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„Movies and Medicine“ Wenn der Hörsaal zum Kino wird

03.01.2012 ·  An der Münchener Universität schauen sich Medizinstudenten Kinofilme an und bekommen einen neuen Zugang zu ihrem Fach.

Von Lucia Schmidt
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Eigentlich fehlt nur noch die Werbung vor dem Hauptfilm, ansonsten erinnert der Chirurgie-Hörsaal der Münchner Universitätsklinik mehr an einen Kinosaal als an einen Unterrichtsraum. Das Licht ist gedämpft. Am Eingang kann man Knabbereien und kalte Getränke kaufen. Die weiße Leinwand mit dem leuchtenden Lichtkegel des Beamers kündigt den Film an, und die besten Plätze hinten in der Mitte sind schon besetzt. Die knarrenden Klappstühle haben zwar wenig von einem Kinosessel, das ständige Aufstehen von ihnen, um jemandem Platz zu machen, ist hingegen Kinogefühl pur. Dreimal im Semester heißt es an der Münchener Universität an einem Dienstagabend: Film ab!

„Seit 2008 gibt es hier solche Filmabende“, erzählt Dorothea Lipp. Die 26-Jährige ist Teil des Teams aus sechs Studenten, das die Abende vorbereitet und die Filme auswählt. Dabei studieren die sechs nicht Medienwissenschaften, sondern Medizin. „Alle Filme, die wir zeigen, haben ein medizinisches Thema zum Gegenstand“, erklärt Lipp. Bei der Auswahl der Filme lassen sich die Studenten von offenen Fragen aus dem Unterricht oder von interessanten Krankheitsbildern, die im Studium zu kurz kommen, leiten. Lipp fährt sogar auf Filmfestivals, um geeignete Filme zu entdecken. „Movies and Medicine“ heißt die ungewöhnliche Lehrveranstaltung, die so ähnlich außer in München nach Lipps Schätzungen noch an acht anderen deutschen Universitätskliniken angeboten wird.

170 Euro für eine Vorführung

Filme schauen als medizinische Lehrveranstaltung? „Ja, wir laden nämlich zu jedem Thema einen Experten ein, der den Film mit anschaut und danach zur Diskussion und für Fragen bereitsteht“, sagt Lipp. Meistens handelt es sich bei den Fachleuten um Ärzte der betroffenen Fachrichtung. So wurde der dänische Film „Adams Äpfel“ in Begleitung eines Facharztes für forensische Psychiatrie gezeigt, der Film „Knocking on Heaven’s Door“ mit einem Facharzt für Onkologie und nach dem Film „Million Dollar Baby“ stand ein Experte für „Spiritual Care“ zur Diskussion bereit; dabei ging es um die spirituellen Bedürfnisse kranker Menschen.

„Auf diese Art bekommt man einen ganz anderen Zugang zu der Erkrankung oder dem Fachgebiet. Dinge, die man emotional aufnimmt und mit einem guten Gefühl gelernt hat, behält man besser“, erklärt Lipp. Das belegten auch wissenschaftliche Untersuchungen. Für sich selbst kann sie das nur bestätigen: „Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an den berührenden Film ,XXY’, in dem es um ein Kind geht, das sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsanlagen in sich trägt und als intersexuell bezeichnet wird. Was ich über dieses Krankheitsbild dabei gelernt habe, vergesse ich nicht wieder.“

Die Veranstaltungsreihe wird derzeit noch aus Lehrmitteln und Studiengebühren finanziert. Von diesem Jahr an sollen dafür ausschließlich Studiengebühren genutzt werden. Am meisten Geld verschlingt der Erwerb der Vorführungsrechte für einen Abend. „160 bis 170 Euro müssen wir oftmals für eine Vorführung zahlen“, sagt Lipp.

Kein Film zum Thema Arztfehler

Die Idee, Medizin und Film zu verbinden, hatte der Münchner Chirurg Matthias Siebeck vor mehr als fünf Jahren. In einem kleinen Kino etwas außerhalb von München lud er damals Medizinstudenten und Experten nach der Vorstellung zu einer Diskussion ein. Seit 2008 ist das Anschauen von Filmen fester Bestandteil des Lehrangebotes an der Ludwig-Maximilian-Universität. In den vergangenen Jahren wurden beispielsweise die Themen Sucht, Transplantation, Rauchen, Pharmaindustrie und todkranke Kinder behandelt. Gerne würde Lipp das Thema Arztfehler bei „Movies and Medicine“ erörtern. „Eine Problematik, die im Studium fast nicht besprochen wird“, sagt sie. Einen passenden Film hat die gebürtige Leipzigerin dazu aber noch nicht gefunden.

Dafür wagte sich das Studententeam Mitte Dezember an eine ganz andere Form der Kunst heran, nach der Devise Hören statt Sehen. Der blinde Hörspiel-Sprecher Reiner Unglaub las in einem völlig dunklen Hörsaal aus dem Roman „Stadt der Blinden“ von José Saramago und beantwortete danach - immer noch im Dunkeln - Fragen zum Leben ohne Augenlicht. Lesungen nun regelmäßiger in die Veranstaltungsreihe aufzunehmen ist zwar nicht geplant, aber auch dieser Abend hat die angehenden Mediziner nachhaltig beeindruckt.

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