09.02.2010 · Viele Hochschulen sind mit ihrem Namen nicht zufrieden und suchen eine neue Bezeichnung für sich selbst. Nicht immer tun sie sich damit einen Gefallen. Denn oft kommen am Ende statt einfallsreicher Namen Wortungetüme dabei heraus.
Von Sebastian BalzterKomponist war Holm Keller früher, er weiß, was gut klingt. Als er nach Lüneburg gerufen wurde, um als Vizepräsident aus der dortigen Pädagogischen Hochschule eine Universität mit Modellcharakter zu machen, wusste er deshalb auch genau, wonach sich PH Lüneburg anhört. Jedenfalls nicht nach dem Erwünschten, nicht nach Weltläufigkeit, Fortschrittlichkeit, Exzellenz. Ein neuer Name musste her.
Kurz darauf stießen Keller und die Werbeprofis aus der Agentur Scholz & Friends im fast 2000 Jahre alten Weltatlas des griechischen Geographen Ptolemäus auf eine Siedlung an der Elbe namens Leuphana, und es machte Klick. Mit Lüneburg hatte jener Ort zwar nie etwas zu tun, aber im Praxistest - amerikanische Professoren wurden darum gebeten, die Qualität einer Reihe von deutschen Hochschulen zu bewerten - schnitt die in die Liste geschmuggelte, damals noch gar nicht existierende Leuphana-Universität bestens ab. Vier Jahre nach ihrer Gründung hört Keller den Namen noch immer so gern, dass er diese Geschichte freimütig erzählt.
Trend zum Umtaufen
Und in den Rektoraten im Land lauscht man ihm offenbar, das Lüneburger Vorbild hat viele Nachahmer gefunden. Wenn die Bologna-Reform die Hochschulen schon im Innersten verändert und Lehr- und Studienbedingungen auf den Kopf stellt, so ließe sich der Trend zum Umtaufen auch erklären, dann kann ein neues äußeres Etikett nicht schaden. In Scharen haben sich zum Beispiel die Fachhochschulen ihrer ersten Silbe entledigt und sich im Streben nach Internationalität Namen gegeben, die im Extremfall so entlarvend sind wie das deutsch-englische Ungeheuer „Hochschule RheinMain University of Applied Sciences Wiesbaden Rüsselsheim Geisenheim“. Die Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel ihrerseits tauschte ihren einst so verlässlich klingenden Namen gegen den luftigen Titel „Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften“ ein, und die Merkur Internationale Fachhochschule Karlsruhe heißt nun Karlshochschule - nicht besonders originell, aber immerhin schlichter als zuvor.
Dabei bemühen sich private Einrichtungen wie diese in ihrer Außendarstellung gewöhnlich um besonders großen Erfindungsreichtum. Die Heilbronn Business School etwa, finanziert aus den Stiftungen des Lidl-Eigentümers Dieter Schwarz, nennt sich seit vergangenem Jahr „German Graduate School of Management and Law“ - und wirbt für sich mit Spots im Kino und im Internet. Eher zu viel als zu wenig Aufmerksamkeit zog dagegen in der Vergangenheit die Schweizer Managementschule GSBA auf sich, der unlautere Werbemethoden vorgeworfen wurden. Peter Lorange, gebürtiger Norweger und früher Präsident der Renommierhochschule IMD in Lausanne, kaufte und taufte das Sorgenkind, das jetzt „Lorange Institute of Business“ heißt.
„Mit Namen muss man sich unangreifbar machen“
Diese Entscheidung hält Manfred Gotta, der seit 25 Jahren sein Geld damit verdient, einprägsame Namen für neue Produkte und Unternehmen zu finden, für besonders riskant. „Mit Namen muss man sich unangreifbar machen“, sagt er. „Wenn der Mann - und sei es völlig unverschuldet - ins Gerede kommt, hat auch die Hochschule einen Kratzer.“ Gotta, der unter anderem den Automodellen Vectra und Twingo ihre Namen gegeben hat, hält von den Neubenennungen der Hochschulen nicht viel.
Die meisten bedienen sich mehr oder weniger prominenter Bürgen: In Erfurt gibt es eine neue „Willy Brandt School of Public Policy“, in Darmstadt ist die Private Fernhochschule zur Wilhelm-Büchner-Hochschule geworden. „Phantasievoll ist das alles nicht“, kritisiert Gotta. Keine der Hochschulen positioniere sich dadurch als begehrenswertes Original. Die Voraussetzung dafür sei allerdings, räumt Gotta ein, dass zuallererst auch der Inhalt stimmen müsse. Das klingt zwar altmodisch, ist aber kein schlechter Einwand. Vielleicht findet er sogar in manchen Rektoraten mit Umbenennungstendenz Gehör.