21.11.2008 · Das praxisferne Pauken hat Generationen angehender Ärzte verzweifeln lassen. Jetzt stellen immer mehr Reformmodelle das Medizinstudium vom Kopf auf die Füße. Endlich mehr Praxisbezug.
Von Ruth Neumann und Sebastian BalzterBologna? Nein, danke. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge, mit der ihre Kommilitonen in anderen Fächern zu kämpfen haben, spielt für Medizinstudenten in Deutschland bislang keine Rolle. Eine Richtlinie des Europarates regele seit 1993 die Vergleichbarkeit der Abschlüsse und damit die Freizügigkeit von Medizinern, argumentiert etwa die Bundesärztekammer, ein Hauptziel des Bologna-Prozesses sei damit schon erreicht. Und die Reform der Ausbildung, die habe man ja selbst längst in die Hand genommen. Nicht Bologna, sondern die neue Approbationsordnung ist hier das Zauberwort.
Was nach ermüdender Lektüre klingt, hat seit 2002 vielerorts das Medizinstudium vom Kopf auf die Füße gestellt. "Wir brauchen mehr Praxisbezug schon in den ersten Semestern", nennt Leo Steinmeyer die studentische Dauerforderung, die jetzt nach und nach erfüllt wird. Sie selbst ist in Marburg für Humanmedizin eingeschrieben und Mitglied im Studienausschuss der medizinischen Fakultät. Während früher viele Studenten erst im elften oder zwölften Semester mit Patienten in Kontakt kamen, setzen inzwischen fast alle Hochschulen auf integrative Modelle.
Immer am konkreten Fall
Als die Berliner Charité und die private Universität in Witten-Herdecke (lesen Sie über das Wittener Medizinmodell: Näher dran sein ) ihre Reformstudiengänge entwickelten, waren sie noch Pioniere; inzwischen gehen auch die TU Dresden, die Medizinische Hochschule Hannover, die RWTH Aachen, die Universität zu Köln und die Universität Heidelberg eigene Wege in der Ausbildung. Aber auch in Marburg, wo kein solches Modell angeboten wird, haben neue Lehrmethoden Einzug gehalten. Im "Skills Lab" können die Studenten seit diesem Semester den Umgang mit Simulationspatienten, eigens geschulten Schauspielern, üben (lesen Sie dazu Medizinerausbildung: Simulanten hinter Spiegelglas). "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Steinmeyer, die seit fünf Semestern an der Lahn studiert. Weitere Punkte auf den studentischen Wunschlisten sind nicht nur dort das sogenannte problemorientierte Lernen oder "bedside teaching" sowie die Einrichtung von Trainingszentren. Die Inhalte der Einzelfächer, das vereint die Ansätze, sollen nicht mehr getrennt voneinander gepaukt, sondern am konkreten Fall angewandt und verstanden werden. So soll das Studium wieder attraktiver werden. Die Wende ist offenbar überfällig, denn schon jetzt fehlt es auf dem Land an niedergelassenen Ärzten und an vielen Hochschulen an forschenden Medizinern.
Ein weiterer Kritikpunkt aus der Vergangenheit: Die einst so raren Übungsmöglichkeiten sollen vervielfacht werden. In Heidelberg haben sich die Anatomen zu diesem Zweck etwas Besonderes einfallen lassen. Die Medizinausbildung der traditionsreichen Hochschule belegt in den einschlägigen Ranglisten regelmäßig Spitzenplätze, doch ein guter Ruf trägt sich nicht von selbst. Das "Heidelberger Curriculum Medicinale" und in Deutschland bislang einzigartige Einrichtungen wie der "virtuelle Präpariersaal" halten ihn frisch. Auf dem Gelände der medizinischen Fakultät auf dem "Neuenheimer Feld", wo die Mauern grau an grau beisammenstehen und im Herbstregen wenig einladend wirken, ist davon zwar zunächst wenig zu ssehen. Doch in Gebäude 307, dessen Fensterscheiben einen Blick in Übungsräume mit Skeletten und Kunststoffmodellen von menschlichen Körperteilen erlauben, ist die Innovation zu Hause.
