http://www.faz.net/-gyl-9b8ek

Wenn Computer komponieren : Mozart aus der Maschine

  • -Aktualisiert am

Macht Künstliche Intelligenz künftig die Komposition kreativer? Oder klingt das wie „aus der Maschine“? Bild: SP Books

Für Hintergrundmusik im Aufzug oder Supermarkt reicht‘s schon. Kann Künstliche Intelligenz Studenten der Komposition auch helfen, alten Meistern nachzueifern?

          Neulich in Berlin: 250 Managern werden bei einer Veranstaltung drei Werke klassischer Musik vorgespielt. Die Frage: Welches wurde nicht vom Menschen, sondern von Künstlicher Intelligenz (KI) komponiert? Das Ergebnis per Handzeichen zeigt: Mehr als zwei Drittel der Zuhörer konnten es nicht unterscheiden. Die Vorgehensweise Beethovens, mit dem Federkiel Melodien aufs Papier zu bringen, ist in weiten Teilen durch digitale Hilfsmittel abgelöst worden. Sie sind heute auch Inhalt des Kompositions-Studiums.

          Denn Neues zu erschaffen ist mühsam und hängt auch vom Zufall ab. Um diesem auf die Sprünge zu helfen und den kreativen Prozess zu rationalisieren, hatte schon Mozart der Nachwelt die Anleitung für „musikalische Würfelspiele“ hinterlassen, um „so viel Walzer oder Schleifer (...) zu componiren so viel man will, ohne musikalisch zu seyn noch etwas von der Composition zu verstehen“. Dahinter steht die Auffassung, dass Musik eine Zahlenanordnung ist, die man zufällig variieren oder Regeln unterwerfen kann – die also auch als Algorithmen programmiert werden können.

          Das Kompositions-Studium, das an zwanzig Hochschulen in Deutschland angeboten wird, misst der Digitalisierung je nach Ausrichtung des Studienfachs unterschiedliche Bedeutung und unterschiedlichen Umfang zu. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt etwa wird Instrumental-Komposition gelehrt. Dabei verlangt Orm Finnendahl, Professor für Komposition, von seinen Studenten, dass sie sich „mit den Mitteln unserer Zeit auseinandersetzen“ und sich im Bereich der digitalen Komposition Technik-Kompetenz aneignen.

          Erbarmungslose Konkurrenz

          Dabei beschäftigen sie sich mit algorithmischen Grundlagen und erarbeiten die strukturellen Eigenschaften, simulieren am Rechner und erfinden bei der Programmierung Regeln. „Ich sehe beim Einsatz des Computers den universellen Künstlergedanken von da Vinci: Man muss die Arbeitsweise als Ganzes verstehen, um Zusammenhänge herzustellen“, sagt Finnendahl, der selbst seit mehr als 30 Jahren digital komponiert. Er hält es für unverzeihlich, dass fast keiner seiner Studenten eine Idee davon habe, wie automatisch generierte Musik entstanden sei, die sie ständig auf Youtube hörten.

          Hingegen eignen sich Bachelor-Studenten an der Hochschule für Musik (HfM) Detmold solches Wissen im Schwerpunkt „Elektroakustische und multimediale Musik“ an. Für Aristotelis Hadjakos, Professor für Musikinformatik, ist die Digitalisierung im Kompositions-Studium weniger eine Ablösung von Althergebrachtem als vielmehr eine Ergänzung. Deren Anteil in der Ausbildung sei abhängig von der Informatik-Affinität jedes Studierenden. Die angehenden Komponisten würden im Studium lernen, mit grafischen Programmierumgebungen umzugehen, die einen experimentellen Einsatz ermöglichen. „Damit kann man Notenmuster programmieren und bei Live-Elektronik Klänge dazu spielen“, sagt Hadjakos. Die Software sei in der Lage, sehr schnell sehr viel zu produzieren, und könne mit ihrer hohen Geschwindigkeit unmittelbar auf Musiker reagieren.

