06.10.2007 · Sturmfest und erdverwachsen sind die Niedersachsen, so singen sie es selbst in ihrer Hymne. Als Standort für innovative Technologien hingegen muss sich das Land noch selbst entdecken. Die Ideen-Expo in Hannover ist eine Chance dazu.
Von Sebastian BalzterBei Christian Wulff hat es funktioniert. Der Ministerpräsident hätte fast seinen Kopf in den zylindrischen Wassertank gesteckt, so sehr schienen ihn der darin erzeugte Wirbel und der von dessen Kräften abwärts gedrückte grüne Ball zu interessieren. „Das Modell zeigt, wie viel Kraft in Tornados steckt“, erläutert Professor Dieter Etling vom Institut für Meteorologie und Klimatologie der Universität in Hannover, die das Experiment für die an diesem Samstag beginnende Ideen-Expo an ihrem Stand auf dem Messegelände der Niedersachsen-Kapitale aufgebaut hat.
Mit 200.000 Besuchern im Deutschen Pavillon rechnen die Initiatoren – die niedersächsischen Unternehmerverbände, das Land Niedersachsen und die IHK Hannover – bis zum kommenden Wochenende. Insgesamt sind rund 250 Exponate und Aktionen aus der Welt der Natur- und Ingenieurwissenschaften zu betrachten, ausgestellt von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Schülergruppen. Vor allem an Schüler und Schulabgänger richtet sich die Veranstaltung auch – sie sollen sich hier von Mathematik und Informatik, von Technik und Naturwissenschaften begeistern lassen. Denn Niedersachsen braucht qualifizierten Nachwuchs – der Mangel an Ingenieuren ist, so das Ergebnis eines aktuellen Forschungsberichts, hier noch größer als in anderen Bundesländern. Damit der Mangel nicht zur Krise wird, lassen Land und Wirtschaft für die Ideen-Expo – die Marketing-Agentur bewirbt sie als „Technik-Event mit Erlebnischarakter“ - nun zehn Millionen Euro springen.
Ausgezeichnete Perspektiven
„Wir wollen Schüler für unsere Studiengänge interessieren, bevor sie die entsprechenden Schulfächer in der Oberstufe abwählen“, erklärt Dieter Etling. Dass die technischen und naturwissenschaftlichen Fächer ausgezeichnete Perspektiven bieten, müssten junge Leute früher als bisher üblich erfahren. „Häufig kommen Gymnasiasten erst kurz vor ihrem Abitur zum ersten Mal an die Hochschule, um sich zu informieren“, berichtet der Klimatologe. „Das ist viel zu spät.“ Die Folge: Seit Mitte der 90er Jahre sind an der Uni Hannover die Studentenzahlen an den naturwissenschaftlichen Fakultäten deutlich zurückgegangen, erst jetzt scheint der Abwärtstrend gestoppt.
Um den Forschergeist zu wecken, war in den Wochen vor der Ideen-Expo eine „Road-Show“ zwischen Harz und Nordseeküste unterwegs, außerdem veranstaltet die Stiftung Niedersachsen-Metall einen Ideenwettbewerb. 170 Schulteams haben mitgemacht, die 20 besten Vorschläge sind jetzt in Hannover zu sehen. Vom Gymnasium Hittfeld etwa kam die Idee, ein Schiff zu konstruieren, das keine Tankstopps braucht – einen Solar-Wasserstoff-Trimaran. Näher am Schüler-Alltag liegt die an der Marienschule in Hildesheim entwickelte Griffheizung für Fahrradlenker. Eine Tafelputzmaschine, ein Nachbau des menschlichen Stimmapparats aus Wäscheklammern, Rohren und Luftballons, ein Vorschlag zur Energiegewinnung aus Altobst – die Liste der ungewöhnlichen Einfälle der Schüler ist so lang, als wollten sie Professor Etling widerlegen. „Die meisten wissen gar nicht, was es da alles Schönes gibt“, sagt dieser nämlich über die vermeintlich mangelnde Akzeptanz der exakten Wissenschaften bei den Jugendlichen.
Lukrative Arbeitsplätze
Was es da Schönes gibt, das sind nicht zuletzt lukrative Arbeitsplätze. Etling selbst kennt genug Klimatologen, die nicht als Wetterfrösche, sondern in Ingenieurbüros, bei Versicherungen und Reisekonzernen reüssiert haben. Besonders gute Chancen haben Absolventen derzeit bei kleinen und mittelständischen Unternehmen aus der Medizin-, Mess-, Steuer- und Regeltechnik sowie aus dem Fahrzeug- und Maschinenbau. Bei dem in Niedersachsen ansässigen Audiospezialisten Sennheiser etwa konnte in diesem Jahr mangels qualifizierter Bewerber nur die Hälfte der offenen Ingenieurstellen besetzt werden. Jetzt ist Sennheiser einer der Sponsoren der Ideen-Expo.
Aber kann eine Experimentier-Ausstellung für Zehn- bis Zweiundzwanzigjährige der richtige Ort sein, um Nachwuchskräfte zu finden? Dietrich Kröncke, der Aufsichtsratsvorsitzende der Ideen-Expo, nimmt den Einwand ernst. „Als Rekrutierungsmesse verstehen wir uns nicht. Wir wollen zwar der Industrie zu Nachwuchs verhelfen, aber in erster Linie den Jugendlichen Berufe aufzeigen, die ihnen eine sichere Zukunft bieten.“ Für Dieter Etling klingt das nach einem richtigen Signal. „Das Gejammere über den Nachwuchsmangel sollte dringend aufhören. Stattdessen sollten wir diesen Mangel aktiv bekämpfen.“ Er selbst ist von der Initiative begeistert genug, um den Besuchern auch am Wochenende das Wetter und den Tornado zu erklären. Bei Christian Wulff war das nicht nötig. Der Ministerpräsident, der offiziell als Initiator der Ideen-Expo firmiert, war nach dem Fototermin am Wassertank schnell wieder weg. „Er hat nicht nachgefragt“, sagt Etling, „wahrscheinlich hatte er keine Zeit.“ Vielleicht kommt er aber in zwei Jahren mit mehr Neugier als Termindruck wieder, zur geplanten zweiten Auflage der Ideen-Expo in Hannover.
"begeistern"
Chan Fei Yung (smileface)
- 06.10.2007, 18:06 Uhr