Meier wollte eine Klausur auf dem iPad schreiben lassen. Nur vier Wochen später tippten und wischten sich 30 Studenten durch die Klausur. Die Geräte und die dazugehörige Testsoftware lieh sich die Universität bei einem externen Anbieter, denn „so schnell bastelt man sich ja keine eigene Prüfsoftware“. Sowohl der Lehrstuhl als auch die Studenten waren mit dem Pilotversuch zufrieden: „Es gibt wahnsinnige Möglichkeiten, die man auf dem Papier einfach nicht hat“, sagt Meier. Er meint damit zum Beispiel hochauflösende Grafiken, in denen seine Studenten mit der Fingerspitze die richtige Struktur markieren sollten, oder die Videosequenz, zu der Meier Fragen stellte.
Fünf Minuten nach dem Ende der Klausur standen die Ergebnisse fest. „Sie müssen vorher nur definieren, welche Antworten die richtigen sind, und dann rechnet der Computer das automatisch aus“, sagt Meier. Für die Betreuung der Klausur benötigte er nicht nur weniger Personal zum Auswerten und Korrigieren. Auch während der Prüfung wurden weniger Aufpasser gebraucht, die die Studenten am Abschreiben hinderten. Zwar müssen alle dieselben Fragen beantworten; doch gibt die Software diese in unterschiedlicher Reihenfolge aus. Abgucken funktioniert also nicht.
Technische Hilfsmittel oder Auslöser einer tiefen Veränderung?
Die iPad-Klausur der Uni Freiburg ist nur ein Beispiel von vielen für den Einsatz moderner Kommunikationsmittel an deutschen Hochschulen. Mobile Endgeräte sind inzwischen nicht mehr nur technische Hilfsmittel, die das Lernen erleichtern. Für viele Fachleute sind sie der Auslöser einer tiefgreifenden Veränderung hin zur Hochschule der Zukunft. Durch sie entstehen an vielen Universitäten neue Lern- und Lehrkonzepte. Die Hochschulen verlangen von ihren Studenten mit Twitter-Walls, Livestreaming und Videokonferenzen mehr Beteiligung und Rückmeldungen.
Die neuen Lehrinstrumente machen Seminare und Vorlesungen aber nicht überflüssig - ganz im Gegenteil. Doch steht nicht mehr die Vermittlung von Wissen, sondern der Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden im Vordergrund. Und im Kampf um Fördergelder und Studenten kann die intelligente Nutzung des mobilen Internets zum Wettbewerbsvorteil werden.
Das sieht auch die Uni Kassel so. Sie arbeitet seit dem vergangenen Wintersemester mit dem E-Klausur-Center, einer Software, die auf Tabletcomputern und Laptops läuft und die klassische Papierklausur ersetzt. Dafür hat die Uni 200 iPads angeschafft und sie an die Studenten verliehen. Mit Programmen wie „Co-create Your Exam“ werden die Studenten bei der Entwicklung von Klausuren um ihre Mithilfe gebeten.
Fragen vom Professor per iPad
In Vorlesungen, in denen das iPad eingesetzt wird, können die Professoren mit Programmen wie „Peer Discussion“ den Austausch der Studenten fördern und gleichzeitig ihren Wissensstand abfragen. „Die Professoren stellen auf dem iPad eine Frage“, erklärt Christiane Borchard, Leiterin des Servicecenters Lehre an der Uni Kassel. „Die Studenten müssen dann zuerst ihren Sitznachbarn überzeugen, dass ihre Antwort die richtige ist. Erst im zweiten Schritt verschicken sie das Ergebnis an den Professor“, erklärt Borchard. Der Einsatz von „Peer Discussion“ in der Vorlesung führe dazu, dass weniger falsche Antworten gegeben würden.