          Seine frühere Studentin, die 26 Jahre alte Marina Schlagintweit, hat den Bachelor-Studiengang Komposition abgeschlossen, dessen Frauenanteil unter den Studierenden in Deutschland bei einem Drittel liegt. Sie habe früh angefangen, Musik zu erfinden, und im Studium das Handwerkszeug für digitale Musikproduktion gelernt. „Die Elektronik ist ein Instrument, das ich für jedes Stück neu bauen kann“, sagt die junge Komponistin. „Mir geht es dabei nicht um die Technik an sich, sondern darum, musikalisch auszudrücken, was mich am Leben fasziniert.“

          Die Kompositions-Absolventen befinden sich in einer erbarmungslosen Konkurrenzsituation: Jeder der knapp vierhundert Studierenden in Deutschland hat zum Ziel, nach dem Studium Aufträge zu erhalten und dass die Werke weiterhin aufgeführt werden. Aber „niemand lebt von der Komposition“, zerstört Fabien Lévy, Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Leipzig, jegliche Illusion. „Auch Mozart hat es nicht geschafft, als freischaffender Komponist zu überleben. Und wenn er es nicht schaffte, dann kann es niemand.“ Bis auf wenige Ausnahmen gehe es beim Komponieren von ernster Musik nicht darum, Geld zu verdienen, sondern nur genug Geld zu haben, um weiter komponieren zu können. Dennoch erfreut sich das Studienfach einer wachsenden Beliebtheit, denn laut Statistischem Bundesamt hat sich die Anzahl in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel erhöht. Dabei stammt die Hälfte der Studierenden, die Bachelor-, Masterstudiengang und Meisterklassen belegen, aus Deutschland.

          „Noch in der klassischen Musik verhaftet“

          Bei allen Anstrengungen, heutige Studenten für ihre zukünftige Tätigkeit als Komponisten vorzubereiten, stellt sich die Frage, welche Konzertbesucher ihre Musik ansprechen soll. „Man ist heute noch in der klassischen und romantischen Musik verhaftet und kaum an Neuer Musik interessiert“, beschreibt Lévy die Präferenz der meisten Konzertbesucher subventionierter Musikinstitutionen.

          In der Zeit Beethovens dagegen habe es nur neue Musik gegeben. „Anfang des 20. Jahrhunderts hatte jedes Konzert eine Uraufführung. Und was ist heute?“, fragt Lévy. Man habe früher viel mehr experimentiert und war offener für Neues. Anders als in der bildenden Kunst oder dem Theater reproduziere die heutige Musik Musealität. „Wir leben überhaupt nicht in unserer Zeit. Alle haben Handys und Computer“, bemängelt Lévy. „Als Mozart sein Klarinettenkonzert komponiert hat, war dieses Instrument ganz neu. Eigentlich müssten wir dauernd mit dem Computer komponieren.“ Auch für Orm Finnendahl aus Frankfurt steht fest: „Wir können nicht so tun, als ob sich in den letzten 100 Jahren nichts getan hat.“ Daher sei die Digitalisierung im Kompositions-Studium unabdingbar. „Wir als Hochschulen müssen das Thema aufgreifen und nicht der Industrie überlassen.“ Musik sei Kunst und keine Dienstleistung, so Finnendahl.

          F.A.Z. Digitec: jetzt testen!
          F.A.Z. Digitec: jetzt testen!

          Nehmen Sie die digitale Zukunft selbst in die Hand.