„Eben noch schnell zwei Leichen aufsetzen“
"Die Kurse sind überfüllt. Deshalb musste ich eben noch schnell zwei Leichen aufsetzen", sagt Sara Doll, die den virtuellen Präpariersaal zusammen mit ihrem Kollegen Frederik Giesel vor einem Jahr ins Leben gerufen hat und als wichtige Ergänzung zum normalen Präparieren ansieht. "Die Studenten müssen innerhalb weniger Monate ungeheuer viel Lernstoff aufnehmen", berichtet sie. "Später, während der Klinik, müssen sie das Wissen dann praktisch anwenden können." In der ersten Sitzung des Wintersemesters sollen die Teilnehmer per Computertechnik vertiefen und wiederholen, was sie von ihrer praktischen anatomischen Arbeit schon kennen.
So einfach die Idee im Prinzip ist, so komplex ist die Computertechnik, auf der ihre Umsetzung basiert. Die Spezialsoftware stellt einzelne Körperteile auf der Grundlage von Röntgenaufnahmen, Computertomographien und anatomischen Schnittbildern - das sind sezierte und verglaste Körperteile - auf dem Bildschirm dar. Ein paar Mausklicks eröffnen so die etwas gruselige Welt des Sezierens, virtuell zwar, aber doch faszinierend echt. Hier wird die Hand eines anonymen Patienten plötzlich dreidimensional und Stück für Stück auseinandergenommen: Zunächst verliert sie ihre Haut, die Gefäße werden sichtbar. Dann tauchen Knochen auf, nach und nach verschwinden die übrigen Bestandteile des Körperteils: Fingernägel, Gewebe, Gefäße, alles wird Schicht für Schicht abgetragen, bis nur noch das reine Knochengerüst übrig ist. So kann noch das kleinste Knöchelchen freigelegt werden, als ob das Anatomiebuch vor dem Betrachter läge. Und wenn mal etwas schiefgeht, ist das kein Problem. Denn virtuell lässt sich jeder Arbeitsschritt leicht rückgängig machen. Was auf dem Bildschirm seziert wurde, kann überdies dank einer speziellen Drucktechnik als Kunststoffmodell reproduziert werden. Solche Modelle werden konventionell unter hohem Arbeitsaufwand manuell hergestellt. Hier spuckt sie der Drucker aus, ein Klick genügt.
„Einen Traum gibt es schon“
In Deutschland ist dieses Verfahren zumindest in der Lehre bislang ein Unikat. "In den Vereinigten Staaten gibt es schon länger entsprechende Kooperationen", berichtet Frederik Giesel. "Hierzulande hat das aber außer uns noch niemand umgesetzt." Giesel schreibt der eingesetzten Technik nicht nur didaktisches, sondern auch öffentlichkeitswirksames Potential zu. "Einen Traum gibt es schon", verrät er. "Einen virtuellen Präpariersaal in einem Glaspavillon mitten in der Stadt, für jedermann zugänglich."
Was künftig also zu einem etwas fragwürdigen Sonntagsvergnügen werden könnte, erfreut sich werktags unter den Studenten schon großer Popularität. Obwohl der Kurs freiwillig ist, haben sich rund 70 Erstsemester angemeldet. "Das ist wirklich sinnvoll zur Wiederholung", begründet Andrea Bamann, eine von ihnen, ihre Teilnahme. "Hier lernen wir noch einmal, mit Schnittbildern umzugehen, Computertomographien zu verstehen und Strukturen zu erkennen. Durch die Dreidimensionalität auf dem Bildschirm wirkt alles so realistisch."
Medizinische Ausbildung
Theodor Tirilomis (tirilomis)
- 21.11.2008, 20:23 Uhr