Für viele Veranstaltungen der Uni Kassel gibt es inzwischen auch einen Video-Livestream. Bislang nehmen nach Angaben von Borchard jedoch nur 20 Prozent der Studenten von außerhalb an den Veranstaltungen teil. „Die persönliche Präsenz des Lehrenden kann man eben doch nicht ersetzen“, sagt sie und gerät ins Schwärmen, wenn sie an die Möglichkeiten denkt, die sich dank Tabletcomputern und Smartphones böten: „Damit brechen wir endlich die Einwegkommunikation auf. Die Lehre orientiert sich viel mehr an den Studenten und ihrem Lernprozess.“
Vom „Bild des dozierenden Professors lösen“
„Der Einsatz von iPads und anderen Tabletrechnern ist ein logischer Schritt für die Hochschule, sich der veränderten Lebenswelt der Studierenden anzunähern“, sagt Jan Marco Leimeister, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der Uni Kassel, der mit dem Tabletcomputer lehrt. In diese Annäherung investieren die Hochschulen viel Geld. 500.000 Euro hat zum Beispiel die Uni Kassel bislang für die iPads, die Entwicklung des E-Klausur-Centers und andere Lernplattformen ausgegeben. Marktführer für Online-Systeme an Hochschulen in Deutschland ist Cisco Systems - ein Konzern mit 71.000 Mitarbeitern mit Sitz im kalifornischen San José. „Wir bedienen 85 Prozent aller Hochschulen in Deutschland“, sagt Thomas Mierschke, Managing Director bei Cisco Systems in Deutschland. Sein Unternehmen arbeitet daran, Videokonferenzen in HD-Qualität anzubieten und Softwaresysteme zu entwickeln, die unabhängig vom Gerät sind, mit dem auf sie zugegriffen wird - so dass es keinen Unterschied mache, ob sich ein Student mit einem iPhone, einem Blackberry, einem iPad oder einem Android-Handy in das Netzwerk seiner Hochschule einlogge.
Nach Mierschkes Worten erfordere der Wandel aber, dass sich die Lehrstühle vom „Bild des dozierenden Professors lösen“. „Die Bereitstellung von Informationen geht so schnell, dass ich als Lehrender mehr Zeit für das Wesentliche habe“, sagt Mierschke. Für die Studenten werde das Lernen praktischer: Sie könnten von unterwegs nachschauen, wie viele Plätze in der Bibliothek noch frei seien; es mache nichts, wenn sie einmal eine Veranstaltung verpassten, und wer Scheu habe, im Hörsaal vor 500 Kommilitonen eine Frage zu stellen, könne dem Professor eine Nachricht bei Twitter schreiben.
Etliche Professoren sehen die Entwicklung kritisch
Nicht alle Professoren sind von den neuen Entwicklungen begeistert. „Wir sollten diese Medien wirklich dafür nutzen, wofür sie gemacht sind“, sagt Thomas Kirchenkamp, Hochschulmanager der Wilhelm-Büchner-Hochschule in Darmstadt, der auf iPad-Klausuren verzichtet. Ulf Claesson, Professor an der ETH Zürich, ging in einem Interview mit einem Hochschulmagazin noch weiter: „Das Ganze ist eine völlige Hysterie. Es handelt sich beim iPad um ein schlechtes Gerät, das ohne sinnvolle Anschlussmöglichkeiten in einem geschlossenen System funktioniert. Wenn jemand Geltungsbedürfnis hat, soll er sich so ein Gerät kaufen, aber es kann nicht Aufgabe einer Universität sein, ein solches Gerät zu pushen.“
Claesson glaubt, dass sich das Lernen an den Hochschulen nur dann wirklich verändert, wenn die Hochschulen mit einem System arbeiten, das von allen Geräten erreichbar ist. Er schätzt aber das Internet als Lehrinstrument. „Ich habe das schon einige Male erlebt, dass mich meine Studenten herausgefordert haben, weil sie online waren und Sachen gefunden haben, die meinen Ausführungen widersprochen haben.“ Die Kommentare, die ihm seine Studenten twitterten, integriere er in seine Vorlesungen. Das sei heute schon in vielen Hörsälen üblich.
Auch in Fernunis
Mobiles Lernen ist auch für Fernuniversitäten ein wichtiges Thema. So hat die SRH Riedlingen zum 1. März einen „Mobile MBA“ begonnen. Die Studienmaterialien werden online zur Verfügung gestellt, die Studenten können mit jedem Betriebssystem darauf zugreifen. Die Professoren erstellen Podcasts und Filme, um ihre Lehrinhalte verständlicher zu machen. „Dafür haben wir ein ganzes Filmstudio selbst eingerichtet“, sagt Wolfram Behm, Leiter des Studiengangs. Auch die Professoren der indischen Partnerhochschule liefern Videos und Podcasts.
ahhja
Viktor G (Nofan)
- 03.05.2011, 09:43 Uhr
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Gerd Larscheid (glarscheid)
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