          Mehr erfahren

          Fabien Lévy lehrt Instrumental-Komposition und nutzt selbst den Computer als Hilfsmittel, um dadurch Zeit für Kreativität zu gewinnen: Er habe Meta-Kompositionen programmieren lassen, zweite Stimmen als Ergänzung zu vorhandenen Werken generiert und auch auf der Suche nach einem neuen Klang den Computer genutzt. Von seinen Studenten erwartet Lévy, dass sie wie neugierige Kinder ständig Neues ausprobieren, dieses in allen Facetten durchdringen und ihren Horizont erweitern. „Man leidet viel in meinem Unterricht“, sagt Lévy. Die Studenten seien meist von ihrer eigenen Unzulänglichkeit enttäuscht.

          Mit KI zusammenarbeiten

          In allen Studienformen befassen sich die Studenten der Leipziger HMT im Fach „Elektroakustische Musik“ mit Klangverarbeitung, entsprechender Technik und ihren Grundlagen. Dabei wird im Bereich der Musikinformatik Wissen vermittelt, um Algorithmen für die Generierung verschiedener Klänge zu programmieren. KI – im Sinne von selbstlernenden Systemen – ist in der Lehre bisher allerdings nicht relevant. Andernorts arbeiten Forscher und Künstler daran, mit KI Musik zu komponieren. Das Start-up Avia Technologies aus Luxemburg etwa habe mit ihrer Hilfe Neukompositionen klassischer Musik entwickelt. Dem zugrunde liegen Muster bekannter klassischer Stilistik. Noch hat das System keinen einzigartigen Klang und nicht die entsprechende Orchestrierung gefunden. „Aber dies ist nur noch eine Frage der Zeit. Hinzu kommt, dass die Künstliche Intelligenz ihr eigenes Ding daraus macht und in musikalische Räume springt, an die noch keiner gedacht hat“, sagt Christian Schulmeyer, Geschäftsführer des KI-Softwareherstellers Empolis, der das eingangs erwähnte musikalische Rate-Quiz durchführte.

          Auch Eric Busch, Lehrbeauftragter für Elektroakustische Musik an der HMT, sieht die Möglichkeit, durch KI Musik zu komponieren, die eine ganz eigene Ästhetik entwickelt und sich so von den Kompositionen unterscheidet, die der Mensch hervorbringt. Statt sich mit der Maschine zu messen, wer die bessere Musik komponieren kann, ist eine Zusammenarbeit mit KI sinnvoll, bei der beide ihr kreatives Potential ausschöpfen. Busch sieht die Stärken von KI als Analysemethode in der Komposition und bei der automatischen Generierung von Hintergrundmusik, etwa für Fahrstühle und Hotels. Denn oft werden dabei bestehende Musikstile nachgebildet. „Wer mit einer Maschine versucht, im Stile von Mahler zu komponieren, der reproduziert nur – und das ohne Aura“, sagt Lévy. Bisher muss der Mensch eingreifen und das Regelwerk vorgeben, denn das Geniale entsteht nicht von selbst. „Der Künstler ist der, der auswählt“, sagt Lévy. „Am Ende gibt es die Frage der Entscheidung. Und die Maschine wird nie entscheiden.“

          Weitere Themen

          Get Back!

          Paul McCartney in Liverpool : Get Back!

          Paul McCartney ist auch mit 76 Jahren unermüdlich, legt diese Woche ein neues Album vor und beglückt mit einem Konzert seine alte Heimatstadt Liverpool im intimen Kreis von rund 400 Zuhörern. Unser Autor hat ihn dort erlebt.

          Topmeldungen

          Morddrohung nach AfD-Satire : Der Vernichtungsreflex

          Wegen eines Satirevideos bekommt Schlecky Silberstein, der Kopf des „Bohemian Browser Ballett“, Hausbesuch von der AfD. Und eine Morddrohung. Die Partei zeigt, was wirklich in ihr steckt.

          Platzverweis für Ronaldo : „Rot und Tränen“

          Weltweit wird die Rote Karte für Cristiano Ronaldo diskutiert. Die Medien kommentieren den tränenreichen Abgang und kritisieren den deutschen Schiedsrichter Felix Brych. Ronaldos Schwester reagiert polemisch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.